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Fundstück: Die Bekenntnisse des Maurice Sachs

Ein unscheinbares Buch auf billi­gem gebräunten Papier wie  so viele andere franz­ösische Bücher aus der Mitte des 20. Jahrhun­derts. Eine Erstausgabe zwar, aber keine Augen­weide und auch kein Rarum. Doch diese autobiographischen ‚Sou­­­venirs d’une Jeunesse ora­geuse’ sind ein ganz und gar aussergewöhnliches Zeugnis ei­nes sonderbaren, exzentri­schen Le­bens nah den Abgrün­den und voller unerwarteter Wendungen.

Maurice Sachs, Autor und Prota­gonist des ‚Sabbat’, wurde 1906 als Maurice Ettingehausen in eine zer­rüttete Ehe geboren und ist weit­gehend ohne Kontakt zum Vater aufgewachsen; des­halb hat er den Namen der Mutter ange­nommen. Er lernt als Jüngling Cocteau kennen, den er zu­nächst abgöttisch verehrt, wird Rezeptionist in einem Hotel, macht durch Cocteau die Bekanntschaft des charismatischen Theo­logen Jacques Maritain und kon­vertiert vom Judentum zum Katholizismus, geht sogar in ein Priester­seminar, hält es dort  aber nicht lange aus und wirft sich wieder ins Pariser Bohème- und Literatenleben des „Boeuf sur le toit“. Er beginnt, mit Büchern und Bildern zu handeln, bekommt den Auftrag, in New York eine Galerie zu eröffnen, gerät aber schon bei seiner Ankunft in Amerika in die Krise des schwarzen Freitags und muss den Galerieplan aufgeben. Er tingelt mit Erfolg als Vortrags­redner mit Referaten über europäische Wirt­schaftsfragen, von denen er nichts versteht, durch die USA, kommt wieder nach Paris, wird Sekretär Gides und veröffentlicht 1935 den Roman „Alias“. Er macht Schulden, verfällt dem Alkohol und anderen Verführungen, macht Entziehungskuren und schreibt mit 33 Jahren sein bedeutendstes Buch: „Le Sabbat“, das er an Gallimard verkaufen kann. Der ausbrechende Krieg hat ein Erscheinen zu Lebzeiten des Autors verhindert.

‚Le Sabbat’ ist ein fulminantes Sittenbild der zwanziger und dreissiger Jahre mit ätzenden Porträts von Cocteau, Gide und anderen Grössen der Zeit, vor allem aber ist es ein autobiographischer Bericht, der in seiner Scho­nungs­­­losigkeit ziemlich einzig dasteht. Sachs verschweigt weder seine mehrfachen Konversionen noch seine Diebstähle und diversen Abstürze in Alkohol, Drogen und homosexuellen Exzesse. Bewegend aber ist dieses gleichermassen geistreiche wie aufrichtige Buch, weil es den im Kern ebenso ernsthaften wie aussichtslosen Kampf zeigt um eine moralisch anstän­dige Existenz. So wenig er den Versuchungen aller Art entgegenzusetzen hat, so sehr leidet er unter seiner Verführbarkeit und hört nicht auf zu hoffen, dem Ideal der Anstän­digkeit endlich genügen zu können – vergeblich.

Im Krieg ist er als homosexueller Jude gleich doppelt bedroht. Er hält sich eine Zeitlang mit zwielichtigen Geschäften im Umkreis der Kolla­boration über Wasser und begibt sich, als ihm die Schulden über den Kopf wachsen, von Gläubigern bedroht, in einem tollkühnen Befreiungs­akt freiwillig in den deutschen Arbeitsdienst. Doch die Arbeit als Kran­führer kann ihm nicht behagen. Er, der französische Jude, lässt sich als Ge­stapo­spitzel anwerben, scheint aber seine Arbeitgeber enttäuscht zu haben. Er landet im Gefängnis Hamburg-Fuhlsbüttel, wo er, wie seiner­zeit de Sade, ununterbrochen schreibt. Als die Engländer nahen, wird das Gefängnis evakuiert. Nach endlosen Fussmärschen kann oder will er nicht mehr weiter und wird, es ist der 14. April 1945, erschossen.

Die von seinem Charme faszinierte Thea Sternheim notiert 1936 nach ihrer ersten Begegnung mit Sachs: „Dem wie ein Monstrebaby ausse­hen­den, salopp gekleideten Menschen haftet die schöne Atmosphäre lebendiger Geistigkeit an“. Von dieser über die Irrsal eines traurigen, verfehlten Lebens triumphierenden Geistigkeit zeugt dieses Buch.    Th. Eh.   Nov. 2008)

Maurice Sachs: Le Sabbat. Souvenirs d’une Jenuness orageuse, Paris : Coréa 1946. – Signatur: R 1736 (die deutsche Übersetzung: M 7602)