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"Das Ärgernis ist beseitigt!"

Das gemäss seinem Autor «anstössigste Buch der Welt» führte am 5. Juni 1931, nur fünf Tage nachdem der Titel in die Bibliothek der Museums­gesellschaft aufgenommen worden war, zu einem langen, empörten Eintrag im De­siderienbuch. Dieser gipfelte im Antrag, man möge diesen «unsauberen u. der Museumsge­sellschaft übel anstehenden Privatdruck sofort ‘sekretieren’ u. dem sog. ‘Giftschrank’ einverlei­ben, wo er vermodern möge […]».

Es handelte sich dabei um ‘Lady Chatterley’s Lover’ von D.H. Lawrence.

Der Roman erzählt die Geschichte eines Ehe­bruchs; einer Liebesaffäre zwischen Angehöri­gen unterschiedlicher Klassen und bringt auch Kritik an Industrialisierung und Kapitalismus zum Ausdruck. Vor allem aber beschreibt Lawrence explizite Sexszenen und verwendet jede Menge un­anständige Wörter (‘four letter words’). Dafür wurde der Roman berühmt-berüchtigt und löste 1960 den grössten ’Obszönitäten-Prozess’ der briti­schen Literaturgeschichte aus.

Es gibt Kritiker, die entsprechend weniger den Inhalt als vielmehr die Re­zeptions- und Publikationsgeschichte des Romans bemerkenswert finden. Lawrence verfasste insgesamt drei Versionen des Romans.

Die dritte Fassung wollte er publizieren. Da das Manuskript aber von sämt­lichen Verlegern abgelehnt wurde, veröffentlichte er 1928 die dritte Fas­sung als Privatdruck in Florenz. In dieser ersten Auflage wurden 1'000 nummerierte Exemplare gedruckt, die Lawrence alle signierte und eigen­händig paketweise an Buchhändler in aller Welt verschickte. 1929 konnte der Autor in Frankreich eine weitere Ausgabe drucken und verschicken lassen. Von den nach England und in die USA versandten Büchern wurde jedoch ein grosser Teil vom Zoll beschlagnahmt und vernichtet.

In der Folge erschienen in den USA mindestens drei verschiedene Raub­drucke, ein weiterer in Europa. Das bewog Lawrence dazu, in Frankreich eine eigene billige Edition zu drucken. Seine Probleme mit den verschie­denen Raubkopien hält er im Vorwort ‘My skirmish with Jolly Roger’ fest. Darin beschreibt er, wie er versucht war, den Bitten englischer Verleger nachzukommen, das Buch in einer ‘gesäuber­ten’ Fassung zu veröffentlichen. Allein er schaffte es nicht und verglich den Versuch damit, seine eigene Nase mit der Schere in Form zu bringen. «But impossible! I might as well try to clip my own nose into shape with scissors. The book bleeds.»

Erst 1959 wurde der Zensurbann in den USA aufgehoben, und 1960, nachdem der Verlag den zur Publikationsverhinderung angestrebten Pro­zess wegen Verbreitung pornografischen Schrifttums gewonnen hatte, er­schien in Grossbritannien die dritte Fassung bei Penguin Books. Die Start­auflage von 200'000 Stück war bereits am ersten Verkaufstag ausverkauft, in drei Monaten ging der Titel drei Millionen Mal über die Ladentheke.

Die Vorsteherschaft der Museumsgesellschaft notierte 1931 im Desi-derienbuch knapp: «Das Ärgernis ist beseitigt», entsorgte das Buch (ein Exemplar des Eigendrucks von 1930) jedoch offensichtlich nicht; es steht heute noch (wieder?) in unseren Magazinen. Den Gebrauchsspuren nach, wurde es auch gelesen. Heute wird diese Ausgabe aufgrund ihrer Ge­schichte nur noch in den Lesesaal ausgeliehen.

Die erste (‘The first Lady Chatterley’) und zweite (‘John Thomas and Lady Jane’) Fassung des Romans wurden in den 40ern, bzw. in den 70er Jah­ren ebenfalls veröffentlicht. Die Museumsgesellschaft hat je eine deutsche und eine englische Ausgabe der zweiten sowie eine deutsche Ausgabe der ersten Version in ihrem Bestand. Diese Titel können nach Hause aus­geliehen werden.

 

Lawrence, D. H.: Lady Chatterley’s Lover, including my skirmish with Jolly Roger, written especially and exclusively as an introduction to this popular edition. Privately Printed, 1930. Signatur A 5825.