Suche im Katalog   

Fundstück: Zürich und seine Bewohner im Jahre 1837

«Mit dem Äusseren beginnend müssen wir gleich mit Bedauern aussprechen, dass sich die Zürcher, insbesondere das schöne Geschlecht, seltene Ausnahmen abgerechnet, nicht durch Schönheit auszeichnen.»

Das Klima, insbesondere die dichten Herbstnebel, in Kombination mit den häufigen Heiraten zwischen nahen Verwandten ist gemäss Verfasser für die oben zitierte «vorherrschende Hässlichkeit» verantwortlich. Dass solche Familienheiraten wiederholt vorgekommen sein mussten, wird aus der Häufigkeit der Geschlechtsnamen abgeleitet: «Denn so mögen des Namens Schulthess wohl hundert, des Namens Escher wohl zweihundert und mehr in der Stadt existieren.» Dass der Verfasser solcher Zeilen anonym bleiben wollte, erstaunt nicht.

Es handelte sich dabei um den 1803 in Hessen geborenen Karl Friedrich Ludwig Löw Freiherr von und zu Steinfurth, der 1833 zum Professor für deutsches Recht und germanistische Fächer an die im selben Jahr gegründete Universität Zürich berufen wurde. Seinem Ruf als «geistvolle, anziehende Persönlichkeit von edler Gesinnung und umfassenden Interessen» wurde er offensichtlich gerecht, wurde er doch schon 1836 zum Rektor der Universität ernannt. Seit ihrer Gründung 1834 war Löw zudem Mitglied der Museumsgesellschaft.

Im folgenden Jahr verfasste er seine Beschreibung des aufstrebenden Zürich im Jahre 1837. Schon kurz darauf hat Löw die Stadt im Nachgang an den Straussenhandel und den Züriputsch von 1839[1], der den liberalen Aufschwung nach knapp neun Jahren vorübergehend beendete, wieder verlassen.

Seine knapp 90-seitige Momentaufnahme erlaubt einen interessanten Blick auf das Zürich vergangener Zeiten. Löw lobt Gutmütigkeit und Grosszügigkeit der Zürcher, beklagt ihre Scheu vor Veränderungen und ihre Fantasielosigkeit und wundert sich über ihre pedantische Pflege der Familienbindungen und ihre Weigerung, die «schöne edle deutsche Sprache in voller Reinheit zu reden».

Ebenso lesenswert sind seine Beschreibungen der Stadt und ihrer Umgebung. Nach der Schleifung der Wälle und Schanzen im Jahr 1834 war Zürich grossen baulichen Veränderungen unterworfen. So sind zu dieser Zeit eine beeindruckende Zahl von Bauarbeiten im Gange: «eine zierliche steinerne Brücke, ein breiter Quai, dem Limmat- und dem Seeufer entlang, ein Hafen, ein stattliches Posthaus, ein Kaufhaus, ein wahrhaft prachtvolles Spital, ein Gymnasium, ein Universitätsgebäude, ein Lokal für Taubstummen- und Blindeninstitut […]» sind im Bau oder doch mindestens in Planung.

Auch über Sitten und Gebräuche, Kunst, Wissenschaft und Politik äussert sich der Professor. So lernen wir das «Freudmaitli» kennen, das mit einem grossen Blumenstrauss ausgestattet die Geburt eines Kindes bei Freunden und Familie bekannt gibt, ebenso wie die «Kilchgangsageri», die in schwarzem Gewand mit weisser Kapuze den Tod eines Menschen sowie Datum und Zeit seines Begräbnisses in monotoner, gellender Stimme verkündet oder (moderner) einen Zettel mit den entsprechenden Angaben verteilt.

1837 erschienen, wurde Löws Buch 1958 neu aufgelegt, um aus der «archivalischen Vergessenheit» hervorgeholt zu werden. Beim Exemplar der Museumsgesellschaft handelt es sich um diese Neuauflage. Sie kann nach Hause ausgeliehen und so dem Vergessen erneut entrissen werden.

Löw zu Steinfurth, Ludwig von: Zürich im Jahre 1837. Nach den natürlichen und geselligen Verhältnissen geschildert für Einheimische und Fremde. Zürich, 1958. Signatur M 2732.

 

[1] Die Berufung des aufgeklärten Theologen David Friedrich Strauss zum Professor an die Universität sorgte unter der konservativen Landbevölkerung für grossen Unmut. Der Widerstand war so stark, dass Strauss noch vor Amtsantritt pensioniert wurde. Damit gab sich die in einem Zentralkomitee organisierte Opposition nicht zufrieden. Der Konflikt gipfelte in einem Zusammenstoss von Landleuten und militärischen Einheiten in der Stadt Zürich. 15 Todesopfer waren zu beklagen, die Regierung wurde aufgelöst. Aus den folgenden Neuwahlen gingen die Konservativen als Sieger hervor.