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Corona

«Ihre Corona war ein hübsches Abendrot über dem untergehenden geistigen Deutschland.»[1]

Wer hätte gedacht, dass sich Corona unbemerkt seit vielen Jahren schon in der Bibliothek der Museumsgesellschaft eingenistet hat. Einem treffsicheren Griff von Literaturhausgründer und Museumsgesellschaft-Mitglied Richard Reich ins Buchregal ist es zu verdanken, dass wir unseren Corona Horizont mit diesem Fundstück erweitern können. Da stehen nämlich 10 dicke Zeitschriftenbände sowie 4 dünne Hefte, beschriftet mit «Corona».

«Wir setzen kein Programm, wir teilen nur mit, wem man bei uns begegnen wird: den heute Wirkenden und denen, die noch wirken, obwohl sie nicht mehr mit uns im Lichte wandeln […], ihrer Erzählung, ihrem Gespräch, ihrem Gedicht und Drama, ihren Reden, Betrachtungen und Briefen. Die Kulturnationen der Welt […] werden sich in unseren Heften einfinden und ihre besten Eigenschaften gegen einander austauschen. Unserem […] geistigen Leben den Raum und die Achtung zu sichern, die ihm gebühren, ist unser Vorsatz […].»  

Mit diesem Begleitschreiben wurde das erste Heft, der zwischen 1930 und 1943 erscheinenden Literaturzeitschrift «Corona» verschickt. Gegründet und herausgegeben wurde sie von Martin Bodmer (1899 - 1971) und Herbert Steiner (1892 - 1966). Bodmer, v.a. bekannt durch seine Sammlertätigkeit, die in seiner «Bibliothek der Weltliteratur» (Bibliotheca Bodmeriana) mündete, stammte aus wohlhabendem Zürcher Geschlecht und fungierte auch als Finanzierer des «literarischen Eliteorgans». Bereits 1921 hatte er den Gottfried-Keller-Preis gestiftet. Als Mit-Herausgeber der Corona konnte er Steiner gewinnen, Redaktor der Zeitschrift des Lesezirkels Hottingen und Mitglied der Museumsgesellschaft.

Wer in der «Corona» publizierte, tat das in der Regel auf Einladung, entscheidend waren für die Herausgeber ihre ästhetischen Vorlieben; wirtschaftliche Überlegungen waren zweitrangig. Nur die besten Texte der besten Autoren der deutschen und europäischen Literatur sollten versammelt werden. Dabei war die Zeitschrift kein Forum der jungen Literatur, sondern sah sich in der Tradition der «Konservativen Revolution» einer bürgerlichen Humanität verpflichtet. Diese elitäre Haltung ging mit einem verlegerischen Perfektionismus einher. Das ästhetische Erscheinungsbild, die innere und äussere Form, waren den Herausgebern wichtig.

Der Verlag der Bremer Presse gab 1930 den 1. Jahrgang in bibliophiler Ausgabe auf bestem Papier und in edler Gestaltung heraus. Das Defizit wurde dadurch aber sogar für Bodmer zu hoch, die folgenden Jahrgänge erschienen in bescheidenerer Aufmachung bei Oldenbourg.

Die inhaltliche Ausrichtung der Zeitschrift blieb in der ganzen Erscheinungszeit praktisch unverändert. Aufgrund ihres Schweizer Herausgebers und Finanziers genoss die «Corona» eine Art Sonderstatus in Deutschland und konnte in den 30er-Jahren noch Beiträge von Autoren veröffentlichen, die in Deutschland nicht mehr publizieren konnten.

Mit Kriegsbeginn wurde die Herausgabe der Zeitschrift allerdings zunehmend schwieriger. 1941 emigrierte Steiner in die USA, Bodmer, der seit 1940 für das IKRK in Genf tätig war, hatte kaum mehr Zeit, sich um die «Corona» zu kümmern. Zudem war er nicht bereit, inhaltliche Konzessionen zu machen, was aber wohl unumgänglich geworden wäre, wie einem Schreiben des Verlags von 1942 an Bodmer zu entnehmen ist: «Zum ersten Mal […] muss ich Sie zu meinem aufrichtigen Bedauern darauf aufmerksam machen, dass fast die Hälfte des vorgesehenen Inhalts dieses Heftes in Deutschland auf Widerstand stossen würde. Ich bitte Sie, mir ein näheres Eingehen auf die Gründe diese Einwandes zu ersparen und versichert zu sein, dass ich Sie nicht behelligen würde, wenn ich es nicht im Interesse der Sache für unbedingt erforderlich hielte.»

1942 kündigte Bodmer die Einstellung der Zeitschrift an. Der 10. (letzte) Jahrgang, 1940 begonnen, konnte erst 1943 abgeschlossen werden. Von der zweiten Folge unter neuer Herausgeberschaft (mit überraschend wenig Anpassungen) erschienen 1943/44 noch 4 Hefte, bevor die Zeitschrift vollends eingestellt wurde.

 

Corona: Zweimonatsschrift / hrsg. von Martin Bodmer und Herbert Steiner. 1930-1943, München, Oldenburg. Signatur: C 232.

 

[1] Hermann Hesse an Herbert Steiner, 14.5.1945, zit. nach Wittman, Reinhard: Wissen für die Zukunft. 150 Jahre Oldenbourg Verlag, 2008, S. 259.