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Fundstück: Wenn der Canarienvogel-Träger betrügt

»Der Welt Wagen und Pflug ist nur Lug und Betrug« – so beginnt Georg Paul Hönn die Vorrede seines 1721 erschienenen Betrugs-Lexicons. Hönn war Regierungsadvokat in Coburg, dazu Archivar und Polizeirat. Später wurde er ausserdem Obervormundschaftsrat, geheimer Sekretär und fürstlich Hennebergischer Archivar. Er war aber auch Angehöriger des Coburger Rates, Amtmann mit richterlicher Funktion sowie Schulaufseher über das Gymnasium Casimirianum. Aufgrund dieser vielen Tätigkeiten Hönns erstaunt es nicht, dass er die meisten Beispiele, die er in seinem umfassenden Betrugs-Lexicon zum Besten gibt, nicht etwa aus Büchern, sondern aus seinem Alltag, insbesondere seiner Tätigkeit als Richter, entnommen hatte, denn dort sei ihm mancher «Betrug vor Augen und zu Ohren gekommen». Mit dem Betrugs-Lexicon wollte Hönn seine Mitmenschen warnen: «Keine andere Absicht findet sich allhier, als diese, den Nächsten für Betrug zu warnen und zu verwahren, denen Betrügern aber die Karte zu vermischen, und die Masque abzuziehen, denen Obrigkeiten anbey Anlaß zu geben, wie sie mit mehrern Nachdruck und Eifer solchen schädlichen Unwesen den Weg verlegen können.» Den Vorwurf, «das Buch diene nicht wider, sondern vor die Betrüger, was sie ihre Kunst nicht wüssten, könnten sie daraus lernen und erfahren» wies Hönn vehement von sich.

Von A bis Z, von «Abgesandte betrügen» bis «Zwirnhändler betrügen», listet Hönn alle denkbaren und undenkbaren Betrügereien auf. Dabei beschränkt er sich nicht nur auf Betrügereien der «kleinen Leute», im Gegenteil: Hönn macht vor niemandem Halt und greift sogar seinen eigenen Stand, den der Richter, an. Von Bestechungen, eigennützigen Manipulationen und ungerechten Urteilen ist hier die Rede. Aber auch Bücherschreiber, Gelehrte und Schulmeister können im Betrugs-Lexicon ihre Schandtaten nachlesen, genauso wie Ammen, Apotheker, Buchdrucker, Canarienvogel-Träger, Hochzeit-Interessenten, Jäger, Quacksalber, Reisende, Soldaten, Stief-Mütter und Stief-Väter sowie Todtengräber – sie alle kommen auf ihre Kosten. Und auch die Betrügereien der Regenten oder Landes-Herren sowie die der Geistlichkeit, der Nonnen und Mönche, werden ausführlich dargelegt.

Der mit 22 Seiten ausführlichste Artikel behandelt jedoch nicht eine besondere Berufsgattung, sondern ein Thema, das alle Menschen betrifft: Der Selbstbetrug. Darin behandelt Hönn achtzig verschiedene Betrugsformen und legt alle menschlichen Schwächen, das Sich-Krümmen und Herumwinden, die faulen Ausflüchte unerbittlich bloss. Fast jeder Mensch, so Hönn, meine, sein Leben sei etwas Besseres als das der anderen, und weil man im Grunde gut und ehrbar sei, könne man das eine oder andere ungestraft tun. Doch all das sei eine Täuschung, und weil der Mensch sich täusche, sei sein Leben keineswegs gesichert und er täte gut daran, bei all seinen Taten Gott immer vor Augen zu haben.

Das Betrugs-Lexicon war ein mutiges Unterfangen und wohl kaum zufällig keinem hohen Herrn gewidmet. Dass er sich mit seinem Lexikon nicht nur Freunde schuf und es für ihn unangenehme Folgen haben könnte, war dem Verfasser bewusst: «Warum ich über die bey meinem Richter-Amte mir täglich zuziehende Feinde noch mehrere, mithin auch neue Unruhe und Mühe über den Hals laden wolle?» Seinen Namen setzte er trotzdem auf das Titelblatt, denn «Ich stehe unter dem Schutz Gottes, was können mir Menschen thun».

Weil die «Betrügereyen unter denen Menschen […] von Tage zu Tage [wachsen]» und «ein jeder vernünftiger Mensch […] dahero verbunden [ist], Vorsichtigkeit und Fleiß anzuwenden, damit er allen Betrug von sich und seinen Nächsten ablehne», wurde das Betrugs-Lexicon nach dem Tod von Georg Paul Hönn 1753 in einer zweiten Auflage gedruckt. Im Jahr 1761 erschien die «zweyte neue und verbesserte Auflage», die durch den Nachlass Schnyder von Wartensees auch in den Besitz der Museumsgesellschaft gelangt ist.

                                                                                                                  S.L.

Georg Paul Hönn: Betrugs-Lexicon : worinnen die meisten Betrügereyen in allen Ständen, nebst denen darwider guten Theils dienenden Mitteln entdecket von Georg Paul Hönn. Coburg : Verlegts Johann Carl Findeisen, 1761, 2., neue und verbesserte Auflage, Signatur S 869.