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Ha vu comprendet me?

«Li ver lingue international esiste. Save vu, que it es possibil scrir in un lingue inmediatmen comprensibil por persones cultivat de omni nationes? Ti lingue presc miracolosi es nominat: Occidental, proque it sonatene il quasi totalità del paroles comun a omni lingues cultural del occidente.»

Da in der Museumsgesellschaft immer schon kultivierte Personen aller Nationalitäten verkehrten, verwundert es nicht, dass sich in unserem Bestand auch ein Wörterbuch «Occidental – Deutsch» und «Deutsch – Occidental» findet. Verfasst wurde es von Alphonse Matejka, seines Zeichens «un famos Occidentalist suisso de tchek origine», herausgegeben 1945 vom Institut Occidental in Chapelle im Waadtland. Das Buch stand seinerzeit in der Handbibliothek des Lesesaals, wurde daraus allerdings offenbar entfernt und hat irgendwie den Sprung in den elektronischen Bibliothekskatalog verpasst. Es handelt sich dabei also um eine noch unkatalogisierte «Leiche» im Bücherkeller, die wieder einmal ins Rampenlicht gestellt werden soll.

Mit der Zunahme der internationalen Beziehungen ab Mitte des 19. Jahrhunderts verstärkte sich das Problem der internationalen Verständigung und Kommunikation. Mit sogenannten Welthilfs- oder Plansprachen sollte diesem Übel Abhilfe geschaffen werden. Zentral waren dabei leichte Erlernbarkeit, hohes aktives und passives Sprachvermögen, Internationalität und vor allem Neutralität; es sollte sich um keine Nationalsprache handeln und somit niemand als Muttersprachler im Vorteil sein.

Occidental wurde 1922 vom Deutschbalten Edgar de Wahl entwickelt. Zu der Zeit existierte bereits eine Reihe von anderen Plansprachen, z. Bsp.: Volapük (seit 1879), Latino sine flexione (seit 1903), Ido (seit 1907) und natürlich vor allem Esperanto, die erfolgreichste (seit 1887). Weitere sollten noch hinzukommen. Versuche, sich auf internationaler Ebene auf eine gemeinsame Plansprache zu einigen, scheiterten.

Occidental ist eine naturalistische Sprache. D.h. sie wurde im Gegensatz zu anderen Plansprachen nicht künstlich erfunden, sondern orientiert sich, wie der Name nahlegt, in Wortschatz und Struktur an «westlichen» Sprachen. Sie war in erster Linie für Benutzer gedacht, denen solche Sprachen sowie das aus dem Latein stammende, internationale Vokabular vertraut sind. Entsprechend verstand sich Occidental in Analogie zum Hochdeutschen als eine Art «Hochabendländisch» und hatte nichts weniger im Sinn als die «europäische Seele» zu bewahren und die europäische Kultur nicht via Englisch dem praktischen und materialistischen Geist Amerikas auszuliefern.

Der Name Occidental deutet auch auf eine Positionierung der Sprache gegenüber der Sowjetunion, der de Wahl kritisch gegenüberstand und wo der Konkurrent Esperanto eine gewisse Verbreitung gefunden hatte. Erst mit der Umbenennung von Occidental in Interlingue wurde 1949 versucht im Blockkonflikt zwischen Ost und West nicht als parteiisch zu erscheinen und die Verbreitung in den kommunistischen Ländern zu fördern.

Ihre Blütezeit hatte Occidental, wie die meisten Plansprachen, in den 1920-er und 1930-er Jahren. Sie fand rasch Anhänger und etablierte sich als Alternative zu Esperanto, sah aber, historisch bedingt bald schwierigen Zeiten entgegen. Weltwirtschaftskrise, Nazismus und Stalinismus sowie der zweite Weltkrieg haben alle Plansprachen aufgrund der dahinterstehenden Idee der gleichberechtigten, internationalen Verständigung sehr geschwächt. In Deutschland wurden sie 1936 verboten und ihre Anhänger verfolgt. In Russland wurden Tausende von Esperantosprechern (zusammen mit den Briefmarkensammlern) verhaftet, in Lager verschickt oder direkt erschossen. Occidental hat während der Kriegszeit hauptsächlich in der Schweiz und in Schweden überlebt. Noch heute befindet sich der Sitz der Interlingue Union, welche auch die offizielle Zeitschrift «Cosmoglotta» publiziert, in St. Gallen.

In der Nachkriegszeit fand die Idee einer völkerverbindenden Welthilfssprache wieder mehr Anhänger. Die Zahl der Sprecher von Occidental-Interlingue blieb aber klein und beschränkt sich heute auf ein paar wenige Dutzend, weshalb unser Wörterbuch wahrscheinlich aus dem Lesesaal verbannt wurde.

Matjeka, Alphonse: Wörterbuch Occidental-Deutsch und Deutsch-Occidental, Institute Occidental, Chapelle, 1945.