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Fundstück: Mit Volldampf gen Westen ...

Fundstück: Mit Volldampf gen Westen …

In der Entwicklung der USA und insbesondere bei der Expansion gegen Westen spielte die Eisenbahn eine grosse Rolle. Bereits ab den 1830er-Jahren, noch bevor die USA sich an die Westküste ausdehnte, setzte ein regelrechter Eisenbahn-Boom ein, wobei sich das Bahnnetz vorerst auf die Verbindung der Staaten am Atlantik mit dem Mississippi und den grossen Seen konzentrierte. Im Süden wurden mehrheitlich kurze Strecken zur Anbindung der Baumwoll-Regionen an die Häfen am Meer oder Fluss gebaut, im Norden und Mittleren Westen standen Verbindungen zwischen den grossen Städten im Zentrum. Der Bau von Eisenbahnlinien war eng mit dem von Wasserwegen verknüpft; Bahnlinien wurden meist als Verbindungen zwischen Kanälen konzipiert und oft auch als Konkurrenz zu diesen aufgefasst. Die aus dem Boden schiessenden privaten Eisenbahngesellschaften versuchten, Investoren für den Bau ihrer Linien zu gewinnen. Zu diesem Zweck wurden erste Eisenbahnkarten erstellt, die jedoch nicht das bescheidene bestehende Streckennetz wiedergaben, sondern die Planung und Finanzierung des zukünftigen Netzes. Die Karten wurden meist Reisehandbüchern beigelegt, so auch die sehr frühe von William Norris für das Railroad Journal hergestellte Karte «Map of the Railroads and Canals, Finished, Unfinished, and in Contemplation in the United States» aus dem Jahr 1834. Auch wenn im Titel an erster Stelle das Wort «Eisenbahn» steht, legt sie als eine der ersten flächendeckenden Karten der Transportverbindungen des ganzen Landes den Schwerpunkt auf Kanäle. Im zur Karte dazugehörigen Buch wird jede Eisenbahnlinie – es sind insgesamt knapp 100 – kurz beschrieben. Gebaut waren zum Publikationszeitpunkt der Karte allerdings erst fünf, die übrigen «under construction» oder sogar erst in Planung. Demgegenüber stehen die rund 35, weitgehend fertiggestellten Kanäle.

Weder auf der Karte noch in der dazugehörigen Beschreibung werden die Strapazen ersichtlich, die Eisenbahnreisende in dieser frühen Phase auf sich nahmen. Eine grosse Portion Mut war unerlässlich, denn nicht nur Wetterverhältnisse, Überfälle oder Schäden am Zug konnten die Weiterfahrt verzögern oder gar verhindern, auch der Service der sich mehr konkurrierenden als kooperierenden Gesellschaften liess zu wünschen übrig: Aufgrund fehlender Bahnhöfe sahen Passagiere sich gezwungen, auf offener Strecke aus dem oder in den fahrenden Zug zu springen. Der Staat erliess deswegen Sicherheitsbestimmungen und begann, Geschwindigkeit, Abfahrtszeiten und Vortritte bei Kreuzungen zu regeln. Besonders Letzteres war dringend nötig, bargen Kreuzungen doch ein grosses Unfallrisiko: Im Gegensatz zu Europa waren in Nordamerika Kreuzungen auf gleichem Niveau erlaubt, einheitliche Regelungen gab es nicht. Auf gewissen Strecken musste der Lokführer langsam an eine Kreuzung heranfahren und auf das Zeichen des Kreuzungswächters warten bzw. sich selber vergewissern, dass die Strecke frei ist. Andernorts hatte grundsätzlich der Personenzug Vortritt, es sei denn, er war verspätet. Kreuzende Fracht- und Sonderzüge mussten entsprechend dafür besorgt sein, nicht vom pünktlichen Personenzug überrollt zu werden.

Wie das kleine Büchlein (10x15,5cm) mit der riesigen Karte (60x90cm) im Anhang in den Bestand der Museumsgesellschaft gelangte, ist heute leider nicht mehr zu eruieren.

A map of the railroads and canals in the United States and Canada; accompanied with A Concise Description of Each. August, 1834. New York: Published at the office of the Railroad Journal, 35 Wall Street. Signatur A 761.