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Fundstück: "Juda" - Der völkische Balladenbarde als Zionist

Börries Freiherr von Münchhausen als Sänger des Judentums? Meine Überraschung war jedenfalls gross, als ich im Magazin auf sein Buch „Juda“ aus dem Jahr 1901 stiess. Es enthält Balladen, die in hohem Ton jüdische Helden und Themen wie ‚Mose’, ‚Enka vor Gomorrha’ (s. die Abbildung), ‘Passah’ feiern. Und es ist illustriert, nein: durchgehend künst­lerisch gestaltet von Ephraim Moses Lilien, einem bedeutenden jü­dischen Jugendstilgraphiker. 1874 als Sohn eines Drechslermeisters im galizischen Drohobycz geboren (von dort stammt auch der Autors der berühmten "Zimtläden": Bruno Schulz), hatte er sich das Grafikerhand­werk im Wesentlichen autodidaktisch angeeignet. Er war Zionist und "Juda" sein erstes von ihm gestaltetes und illustriertes Buch mit floralen Ornamentleisten um den Text und linienbetonten Ganzbildern. Stefan Zweig hat im Blick auf dieses schöne Werk von der "originellen Syn­these" von Zionismus und moderner Buchschmuckbewegung ge­spro­chen. 1899 kam Lilien nach Berlin, wo er Börries Freiherr von Münchhausen, einen Nachfahren des Lügenbarons, ken­nenlernte, der als Balladendichter seinerzeit sehr bekannt war und dessen tra­ditionell gebaute, Helden und den Krieg besingende Balladen bis in die deutschen Schulbücher der sechziger Jahre zu finden sind.

Dieser Münchhausen, Schlossherr von Windischleuba, gehört entschieden zu den widerlicheren Gestalten der deutschen Literaturgeschichte: Der Freiherr war von Anfang an durch und durch völkisch, er war seit dem Ersten Weltkrieg auch Antisemit und wurde deswegen von den Nazis entsprechend geschätzt und geehrt. Und er war ein Denunziant. Schon 1897 hatte er gegen ein Gedicht von Richard Dehmel Anzeige wegen Erregung "sittlichen Ärgernisses" erhoben. 1934 hat er seine Weigerung, in die "Union Nationaler Schriftsteller", der Nachfolgeorganisation des Deutschen P.E.N.-Clubs, einzutreten, in einem Brief an den Schriftleiter, also hintenherum und nicht öffentlich, damit begründet, dass der Vize­präsident Gottfried Benn Jude sei. Eine damals schwerwiegende Be­hauptung, die Benn nicht nur seine Schriftstellerexistenz, sondern auch die als Kassenarzt hätte kosten können. Benn sah sich daraufhin zu ausgrei­fenden genealogischen Forschungen genötigt, doch von deren eindeu­tigen Ergebnissen liess sich der Freiherr nicht beeindrucken, denn er las Benns Judentum, wie er diesem schrieb, "instinkthaft, triebhaft" aus seinem Äusseren und aus seinem Werk... Und er behauptete, kein Antisemit zu sein. Bei anderer Gelegenheit hatte er freilich erklärt, der Anteil der Ju­den an den "Deserteuren, Verbrechern, Zuchthäuslern [sei] etwa hun­dert- bis zweihundertmal so stark wie der Anteil an der Bevölkerungs­zahl". Und doch stand er einmal, "Juda" belegt es, dem Zionismus nahe – und immerhin hat er sich auch in den dreissiger Jahren nicht von die­sem Buch distanziert. Vielleicht, könnte man vermuten, gehört es  zu den Verwerfungen der Geschichte, dass ein Antisemit auch Zionist sein konnte, denn der Zionismus hatte ja die Auswanderung der Juden in einen eigenen Staat fernab von Europa zum Ziel.  Th. Eh.  (März 2008)

Börries Freiherr von Münchhausen: Juda. Gesänge. Buchschmuck von E. M. Lilien. Erstes Tausend. Goslar: F. A. Lattmann [1901]. – Signatur: D 9583.