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Fundstück: Lyrik, exorbitant. Gottfried Benns "Spaltung"

„Lyrik muss entweder exorbitant sein oder gar nicht.“ Mit diesem Wort aus seiner berühmten Marburger Rede von 1951 hat Gottfried Benn den Anspruch bestimmt, nach dem er gemessen werden wollte. Ein kleiner Sammelband in unserer Bibliothek zeigt exemplarisch, was dieses „exorbitant“ bedeuten kann. Er enthält drei Gedichtbändchen und mutet an wie ein Buchbinderwitz: Eingerahmt von zwei Gedichtheften Josef Schanderls und Jakob Jobs, beide als Lyriker heute gründlich und zu Recht vergessen, findet sich darin eine der seltensten Veröffentlichungen Benns: „Spaltung“ von 1925. Am 4.12.1926 ist der schmale Band aufgenommen worden; wie er in die Museumsgesellschaft gekommen ist, wissen wir nicht.

„einstmals sang der Sänger / über die Lerchen lieb, / heute ist er Zersprenger / mittels Gehirnprinzip“, heisst es im Eingangsgedicht – und in diesem Band verkörpern Benns Zeitgenossen Schanderl und Job die Sänger von einst: Sie besingen in anspruchslos gereimten und, man muss sagen: harmlosen Versen die Bergtanne, den Starenschwarm, den abendlichen See, das heimatliche Zürich, kurz: „die Lerchen lieb“. Benn dagegen besingt weder die Natur noch die individuelle Gestimmtheit, er besingt überhaupt nicht, er zersprengt das Hergebrachte und fügt „mittels Gehirnprinzip“ Worte zu einer neuen magischen Realität.

Das lyrische Vokabular erweitert er rigoros mit Fremdworten aus den verschiedensten Wissenschaften und Wissensgebieten bis hin zum Mondän-Zeitgenössischen, die zu neuen unerhörten Wortkombinationen und Reimen geformt oder montiert werden. Das Vulgäre ist ihm dabei ebenso recht wie das Erhabene, das Nüchtern- Wissenschaftliche wie das Trunken-Beschwörende, das Vor- und Urgeschichtliche wie das dezidiert Moderne. Die für diese Phase in Benns Werk typische achtzeilige Strophe mit unregelmässig gefüllten Versen gibt ihm grosse Freiheit. Sie kann Substantivballungen über mehrere Zeilen hinweg ebenso aufnehmen wie weit ausschwingende Verse von betörender Schönheit. Das Ergebnis ist sprachlich und thematisch gleicherweise exorbitant – wenn denn überhaupt vom Thematischen gesprochen werden kann, denn diese Gedichte gehen nicht von einem „Gegenstand“ (sei es auch nur eine Stimmung) aus, sondern von Worten. Im Prozess des Gedichts, und nur in ihm, wird erfahrbar, worauf diese Verse zielen: die Überwindung der „Spaltung zwischen ich und du“.

Exorbitant ist allerdings auch der Anspruch an den Leser, denn der verstehende Nachvollzug dieser Erfahrung verlangt ein nicht geringes Mass an Versenkung und Konzentration auf eben diesen Prozess des Gedichts. Man kann sich allerdings auch, die Rezeptionsgeschichte beweist es, einfach dem betörenden „Sound“ dieser Verse, hingeben, die mit grosser Geste über die ganze Natur- und Menschheitsgeschichte verfügen: Lyrik als Narkotikum – und auch in dieser Lektüre verschwindet die „Spaltung zwischen ich und du“.

     "Charon oder die Hermen
     oder der Daimlerflug,
     was aus den Weltenschwärmen
     tief dich im Atem trug [...]"
                                                                                                                                   Th. Eh. (Nov. 2009)

Gottfried Benn: Spaltung. Neue Gedichte. Berlin-Wilmersdorf: Alfred Richard Meyer 1925. – Signatur: K 959