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Fundstück: Friedrich Adler, Attentäter

„s’chunnt uf ds mal en unggle füre / wo dir nüt heit gwüsst dervo“ – nicht nur die persönliche Stammbaumforschung wie in Mani Matters „dr Bärnhard Matter“ kann Überraschungen bringen, auch der Blick in alte Mitgliederlisten der Museumsgesell-schaft zeigt Unerwartetes. Zum Beispiel einen Mörder, und zwar einen aus Über-zeugung, also einen Attentäter.

Die Rede ist von Friedrich Adler, einer Galionsfigur der österreichischen Sozial-demokratie. 1879 als Sohn Viktor Adlers, des Gründers eben dieser Partei, in Wien geboren, studierte er zunächst Physik und Chemie in Zürich, wo er seinen Freund Albert Einstein in die Museumsgesellschaft eingeführt hat (der entsprechende Eintrag im Fremdenbuch ist momentan im Foyer ausgestellt). Trotz Bedenken seines Vaters, der ihn für die Politik als zu wenig belastbar hielt, widmete er sich schon in Zürich der Arbei-terbewegung und war 1910/11 Chefredaktor des „Volksrechts“. Schliess-lich verzichtete auf die Laufbahn als Physiker und ging nach Wien und wurde Parteisekretär der Sozialdemokratischen Partei Österreichs.

Der Kriegsausbruch brachte den überzeugten Pazifisten und Interna-tionalisten in einen sich laufend verschärfenden Gegensatz zum eigenen Land und insbesondere zur eigenen Partei, die gegen seinen vehemen-ten Widerstand den Krieg begrüsste und nationale Interessen vor die der internationalen Arbeiterschaft stellte. Er trug sich deshalb schon seit längerem mit dem Gedanken an ein Attentat. Als sich die politische Lage und seine eigene zuspitzten und er zufällig erfuhr, dass der Ministerpräsident Graf Stürgkh jeden Tag im Hotel Meissl & Schadn zu Mittag ass, ging er am nächsten Tag, am 21. Oktober 1916, dorthin, setzte sich ein paar Tische entfernt von Stürgkh, ass ausgiebig, las Zeitung – und trat dann an Stürgkhs Tisch und erschoss ihn aus nächster Nähe mit vier Schüssen – im sicheren Wissen (das sich später als Irrtum erweisen sollte), dass er damit sein Leben verwirkte. Als Lohn der Tat winkten ihm keine Jungfrauen im Jenseits, und die Wahl des Opfers war alles andere als zufällig: Graf Stürgkh hatte bereits vor dem Krieg das Parlament ausgehebelt und regierte seither absolutistisch mit Notstandsgesetzen und rigorosester Pressezensur: Er verkörperte den Verfassungsbruch.

Das vorliegende Buch enthält die Verhandlung vor dem „Ausnahme-gericht“, statt vor dem eigentlich zuständigen, aber längst aufgehobenen Schwurgericht. Das zentrale Stück dieser Akten ist die achtzigseitige grosse und wortgewaltige Rede Adlers vor dem bis auf den letzten Platz besetzten Saal. Der Redner versuchte nicht einmal, das Todesurteil abzuwenden. Vielmehr nutzte er die Gelegenheit für eine vehemente und zugleich sachlich-überlegte Abrechnung mit dem System Stürgkh und mit seiner Partei, die patriotisch taktierte und den Internationalismus längst aufgegeben hatte. Es ist der Verfassungsbruch der Regierung, „die Schande Österreichs“, und die „Schande der sozialdemokratischen Partei“, deren Vorstand (zu dem er gehörte, ohne seinen Standpunkt durchsetzen zu können) zum „Hemmungsorgan der Revolution“ geworden war und der diesen Verfassungsbruch hingenommen hatte, die ihn zur Tat getrieben hatte. Er meinte nicht, mit dieser Tat die Massenrevolution auslösen zu können, verstand sie aber als Voraus-setzung für diese – und als Bekenntnis zur Notwendigkeit der Gewalt.

Das Gericht verurteilte Adler wie erwartet zum Tode. Adler quittierte das Urteil mit dem Ausruf: „Es lebe die internationale revolutionäre Sozialdemokratie“. Der Saal jubelte ihm zu. – Prozess und Tat blieben nicht ohne Folgen: Die neue Regierung führte das Parlament wieder ein, die öffentliche Meinung wandelte sich. Kaiser Karl begnadigte ihn zu 18 Jahren Haft und liess ihn kurz darauf frei. Er wandte sich sofort wieder der Politik, dem sozialdemokratischen Internationalismus zu. Nach der Rückkehr aus dem amerikanischen Exil kam er 1947 wieder in die Schweiz – und wurde erneut Mitglied der Museumsgesellschaft.    Th. Eh. (Juni 2010)

Friedrich Adler vor dem Ausnahmegericht. Die Verhandlungen vor dem §-14-Gericht am 18. und 19. Mai 1917 nach dem stenographischen Protokoll. Berlin: Cassirer 1919. – Signatur: G 7283.