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Sternes Laune in Bodes Deutsch

Es ist immer noch eine der amüsan­testen und witzigsten Lektüren, die uns die Weltliteratur bereithält: Laurence Sternes „Life and Opin­ions of Tristram Shandy Gent­leman“, erschienen 1759–1767 in neun Bändchen. Nie zuvor und nicht allzu oft seither hat ein Autor so souverän mit dem Leser und seinen Erwartungen gespielt. Das fängt damit an, dass die im Titel versprochene Biographie des Hel­den und Ich-Erzählers nicht und nicht vorankommen will: Sie setzt nicht mit der Geburt ein, sondern mit der Zeugung – und bis Tristram endlich das Licht der Welt erblickt, sind wir schon mitten im dritten Band, im sechsten dann werden ihm die ersten Hosen angemessen, und dann wendet sich der Text endgültig dem ebenso schrulligen wie liebenswürdigen Onkel Toby und seinem Steckenpferd, dem Festungsbau, zu … Das Gesetz dieser Prosa heisst Abschweifung. Auf dem Erzählweg zur Geburt ist die Hebamme vorzustellen, aber dazu muss zuerst der Pfarrer beschrieben werden, der sie eingesetzt hat, und das wiederum geht nicht, ohne seine Geschichte und seinen Tod zu schildern. Der Erzähler kündigt deshalb zwei Kapitel an und fügt an: „Wenn dies geschehen ist, und uns kein anderer Stein in den Weg fällt: dann wollen wir mit der Hebamme weitergehen.“ Natürlich müssen dann noch etliche andere Steine weggeräumt werden ... Für Goethe war Sterne „der schönste Geist, der je gelebt hat“, für Nietzsche der „freieste Schriftsteller aller Zeiten.“

Das Fundstück, das über den Nachlass von Xaver Schnyder von Wartensee in die Museumsgesellschaft gefunden hat, ist die zweite, und man muss beifügen: die klassische deutsche Übersetzung von 1774. Sie ist anonym und wie das Original in neun handlichen und schön gedruckten Bändchen erschienen und zwar bei Bode – und dieser Bode war auch der Übersetzer: Johann Joachim Bode, geboren 1731 in Braunschweig und gestorben 1793 in Weimar. Weder das Verlegen noch das Übersetzen ist ihm in die Wiege gelegt worden. Als Sohn eines invaliden Soldaten musste er zuerst beim Grossvater Schafe hüten, bevor er Militäroboist in Braunschweig werden konnte. Durch die Bekanntschaft mit dem Professor J. C. Stockhausen konnte er seinem Drang nach höherer Bildung nachgehen, Französisch und Englisch lernen und die deutsche Literatur studieren. 1757, nach dem Tod der ersten von drei Frauen (alle und auch die insgesamt sieben Kinder sind ihm in jungen Jahren weggestorben), ging er nach Hamburg, wo er als Musik- und Sprachlehrer sowie als Journalist und Übersetzer arbeitete. Durch die zweite Frau zu Geld gekommen, gründete er eine Druckerei und einen Verlag, in dem Lessings „Hamburgische Dramaturgie“, Klopstocks „Oden“ und Claudius‘ „Wandsbecker Bote“ erschienen sind – wichtige Werke von Autoren, mit denen er auch befreundet war. Wie die meisten Aufklärer war er auch Freimaurer und widmete den Illuminaten den grössten Teil seines späteren Lebens. Noch in der Hamburger Loge „Absalon“ wurde er Meister vom Stuhl, dann ging er als Geschäftsführer der Gräfin Bernstorff nach Weimar, wurde Hofrat und nahm Goethe in die Weimarer Loge „Anna Amalia“ auf.

Wieland hat von Bodes Sterne-Übersetzung gesagt, des Dichters Geist sei auf Bode herabgestiegen und habe ihn mit seiner ganzen Laune erfüllt. Diese Laune ist noch heute, nach 240 Jahren, zu spüren. So modern Sternes Roman aus dem 18. Jahrhundert in das unsrige winkt, so modern kann Bodes Sprache durch das Kleid des 18. Jahrhunderts auf uns heutige Leser wirken.                            Th. Eh.

 

[Laurence Sterne:] Tristram Schandis Leben und Meynungen. [Übersetzt von Johann Joachim Bode] Erster [bis neunter] Theil. Hamburg: Bey Bode 1774. – Signatur: D 701 – D 701 h