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Fundstück: Habet!

Die Legende der Päpstin Johanna ist seit dem 13. Jahrhundert überliefert. Es soll sich um eine sich als Mann ausgebende, gelehrte Frau gehandelt haben, die das Amt des Papstes innehatte. Historiker und Theologen sind sich heute mehr oder weniger einig, dass es für Johanna kein reales historisches Vorbild gab.

Im Spätmittelalter erlangte die Legende grosse Popularität und weite Verbreitung. Der Dominikaner Martin von Troppau erwähnte die Geschichte in seiner 1277 veröffentlichten Chronik und berichtete von Schwangerschaft und Niederkunft der Päpstin während einer Prozession. Quellen für seinen Bericht, den er ins 9. Jahrhundert datiert, nennt er allerdings keine. Die Geschichte hat sich bis in die Gegenwart gehalten, wurde bei Disputen zwischen katholischer und reformierter Ausrichtung gerne herbeigezogen und oft literarisch verarbeitet.

Der 1632 geborene, deutsche Kirchenhistoriker Friedrich Spannheim, Professor der Theologie und Bibliothekar der Universitätsbibliothek Leiden, verteidigte die Päpstin Johanna entschieden als historisches Faktum.

Nachdem die Geschichte «wechselsweise auf dem Schauplatz der Welt bald als eine Fabel, bald als eine sehr gewisse Geschicht» angesehen worden sei, wollte er «diese Begebenheit wieder an ihre gehörige Stelle gebracht» sehen. Die Geschichte sei in einem «dunckeln Jahrhundert vorgefallen», und will man sie beweisen, «so müssen weitläuffige Erörterungen […] verfertiget, die Manuscripte und Chronicken genau erforschet und untersuchet» werden.

Spannheim beginnt mit den «Kennzeichen der Wahrscheinlichkeit», stellt alle «wichtigen Beweisthümer der Wahrheit dieser Geschicht» vor und beantwortet «die meisten Einwürffe», insbesondere den «merckwürdigste[n] und schwereste[n] unter allen diesen Einwürffen, nemlich de[n]jenigen, so von der Zeit-Rechnung hergenommen worden».

Spannheims Abhandlung erschien ursprünglich auf Lateinisch. Im Jahr 1694 kam eine Ausgabe zum Vorschein, «welche dem Nahmen nach zu Cöln, würklich aber zu Amsterdam in Verlag des Herrn Hugueran, gedrucket, [und] in kurzer Zeit ganz ausgekauffet» worden, so daß sie weder bey hiesigen noch bey fremden Buchhändlern mehr anzutreffen» sei. Daher und nachdem ihn «verschiedene Liebhaber ersuchet» hatten, entschied sich ein französischer Verleger, das Werk neu aufzulegen.

Im Vorwort wird betont, es sei nie die Absicht gewesen, «die Römische Kirche durch diese Schrifft zum Zorn zu reitzen, sondern wir sind vielmehr der Meynung, ihr dadurch einige Gefälligkeit zu erweisen, und glauben, daß sie sich über eine Begebenheit, die nicht so verhasset ist, wie sie sich vorstellet, zur Unzeit entrüstet habe.» Die Geschichte um die Päpstin Johanna habe nämlich «dem Römischen Stuhl weit mehr Ehre zuwege» gebracht, «weder derselbe verdienet. Man sagt, daß diese Päbstin gar wohl studiret habe, verständig, geschickt und beredt gewesen sey, worüber sie zu Rom bewundert und durch eine einhellige Wahl zum Pabst erwählet worden […].»

Die Illustrationen in Spannheims Buch, das aus dem Nachlass von Xaver Schnyder von Wartensee in die Museumsgesellschaft gekommen ist, zeigen die Päpstin beim Beischlaf ertappt, ihre Niederkunft auf offener Strasse, mit ihrem Neugeborenen und den berühmten Stuhl mit durchbrochener Sitzfläche «stella stercoria». Seit der Enttarnung von Johanna mussten auf diesem angeblich alle neu gewählten Päpste eine eindeutige Überprüfung ihrer Geschlechtszugehörigkeit über sich ergehen lassen. Erst wenn der unter dem Stuhl hockende Priester das erlösende «habet» (er hat es) verkündete, wurde die Papstwahl für gültig erklärt.

 

Spanheim, Friedrich: Merckwürdige Historie der Päbstin Johanna. Franckfurth, 1737. Signatur S 867