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Fundstück: Handücher für Auswanderer

Die Schweiz war im neun­zehnten Jahrhundert, man weiss es, ein Auswan­de­rungs­land. Das hat auch in unserer Bi­bliothek Spuren hinterlas­sen. Folgt man näm­lich dem Jahres­­bericht der Museums­gesell­schaft von 1880, so hat J. J. Burkhard mit seinen um­fang­reichen Schenkungen an v. a. Reiseliteratur, über die ich im Bulletin vom Sep­tember 2007 berichtet habe, ein ganz prak­tisches Ziel verfolgt: "es werden vielleicht durch diesel­ben einst doch einmal jüngere Leute, welche ihr Glück in der Ferne suchen wollen, zu den dazu nö­thigen Vorstudien an­ge­regt wer­den." Und damit es nicht bei all­ge­­meinen Infor­m­a­tionen und Lan­­­des­­be­schrei­bungen blieb, hat er der Mu­seums­gesell­schaft auch eini­ge Handbücher für Aus­wanderer geschenkt.

Ein besonders seltenes dieser Bücher oder Broschüren findet sich in einem Sammelband mit insgesamt fünf Schriften zu Australien und Neuseeland, die zwischen 1855 und 1873 in Melbourne, Hamburg, London und Sydney erschienen sind. Gleich im ersten Satz der gedruckten Widmung sagt der Autor von “Voices from New Zealand”, worum es ihm geht: „These pages have not been compiled for the purpose of whiling away an idle hour, nor to amuse those who make reading their chief delight, but to instruct large numbers in old England who are looking towards and thinking of New Zealand as their future home.“ Um dieses Ziel zu erreichen, begnügt sich der Autor Samuel Brame, Manager der Albertland Association, einer Auswanderungs-Gesellschaft, nicht mit einer mehr oder weniger trockenen Darstellung Neuseelands und genauen tabellarischen Angaben über Klima, Nutz­pflanzen und Löhne, wie dies andere Autoren im selben Band tun. Vielmehr teilt er sein Buch in zwei Teile.

Im ersten bringt er Briefe von Emigranten, die sie nach England, in ihre ehemalige Heimat, ge­schrieben haben. Sie sprechen darin von ihrem täglichen Leben, von den schwierigen Verkehrs- und Postverbindungen, vom ebenfalls schwierigen Anfang und den goldenen Aussichten auf Erfolg und Fortschritt, vom angenehmen Klima und ihrer Arbeit: Hausbau, Rodung des Landes und von der Land­wirt­schaft. Nicht wenige schlies­sen mit der Aufforderung an die Zurückgebliebenen, ebenfalls zu kommen und ein neues Leben zu beginnen. Ein Juwelier-Lehrling aus Birmingham schreibt aus dem Busch: „It is a nice life to be a bush farmer, a hundred times better than working in a jeweller’s shop.” Obwohl es “a hard struggle at first” sei, sei es doch “a firstrate chance for young chaps, and I am very well satisfied.”

Der zweite Teil enthält „Forty Questions Answered“, also das, was wir heute als FAQ, Frequently Asked Questions, kennen. Da werden Fragen beantwortet nach der Dauer der Reise (90-100 Tage!), nach dem, was mitzunehmen und wie es zu verpacken ist (eine ellenlange Liste von Proviant, in verlöteten Behältern), ob Geräte mitzunehmen oder in Auckland einzukaufen sind (einzukaufen), ob landwirtschaftliche Kennt­nisse unabdingbar sind (nein, aber die Bereitschaft und der Wille zu harter Arbeit). Entsprechend deutlich fällt die Antwort aus auf die Frage, ob  „young men of education“ ohne Gewöhnung an strenge Arbeit eine Chance hätten: „It is quite useless for any young man to go to New Zealand depending upon his good English education alone [...] he had far better remain at home.“                                  Th. Eh.  (Mai 2008)

S[amuel] Brame: Voices from New Zealand: Being a Compilation of Authentic Letters from Emigrants who have Located in New Zealand since 1863; also, a Series of Questions Answered. London u. Birming­ham [1865]. Signatur: E 778.