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Auf die Dame kommt es an

»Es stellet das Schachspiel gleichsam eine Art von zwey kleinen Kriegsheeren vor, welche gegen einander stehen, und im Begriffe sind ein Treffen zu liefern. Das Schlachtfeld ist ein Damen- oder Schachbret, welches 32 weiße und 32 schwarze Quadrat-Felder enthält.« So beginnt der um 1600 in Kalabrien geborene Gioachino Greco Calabrois seine 1625 publizierte Abhandlung über das Schachspiel, die grossen Einfluss auf Theorie und Praxis des Spiels hatte und die Entwicklung desselben in Europa über mehrere Jahrhunderte beeinflusste. Bahnbrechend waren insbesondere die von ihm aufgezeigten taktischen Möglichkeiten des Figurenspiels und die überraschenden Kombinationen und Wendungen, die er selbst auch in seinen Spielen vorführte. Schon 1619 waren Grecos neue Taktiken in Rom aufgefallen, als er damit mehrere führende Schachmeister bezwang.

Greco stand am Ende des sogenannt »Goldenen Zeitalters« des italienischen Schachs. Bereits im 15. Jahrhundert waren die Spielregeln einer erheblichen Veränderung unterzogen worden, sodass man seither vom »modernen Schach« spricht. Von früheren Formen unterschied sich dieses durch neue Taktiken und andere Eröffnungen, wodurch es an Tempo und gleichzeitig an Popularität gewann. Im Laufe der folgenden Jahrhunderte wurde das Spiel zu einem wichtigen Bestandteil der bürgerlichen Kultur, regelmässige Schachturniere wurden ausgetragen, in Paris die berühmten Schachcafés gegründet sowie in Zürich 1809 der erste Schachverein.

Grecos Abhandlung sowie weiteres Material zur Schachtheorie aus seinem Nachlass wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt und in vielen Auflagen gedruckt. Die erste Übersetzung ins Deutsche gab der Aufklärer und Schachautor Moses Hirschel 1784 in Breslau unter dem Titel Das Schach des Herrn Gioachino Greco Calabrois und die Schachspiel-Geheimnisse des Arabers Philipp Stamma heraus. Wie der Titel sagt, enthält Hirschels Publikation nebst Grecos Text auch eine Wiederauflage der vom 1705 in Aleppo geborenen Berufsschachspieler Philipp Stamma verfassten Schachspiel-Geheimnisse. Dieses 1737 verfasste Schachbuch sollte den Spielern taktische Mittel zeigen, um sich aus schwierigen Situationen zu befreien. Grund für die Publikation war Stammas Ansicht, dass »in unserm Lande [=Syrien] die Spieler sich rathen lassen, und ein jeder gemeiniglich sich zum Spiel einen Beystand erwählet; dahingegen in England, Italien, Frankreich und andern Ländern, so ich gesehen habe, ein jeder nach seinem Gutdünken spielet, und nicht leiden will, daß man ihm in sein Spiel rede [und es] in Europa wenige gebe, welche mit den morgenländischen in Vergleichung könnten gestellet werden.« Neben den Schachspielgeheimnissen enthielt Stammas Buch ausserdem Kritik an der Abhandlung Grecos sowie den Ratschlag an die Spieler, so zu spielen, als fechte man einen wirklichen Kampf aus und sich die Kriegsstrategie zum Vorbild zu nehmen.

Mit der »Uebersetzung des so sehr selten gewordenen Buchs des Herrn Calabrois, eines gebohrnen Italieners, der, bey aller seiner Irregulariät, doch sehr vortrefliche und sinnreiche Spiele gemacht hat« und den »100 vortreflichen Schachspiel-Geheimnissen des Herrn Stamma« erhoffte sich Moses Hirschel – als er die Publikationen der beiden grossen Schachmeister in einer vereinte – »zu dem Vergnügen des Publikums etwas beygetragen [zu] haben«. Durch die Schenkung von Xaver Schnyder von Wartensee fanden die Tipps und Tricks zum Schachspiel im 19. Jahrhundert dann auch den Weg in die Museumsgesellschaft, wo sie vielleicht sogar einem Mitglied zu einer erfolgreichen Schachpartie verhalfen.             S.L.

 

Das Schach des Herrn Gioachino Greco Calabrois und die Schachspiel-Geheimnisse des Arabers Philipp Stamma, verbessert, und nach einer ganz neuen Methode zur Erleichterung der Spielenden umgearbeitet von Moses Hirschel. Breslau, bey Gottlieb Löwe, 1784, Signatur S 327