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Proben aus der Schriftgiesserei

Im Jahr 1840 – die Museumsgesellschaft war gerade mal sechs Jahre alt – wurde die Mitgliederversammlung auf den selben Tag gelegt wie das „Jubelfeste der Erfindung der Buchdruckerkunst“, nämlich auf den 24. Juni 1840. Dieses dem Andenken Gutenbergs gewidmete Fest sollte – wie im Jahresbericht 1839 der Museumsgesellschaft festgehalten wurde – das „Erinnerungsfest einer der herrlichsten und folgenreichsten Erfindungen des menschlichen Geistes [werden]“. In vielen deutschen Städten gedachte man an diesem Tag Gutenbergs Erfindung. Auch die Museumsgesellschaft wollte mit einer einfachen und bescheidenen, aber ernst und würdigen, froh und freudigen Feier beitragen, „weil ihr eigenes Leben nur aus dieser Erfindung hervorgegangen ist“, wie Herr Conrad Ott-Usteri, Präsident der Museumsgesellschaft des Jahres 1839, schreibt.

Nach Zürich kam die bahnbrechende Erfindung erst relativ spät: Während in Basel bereits 1464 das erste Buch gedruckt worden war, wurde die Buchdruckerkunst in Zürich erst am Anfang des 16. Jahrhunderts durch Hans von Wasen eingeführt. Als erster Buchdrucker und Schriftgiesser Zürichs gilt Christoph Froschauer (um 1490–1564). Zwischen 1520 und 1564 wurden in seiner Druckerei etwa 1000 Bücher in fast einer Million Exemplare gedruckt. Am bekanntesten sind sicherlich seine Drucke der Werke von Erasmus von Rotterdam, die reich ausgestatteten Bibeln Luthers und Zwinglis und die prachtvoll illustrierte Schweizer Chronik (1547/48) von Johannes Stumpf. Dank Christoph Froschauer erlangte Zürich sehr schnell einen besonderen Ruf als Druckort, und wie es im Jahresbericht 1839 der Museumsgesellschaft heisst, werden auch dreihundert Jahre später die „Proben dessen, was jetzt die Kunst in Zürich zu leisten vermag, […] bezeugen, dass die hiesigen Druckereien mit den vorzüglichsten der ersten Städte Europas zu wetteifern sich nicht scheuen dürfen“.

Von dieser Kunst zeugen beispielsweise die Proben der Schriftschneiderei, Schrift- und Stereotypengiesserei des Zürcher Schriftschneiders Christian Friedrich Graberg-Steinfels (1788–1871). Sie sind in dem vom Oberbibliothekar der Museumsgesellschaft, Joh. Kaspar Orelli, angefertigten und in den Jahresbericht 1839 eingeschlossenen Verzeichnisse der am Festtage ausgestellten typographischen Merkwürdigkeiten aufgeführt und befinden sich seither im Besitz der Museumsgesellschaft. Graberg stammte aus Erfurt, wo er beim Buchdrucker Haas beschäftigt gewesen war, bevor er 1824 die von Salomon Jakob Hottinger gegründete Schriftgiesserei in Zürich übernahm. Hatten Buchdrucker ihre Lettern anfangs noch selber produziert und gegossen, entstanden ab Mitte des 18. Jahrhunderts Schriftgiessereien, um die zunehmende Nachfrage nach Lettern zu bewältigen. Graberg bot Guss und Matrizen von Frakturschriften und Einfassungen an, ausserdem entwickelte er ein neues Verfahren, „um in den gewöhnlichen Gießinstrumenten alle Arten von Buchstaben, Verzierungen etc. zu gießen, und zwar so, daß alle nicht scharf ausgegossene, sogenannte böse Buchstaben beseitigt und die schwierigsten Sachen auf das Schärfste hervorgebracht werden“. Diese Erfindung bot er im Journal für Buchdruckerkunst, Schriftgießerei und die verwandten Fächer vom Januar 1842 den Buchdruckern zum Verkauf an. In seinen Proben der Schriftschneiderei, Schrift- und Stereotypengiesserei präsentierte der erfinderische Schriftschneider Fraktur- und Antiquaschriften, griechische und französische Schreibschriften, verzierte Schriften und zahlreiche Zeitungs- und Anfangsvignetten. Diese wurden von Orell Füssli & Co. gedruckt, die 1858 vermutlich Grabergs Giesserei übernommen und für den Hausbedarf weitergeführt hat.                                                                                                            S.L.

 

Proben der Schriftschneiderei, Schrift- und Stereotypengiesserei von Friedrich Graberg in Zürich. 1840. Signatur D 1085