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Der Pilot von 1840

Kürzlich ist mir eine Anfrage einer Berliner Forschungsstelle aus dem Jahr 1998 in die Hände gefallen: ob wir die Zeitschrift „Der Pilot“ von 1840 auf ihre Kosten verfilmen könnten, denn diese Zeitschrift finde sich – von einigen Fragmenten abgesehen – nur in der Museums­gesellschaft. Die knappe Antwort von damals lag dabei: „Der Pilot“ lasse sich leider nicht mehr finden, sei wohl vor langer Zeit ausgeschieden worden. Ein Gang ins Magazin, zu den Gross­formaten, förderte ihn aber sofort zu Tage. Und so startete ich meinerseits ein Anfrage an den da­maligen Ab­sender: ob er am ‚Piloten‘ noch inte­res­siert sei? Die Antwort kam per Mail: Mittlerweile im 89. Lebensjahr stehend, sei er es immer noch. Statt verfilmt, wurde „Der Pilot“ nun in der Zentralbibliothek gescannt und wird in Kürze auf das Portal e-rara geladen, wo er allen Forschern zugänglich sein wird.

Mit Aviatik hat „Der Pilot“ wenig zu tun, nicht einmal mit Luftschiffern von Montgolfièren, wie sie Jean Paul mit seinem Gianozzo in die Literatur gebracht hat, eher schon mit der Seefahrt, denn „Pilot“ steht hier für „Lotse“, und ein Lotse will die Zeitschrift sein in den in- und ausländi­schen Gewässern der Literatur und Politik. Zuerst wöchentlich, dann zweimal und schliesslich viermal wöchentlich im dänischen und deshalb zensurfreien Altona erscheinend, war „Der Pilot“ als „begleitendes Bei­blatt“ der Vierteljahrsschrift „Der Freihafen“ konzipiert, sozusagen als Schlepper, auf dem der Lotse „Das Material der Zeit“ zusammenbrachte, das im „Freihafen“ dann zu „zusammen­fassenden Artikeln“ verarbeitet wurde.

Herausgeber beider Zeitschriften war Theodor Mundt (1808–1861), in den 1830er-Jahren eine Galionsfigur des Jungen Deutschland, jetzt aber, 1840, in seinem Radikalismus gemässigt, aber trotzdem noch vielfach aneckend und deshalb in seiner Karriere als Literaturhistoriker gehindert. „Der Pilot“ war wie die anderen Zeitschriften Mundts ziemlich kurzlebig, drei Jahrgänge sind erschienen, von denen wir immerhin den ersten vollständig besitzen.

„Der Pilot“ brachte, schön gedruckt, was der Untertitel versprach: Berich­te über die gesellschaftlichen und politischen Zustände der deutschen Staaten und des Auslands: Frankreichs, Englands, Norwegens, Mexikos und immer wieder auch der Schweiz. Daneben Rezensionen literarischer Werke, Novellen, Gedichte und zum Teil recht unterhaltliche faits divers. Den Standpunkt der Zeitschrift kann man als demokratisch und moderat fortschrittlich bezeichnen. George Sand wird gefeiert, Heines Abrech­nung mit dem toten Börne gleich zweimal vernichtend gewürdigt und Eichendorff wird gegen rüde und platte linkshegelianische Angriffe verteidigt. Die Pietisten – „Ihre bleiche Gesichtsfarbe, die hohlen Wan­gen und gläsernen Augen verriethen sie augenblicklich“ – werden nicht geschont, und der Besucher einer Sitzung des Mässigkeitsvereins Berlin geht anschliessend in die nächste Weinhandlung, um auf die Pietis­ten ein „Pereat!“ zu trinken.

Der moderat-abwägende Standpunkt zeigt sich vor allem in den politi­schen Berichten, auch in denen über die Schweiz. Gleich die erste Num­mer bringt einen ausführlichen Bericht über „Die Revolution in Zürich“. Wird hier der Aufstand des Volkes gegen den „Beglückungs­zwang“ einer allzu selbstbewusst auftretenden Regierung noch begrüsst, so wird der reaktionäre Impetus des „Züriputsch“ erst später voll erkannt. Im Blick auf die Situation an den Hochschulen ist die Rede vom „Unwillen über die vielen Fremden, welche die behagliche neutrale Ruhe stören“ – das kommt uns doch bekannt vor …                                                                                                             Th. Eh.

Der Pilot. Allgemeine Revue der einheimischen und ausländischen Literatur- und Völkerzustände. Herausgegeben von der Redaction des Freihafens. Altona: Johann Friedrich Hammerich Jg. 1 (1840) Nr. 1-79.  Signatur: D 76 u. D 76: a