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Ilse Molzahns unbekanntes Meisterwerk

So wie königlichen Hoheiten das präparierte Wild vor die Büchse getrieben wird, so habe ich mir dieses ‚Fundstück‘ selbst ins Magazin gelegt, um es ‚finden’ zu können. Auf dem Antiquariats­markt weder selten noch kostbar, ist der Roman von Ilse Molzahn doch in keiner schweize­rischen Bibliothek zu finden, ausser in der UB Bern und seit zwei Monaten bei uns in der Museums­ge­sell­­schaft: Die Erstausgabe er­schien wie die hier kürzlich vorgestellte ‚Schwarze Weide‘ von Horst Lange im Dritten Reich und wurde wie diese in der Schweiz nicht zur Kenntnis ge­nom­men. Sehr zu Unrecht, denn ‚Der schwarze Storch‘ ist ein ziemlich einzigar­tiges Buch, ja man darf sagen: ein unbekanntes Meisterwerk.

Die auch in Deutschland gründlich vergessene Ilse Molzahn ist 1895 in Posen geboren, begann als Tänzerin, wurde dann Referentin für Ju­gend­fürsorge und heiratete 1919 den expressionistischen Maler Jo­han­nes Molzahn, mit dem sie in Breslau lebte, bis dieser 1938 als ‚ent­arteter’ Maler in die USA emigrieren musste. Sie selbst blieb in Deutschland und gehörte zu den Autoren der Inneren Emigration. Ihre beiden Söhne hat sie im Krieg verloren. Sie schrieb Romane, Hörspiele und war journalistisch tätig. 1981 ist sie in Berlin gestorben.

‚Der schwarze Storch’ ist ihr erster Roman und spielt vor dem Ersten Weltkrieg in der Heimat der Autorin, im ehemaligen deutsch-polnischen Grenzgebiet (heute polnisch) auf einem Landwirtschaftsgut. Es ist eine vom Untergang bedrohte Welt, die hier beschrieben wird, und zwar –   das ist das Aussergewöhnliche dieses Buches – aus der konsequent durchgehaltenen Perspektive und in der einfachen, bezaubernden Sprache eines Kindes, genauer: eines sechsjäh­rigen Mädchens. Als Einzelkind des Gutsherrn hat es keine Gespielinnen, mit den Kindern des Gesindes darf es nur im Versteckten spielen. Es bewegt sich also ziemlich einsam in der von rigiden Konventionen geprägten Welt der Erwachsenen, die es genau beobachtet, aber trotz aller Versuche, sich einen Reim auf ihr seltsam erscheinendes Verhalten zu machen, nicht versteht. Da ist die fromme Mutter, die sich kaum um das Kind kümmert, der Vater, der sich ihm je nach Situation und Stimmung zuwendet oder entzieht, und da ist das Kindermädchen Helene, zu dem das Mädchen trotz seiner Strenge eine enge Beziehung hat. Helene wird zum grossen Schmerz des Mädchens entlassen, weil sie schwanger ist. Schliesslich stirbt sie bei der Geburt eines toten Kindes. Das allerdings und andere dunkle Geschehnisse muss sich der Leser selber aus den Brocken erschliessen, die das Kind hier und da aufschnappt.

Als das Kind unbedingt das Grab Helenes sehen will, weicht der Doktor, der es ihm zeigen soll, aus und meint, sie sei davongeflogen wie der Engerling, der zum Maikäfer wird:

„‘Was weiss ich, wo Deine Helene steckt? Aber da, wo du sie suchen willst, ist sie nicht mehr!‘

Es gefällt mir, was der Doktor da erzählt.

Ganz leicht wird es mir ums Herz. Als er nun wieder zu pfeifen anfängt, summe ich leise mit.

In Olanowo werde ich viel fragen. Alle Vögel, alle Schmetterlinge, jedes Wesen, das fliegt: ‚Bist du es, Helene?‘“

Das Mädchen mit ausgeprägt jungenhaften Zügen streift am liebsten durch die Natur und lässt sich trotz aller Erziehungsversuche nicht bändigen und nicht verbiegen: Ein starkes Kind allein in einer unver­ständlichen Welt. Und über allem hängt drohend der schwarze aus­gestopfte Storch, den der Vater gleich zu Beginn des Romans er­schossen und ins Wohnzimmer gehängt hat, weil er die glücks­ver­heissenden weissen Störche bedroht hat ...                                                                       Th. Eh.

Ilse Molzahn: Der schwarze Storch. Roman. Mit einem Nachwort von Hans Erich Nossack. München: LangenMüller 1977. – Signatur: N 256