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Ein Scharfrichter erzählt

»Summa Summarum aller derer So vom Leben zum Thodt, seyndt durch Frantz Schmidt hiesigen Nürnbergischen Scharff richter, hingericht worden 361 Persohnen. Ferner so am Leib gestrafft und mit Ruden auß streichen, Ohren abschneiden und Fin­ger abschlagen worden 345 Persohnen.« So schliesst Franz Schmidt seinen Bericht über die von ihm von 1573 bis 1616 voll­streckten Todes- und anderen Leibes­stra­fen.

Franz Schmidt – auch Meister Franz ge­nannt, weil ihm das Enthaupten immer und wörtlich auf Anhieb gelang – übernahm 1573 von seinem Vater das Amt des Scharfrichters, zuerst in Bamberg, später in Nürnberg. Seine Aufzeichnungen nennen für jedes Urteil Datum, Ort und Hinrichtungsart sowie Erläuterung des Verbrechens.

Aus heutiger Sicht scheinen die Hinrichtun­gen, die Meister Franz vollzogen hat, grau­sam. Die grausamste war sicherlich das Rädern, das nur bei schlimmsten Gewaltverbrechen angewendet wurde. »Gronla Weigla, […], ein Mördter, so mit seinem gesellen fünff Mördt begangen, zu hollfeld mit dem Rath gericht« lautet beispielsweise einer der ersten Einträge. Oft wurde ein solches Urteil in ein milderes umgewandelt, und der Verurteilte »aus gnaden mit den Schwerdt gericht«. Des Diebstahls oder Totschlags Bezichtigte starben meist durch Schwert oder Strang: »Den 6. Nov. [1595] Hans Siger […], welcher ein Schneidter der Summerstein genandt, im Sünder spiehl, mit ein dreyeckhigten Zaun steken erschlagen, alhie mit den Schwerdt gericht […].« Nicht immer wurde ein Todesurteil vollzogen. Manchmal wurden »nur« Finger oder Ohren abgeschlagen oder Augen ausgestochen, nicht immer mit der beabsichtigten abschreckenden Wirkung: »Hans Pevhel, […], ein Mördter, so mit seinem gesellen drey Mord gethan, zu Borchheim, mit dem Schwerdt gericht, und auff das Rath gelegt, welchem Ich zuvorn vor zweyen Jahren, zu hertzog Aurach die Ohren abgeschnitten, und mit Ruthen ausgestrichen.« Auch Frauen, oft Kindsmörderinnen, blieben von Meister Franz’ Urteilsvollstreckungen nicht verschont. Das Urteil lautete in diesem Fall: Tod durch Ertränken. Der erste Eintrag stammt von 1578 und betrifft Appolonia Näglin »ein Kindermörderin die ein Kind heimblich in ihres Bauern haus gebohren, dasselbige umbbracht, zu Lichtenau mit dem Wasser gericht«. Meister Franz setzte sich in der Folge mit zwei Priestern beim Nürnberger Rat dafür ein, dass diese Hinrichtungsart aufgegeben wurde. So heisst es in einem Eintrag von 1580, als drei Kinds­mörderinnen hingerichtet wurden: »alle drey als Mörderin mit den Schwerdt gricht, die häupter auff das hoch gericht genagelt, dann, vor [=früher] niemahls kein Weibsbild zu Nürnberg mit den Schwerdt gericht worden, welches ich und die zween Priester, nemblich herr Linhardt Krieg, und herr ucharius zu wegen bracht […].«

Zu den Aufgaben des Scharfrichters gehörten nicht nur Urteilsvollstreckungen, sondern auch die Reinigung der Kloaken, die Vertreibung von Aussätzigen und die Aufsicht über die Dirnen. Aufgrund all dieser Tätigkeiten war der Beruf des Scharfrichters als »unehrlich« gebrandmarkt. Scharfrichter wurden zwar ge­braucht, aber aus der Gesellschaft ausgeschlossen; die Leute fürchteten sich vor Begegnungen mit ihnen, und auch die Kirche hatte Vorbehalte. Meister Franz sezierte nach mancher Hinrichtung den Toten (»den hab ich Adonamirt und geschnitten«) und arbeitete nach der Amtsniederlegung als Arzt. Diese Tätigkeit und sein gutes Verhältnis zur Kirche ermöglichten ihm den Weg zurück in die Redlichkeit. So heisst es am Ende seines Berichts: »Darmit hat er seinen dienst auff geben, und wider redlich gemacht worden.«

Die seltene erste Ausgabe von Meister Franz’ verlorener Originalhandschrift ist 1801 erschienen. Ein Exemplar befindet sich in der Museumsgesellschaft im Nachlass von Xaver Schnyder von Wartensee. Meister Franz hat durch diese Schrift in die Literatur gefunden: In Clemens Brentanos Geschichte vom braven Kasperl und dem schönen Annerl von 1817 heisst der Scharfrichter Meister Franz, und Gerhart Hauptmann lässt in Magnus Garbe den Scharfrichter sagen: »Das hat mir der Meister Franz, der Nachrichter zu Bamberg, lange vorausgesagt.«

Stefanie Lind

Meister Frantzen Nachrichter allhier in Nürnberg, all sein Richten am Leben, so wohl seine Leibs Straffen, so Er ver Richt, alles hier Ordentlich beschrieben aus seinem selbst eigenen Buch abgeschrieben worden. Hrsg. von J.M.F. v. Endter. Nürnberg Lechner 1801. Signatur: S  846