Suche im Katalog     

Fundstück: Mitsou, Katze

Wer Katzen hat, kennt ihre Fremdheit. Sie leben mit uns, lassen sich füttern, herzen und strei-cheln, sie spielen mit uns oder wir mit ihnen. Aber immer nur so lange sie wol-len. Sie sind Meister im Sichentziehen, machen den Rücken flach und weg sind sie. Wenn es ihnen passt, kommen sie mit einer Selbstver-ständlichkeit wieder, als wären sie nie weg gewesen. Diese Frei-heit trotz jahrtau-sendealter Domesti-kation ist ihr Geheim-nis und ein Wunder, hinter dem sich, über die allgemeine Fremdheit der Kreatur hinaus, die besondere, oder wenigstens: besonders spürbare Fremdheit der Katze verbirgt. Sie trägt eine eigene Welt mit sich und lässt niemanden hinein. Man schaue einer Katze nur einmal in die Augen...

Balthazar Klossowski de Rola war erst elf, als er mit Tusche eine Katzengeschichte zeichnete, die, untergründig zumindest, diese Fremd-heit zum Ausdruck bringt: „Mitsou“, erschienen 1921 im Rotapfel-Verlag in Erlenbach. Die Geschichte, in „quarante images“ erzählt, ist einfach: Ein Junge findet, offenbar in den Ferien, eine Katze, die Eltern erlauben, dass er sie heim nimmt. Er spielt mit ihr, führt sie wie weiland Gottfried Kellers Pinnneis den Kater Spiegel an einem Schnürchen spazieren. Eines Tages entwischt sie und findet sich bald darauf wieder, wohnt in der Familie, gehört, so scheint es, zu ihr. Als der Junge krank im Bett liegt, entwischt sie abermals, diesmal für immer. Der Junge ist – wer ver-stände es nicht – untröstlich.

Im spannungsvollen, an Masereels frühen Holzschnittfolgen orientierten (und auch an Vallotton erinnernden) Gegeneinandersetzen weisser und schwarzer Flächen wird diese Episode vom Verschwinden einer Katze abstrahierend verdichtet zum expressiven Bild ihrer Fremdheit. Das frühreife Kind, das diese Bilder gezeichnet hat, wird später berühmt: Balthus (1908-2001), Schöpfer ebenso faszinierender wie verstörender, erotisch, manchmal gar sadistisch aufgeladener Mädchenbilder. In ihnen tummeln sich nicht selten Wesen wie aus einer anderen Welt: Katzen. „Roi des chats“ hat sich Balthus auch genannt.

Das Vorwort zu „Mitsou“ stammt von – immerhin! – Rilke. Das ist kein Zufall, denn Rilke war eng befreundet mit der Mutter des Malers, Bala-dine Klossowski, und er war der väterliche Freund des Jungen, der durch die Trennung der Eltern früh vaterlos geworden war. Rilke soll ihm auch den Namen „Balthus“ gegeben haben. Das französische Vorwort, geschrieben „Au Château de Berg-am-Irchel“, gibt gleich mit dem ersten Satz, einer rhetorischen Frage, das Thema an: „Qui connait les chats?“, um später noch radikaler zu fragen: „L’homme fut-il jamais leur contemporain? – J’en doute.“ –

Aber wie ist dieses zauberhafte, kostbare und wahrscheinlich in kleiner Auflage gedruckte Buch knapp anderthalb Jahre nach Erscheinen, nämlich am 18. November 1922, in die Museumsgesellschaft gekom-men? Das wissen wir nicht.            Th. Eh.   (Sept. 2010)

Baltusz: Mitsou. Quarante images. Préface de Rainer Maria Rilke. Erlenbach-Zürich: Rotapfel-Verlag, 1921. 13 S., 40 Tafeln. -- Signatur: F 8024.