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Ludwig Börnes "Wage"

„Oft reisst die Geschichte ein Wort stammelnd auseinander, aber es sollen die Zeitschriftsteller nicht, gleich einem Echo, nur die letzte Silbe der Ereignisse, sondern das ganze verständliche Wort wiederholen.“ Wo immer man hinblickt: Ludwig Börne ist nie um ein passendes Gleichnis, eine passende Metapher verlegen – und mit der vom Echo, womit sich der Journalist, der sich als „Zeitschriftsteller“ versteht, nicht begnügen dürfe, hat er einen immer noch gültigen Anspruch prägnant formuliert. Zu lesen ist dies in der Einleitung zu seiner Zeitschrift „Die Wage. Eine Zeitschrift für Bürgerleben, Wissenschaft und Kunst“, von der 1818-1821 in unregelmässigen Abständen 13 Hefte erschienen sind. Die originale und vollständige Folge, ein Rarissimum, findet sich zu einem Band gebunden mit dem Besitzvermerk des Komponisten Schnyder von Wartensee in unserer Bibliothek.
Ursprünglich hatte Börne (1786 geboren im Frankfurter Ghetto als Juda Löb Baruch, gestorben 1837) eine politische Zeitschrift geplant, die sich mit Unterstützung der preussischen Regierung Hardenberg, deren Reformwillen er überschätzt hatte, gegen das Österreich Metternichs wenden sollte. Als daraus nichts wurde, gründete der Protagonist des „Jungen Deutschland“ in Frankfurt auf eigene Kosten und ohne Verlag die „Wage“. Das anvisierte Forum für den „Kampf der Meinungen“ wurde sie zwar nicht, da sie weitgehend ein Einmannunternehmen blieb (fast alle Artikel stammen von ihm), aber Erfolg hatte sie dank der spitzen und angriffslustigen Feder Börnes trotzdem: Die Zeitschrift erreichte sofort die damals ansehnliche Auflage von 600 Exemplaren
Schon im ersten Heft schrieb Börne über die „Pressfreiheit in Baiern“ – ein Thema, dem er sich auch weiterhin in angriffiger Polemik widmete, und das ihn selbst zum Ziel der Frankfurter Zensur machte. Das war auch kaum zu vermeiden, denn in die kurze Zeit des Erscheinens der „Wage“ fallen die Ermordung des Erfolgsdramatikers August von Kotzebue und als deren Folge die „Karlsbader Beschlüsse“ mit der nochmals verschärften Zensur und der Hetze gegen Liberale und Demokraten. Der dauernde Kampf mit der Zensur – Börne wurde einmal sogar für vierzehn Tage eingelocht – war denn auch der Grund für das Ende der Zeitschrift.
Die „Wage“ widmete sich ihrem Untertitel entsprechend auch den Wissenschaften und der Literatur, insbesondere der regelmässigen Theaterkritik, womit Börne in Deutschland Neuland betrat. Als Beispiel für seinen Stil sei der Anfang seiner Rezension von E. Th. A. Hoffmanns Erzählungen „Die Serapionsbrüder“ zitiert, dem der kämpferische Autor als „Epopee des Wahnsinns“ kein Verständnis entgegenbringen konnte:
„Aus dem Meer der deutschen Leihbibliotheken (nur das Salz und die Tiefe unterscheidet jenes von diesem) ragen die Schriften Hoffmanns als tröstende, liebliche Eilande hervor. Jauchzend springen wir ans Ufer, küssen den grünenden Boden, umarmen Baum und Strauch, und sind beglückt, uns aus der Wassernoth gerettet zu sehen. Aber wie die Gefahr des Lebens zurückgetreten, stellen sich seine Bedürfnisse ein: der Hunger und der Durst; doch da rieselt keine Quelle, und so schöne Früchte uns auch locken, sie sind uns fremd, wir wagen die Giftdrohenden nicht zu berühren. [...] Wir fliehen entsetzt an den Strand zurück, und vertrauen uns der gräulichen Wasserwüste von neuem an.“
Th. Eh.
Die Wage. Eine Zeitschrift für Bürgerleben, Wissenschaft und Kunst. Herausgegeben von Ludwig Börne. Frankfurt am Main 1819-1821. – Signatur: S 336.