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Der Sommer nach den Sommern zuvor von Doris Wirth

Text des Monats Mai 2007 (Thema: Reiseberichte)

Autor/in:

 

Der Sommer nach den Sommern zuvor

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Jetzt, wo der Regen in dünnen Bindfäden vor meinem Fenster fällt und auf dem Beton nicht mehr diesen erregend staubigen Geruch auslöst, weil der Beton ausgekühlt und die Temperatur um mindestens zehn Grad gefallen ist; jetzt, wo mir diese Fotos in die Hände fallen, jetzt ist Leila längst in Paris und liest wahrscheinlich ein Buch oder sie sitzt vor dem Computer und flucht, weil ihr die richtigen Linien und die passende Typografie nicht einfallen wollen. Und Leon schreibt, dass es ihm wieder gut gehe, dass er ohne Billie ein neues Leben anfangen müsse, weil er es den Kindern schuldig sei. Könnte man sich doch wieder in den Zug setzen und der Landschaft zuschauen, wie sie vorüberflitzt und im Fahren an Kontur und an Form verliert, denke ich jetzt, wo die Fotos vor meinen Augen verschwimmen und der Regen draussen nicht aufhören will. Könnte man doch den Kopf zum Fenster hinaus halten, den Fahrtwind spüren und glauben, dass der Zug für immer weiterfahren würde. Sich ins Flugzeug setzen und dort landen, wo die Felder unendlich weit sind, weil es keine Berge gibt, wo die Strassen schnurgerade verlaufen und nur alle zehn Minuten eine Strasse die andere im neunzig Grad Winkel kreuzt.

Ich weiss nicht mehr, warum Leila mitgekommen ist. Vielleicht habe ich ihr von dem Haus am Fluss und von dem See erzählt, der im Winter zu einer blendend weissen Fläche gefriert. Vielleicht habe ich ihr gesagt, dass man die Hunde auf die Ladefläche des Trucks lädt, um sie am See wieder rauszulassen, wo sie bellend aufs Wasser zurennen. Und dass man im Sommer am See ganz alleine ist, zusammen mit den Hunden baden geht und dabei die Augen zukneift und sich vorstellt, dass der riesige See eigentlich das Meer ist. Doch ich weiss nicht, ob ich Leila damit überzeugt habe, denn Leila mag Hunde nicht und sie badet auch nicht so gern.

In diesem Sommer war es anders als in den Sommern zuvor. Leon und Billie wohnten noch immer in ihrem Haus in Siglavik, direkt am Fluss, und ich glaube, es gab damals auch noch den mit Gras und Blumen überwucherten Weg. Der Weg, den ich früher den Fluss entlang mit den Hunden gerannt war, keuchend und schweissnass, und mir vorzustellen versucht hatte, ich wäre Pocahontas und mit dem Rennen würde mein weisser, schwabeliger Bauch verschwinden. Wenn ich pfiff, kamen die Hunde zu mir und zusammen rannten wir weiter, bis ich nicht mehr konnte, bis mich ins Gras fallen liess und  zwischen den Kleeblumen und Schilfgräsern liegen blieb.

Leon war älter geworden, zum ersten Mal kam er mir wie ein erwachsener Mann vor. Er war oft unterwegs, lachte kaum mehr und stellte irgendwelche allgemeingültigen Regeln auf. Billie hatte ein Kind bekommen, Ian, der ständig herumgetragen und in den Schlaf gewiegt werden wollte. Ich sagte zu Leila, und, findest du die Küche nicht wunderschön, und sie sagte ja, ganz ok.

Leila und ich hatten je zehn Tafeln Schokolade mitgebracht, die wir den Kindern und den Ortsansässigen schenken wollten. Manchmal gingen wir spazieren und einmal gingen wir joggen. Aber Leila war schneller als ich, ich bekam Kopfschmerzen und so zogen wir es vor, auf unserem Doppelbett zu liegen, jede mit einem Buch vor sich, und jeden Tag eine Tafel Schokolade zu verzehren. Billie sagte zu uns: «Mädels, warum liegt ihr nur herum? Ich kann euch irgendwo hinfahren, wo wollt ihr hin? Warum lest ihr denn die ganze Zeit? Als ich in eurem Alter war, wollte ich immer nur raus, ich wollte tanzen, trinken und alles.» Wir schauten von unseren Büchern hoch, warfen Billie einen müden Blick zu und sagten: «Danke, wir wollen nirgendwo hin.»

Einmal fuhren wir ins Nachbarsdorf. Billie lud uns ab und wollte uns gegen zehn wieder abholen. Wir setzten uns in ein Café, tranken Limonade und Leila sagte, dass sie das hier ganz schrecklich fände. Das ganze Kaff sei furchtbar lieblos gebaut, die Architektur sei billig und das einzige Café geschmacklos eingerichtet. Ich blickte auf die Plastikstühle, auf denen wir sassen, auf die abwischbaren Tischdecken im Stil der Achtziger Jahre und auf die leeren Nachbarstische und schluckte. Ich wollte etwas sagen, etwas, dass ihr zeigte, wie schön hier eigentlich alles war. Ich schaute Leila an, die wie immer glasklar und porzellanfarben aussah, und wurde ein bisschen wütend. Von Leila hatte ich erst gelernt, was Geschmack hiess und was Stil war. Früher hatte ich nicht gewusst, dass Betonbauten auch schön sein konnten, wenn sie keine Fenster, dafür aber klare Formen besassen. Ich hatte nicht gewusst, dass Bilder, auf denen kaum etwas zu erkennen war, schöner waren als die blonden Ankermädchen meiner Eltern. Und durch sie hatte ich erkannt, wie furchtbar die selbst gebastelten Imitatholztablare im Schlafzimmer meiner Eltern waren, die dazu dienten, Ordner und sonstige praktische Dinge platzsparend aufzubewahren. Später würde sie mir zeigen, wie sie ein helles hohes Zimmer mit Stukkatur tatsächlich so luftig und beinahe leer einrichten konnte, wie die Zimmer, die in den teuren Heften abgebildet waren, die sie ständig las. Und in ihren Zimmern würde ich mich später bewegen und mich schwebend leicht fühlen und mein bewundernder Blick würde sich in den Zeitungsschnipseln von Frauenkörpern, Buchstaben und Farben verlieren, die sie geschickt an den Wänden kombiniert hatte.

Einmal besuchten wir Billies Vater, der mich immer besonders gemocht hatte. Der Vater wollte, dass wir ihm auf die Knie sassen und Billie ein Foto von uns schoss. Auf dem Foto hat Harry seine Hand um meinen Bauch gelegt, der über die schwarze, kurze Hose quillt und oberhalb seiner Hand wölben sich meine Brüste, die irgendwie zu gross wirken, zu gross unter dem dümmlich lächelnden Gesicht, das von pfausbäckigen Kinderwangen gerahmt ist. Und Leila lächelt zerknirscht auf dem andern Knie, sie hat ihre Schultern leicht hochgezogen und man kann ihre Zahnspange sehen. Wenn ich mir das Bild jetzt ansehe, hat Leila recht: Harry wirkt tatsächlich wie ein alter Lüstling und ich sehe aus wie ein Kind, das aus Versehen in einem zu reifen Körper steckt. Aber damals wollte ich nicht von Leila hören, dass Harry sie anekelte.

Leila und ich redeten immer weniger zusammen. Sie trug oft den kleinen Ian auf ihrem Arm herum und wiegte ihn in den Schlaf, ich stand nachts auf und suchte nach den englischen Keksen. Irgendwann schloss ich mich im Badezimmer ein und fing an, mir die Haare zu schneiden. Hinten gelang es mir nicht so gut und ich wurde wütend und rief weinend Leila zu Hilfe. Billie und Leon sagten, dass es gut aussähe, aber ich fand nur Leila schön und band mir ein blaues Tuch um den Kopf.

Am Strand machten wir Fotos. Ich stieg mitsamt meiner Bluejeans ins Wasser. Leila stand in ihrer schwarzen Unterwäsche auf einen Felsen und später rannte sie in ihrer weissen Fischerhose den Strand hinunter. Das Foto, auf dem sie Schlangenlinien rennt und nur von hinten, ganz klein, zu sehen ist, ist eines der schönsten geworden, auch wenn sie es nicht mag. Von allen andern Fotos waren wir später, als wir uns die frisch entwickelten Bilder in der Schule, versteckt auf dem höchsten Punkt des Hügels, ansahen, massloss enttäuscht. Auf dem Foto, wo ich in nasser Bluejeans aus dem Wasser steige, sehe ich aus wie ein  Seeungeheuer, das in menschlicher Kleidung schon mal das Erschrecken übt. Das Trägershirt, das mir am hängenden Busen klebt, erinnert an meine Mutter, wie sie ohne BH die Wohnung putzt.

Leila steht weiss und knochig und krumm auf dem Felsen und obwohl die Spitzenwäsche, die sie trägt, schön ist, fragt man sich, wer dem armen Mädchen die Kleidung gestohlen hat. Durch ihre helle Haut hindurch kann man die grünen Adern an ihren Beinen sehen.

Billie und Leon hörten nicht auf zu fragen, ob wir nicht etwas unternehmen wollten, ein paar Tage campen gehen vielleicht, und irgendwann liessen Leila und ich uns erweichen und rafften uns zu einer Reise auf. Wir mussten zwölf Stunden mit dem Greyhound fahren, alle drei Stunden hielt man auf einer Raststätte an und alle Damen gingen aufs Damenklo und alle Herren gingen aufs Herrenklo. Ich rauchte Gauloises rot und fühlte mich sehr abenteuerlich dabei, wie ich den Rauch in die dunkle Nacht hinaus blies. Ab und zu quatschte ich einen Mitreisenden an und während wir warteten, bis das Klo frei wurde, erfuhren wir, wo die andern hin wollten. Zurück im Bus ruckelte es und ich liess mich vom monotonen Fahrtrhythmus langsam in den Schlaf wiegen.

Als wir in der Stadt ankamen, stand die Sonne schon hoch am Himmel. Nur ein Geschäftsmann stieg auch aus, alle andern fuhren weiter. Wir sagten zu niemandem «bye», denn die meisten schliefen oder starrten bewegungslos aus dem Fenster.

Saskatoon bestand vor allem aus Beton und es war der heisseste Tag, den man seit vierzig Jahren in der Gegend erlebt hatte. Leila und ich schoben uns durch die endlos langen Strassen, die Hitze reflektierte auf dem Stein und schien die ganze Stadt in ein Vakuum einzuschliessen. Ausser uns bewegte sich kaum etwas zwischen den hohen Häusern, nur ein Tankwart war bereit, uns den Weg zum nächsten Hotel zu weisen.

Im Hotelzimmer erinnere ich mich nur an den Sessel. Ich weiss noch, wie ich Leila gezeichnet habe, es muss auch einen Tisch gegeben haben, denn auf einer andern Zeichnung sitzt sie an einem Tisch auf einem Stuhl, über dessen Lehne ein Kleidungsstück hängt. Oder habe ich mir den Tisch dazugedacht? Gab es vielleicht gar keinen Tisch in dem Zimmer? Ich sehe ihr schwarzes Shirt, das sich als einziges vom Hintergrund abhebt, den ich wie ihren Körper mit pastellgrüner und grauer Kreide gemalt habe.

Ich erinnere mich, wie ich in dem Sessel sitze, die Füsse weit von mir gestreckt, das Kinn auf die Brust gesunken, halb nackt, und zu Leila sage: «Wenn ich einen Freund hätte, würde ich nie mehr so sitzen können. So sehe ich furchtbar aus. Siehst du, wie es meine Beine breit und platt drückt? Siehst du, wie mein Bauch quillt? Wie furchtbar, wenn man sich dann nur noch aufrecht hinsetzen darf.»

Am nächsten Tag sind wir früh aufgestanden. Wir haben die grosse Brücke am Fluss gesucht und eine Skizze nach der andern gefertigt. Leilas Architekturskizzen waren präziser und schöner als meine, aber meine Skizzen von Autos und Menschen hatten mehr Schwung und fingen etwas von der Bewegung ein. Als es Mittag wurde, haben wir uns ein Quartier gesucht, wo wir jede Menge Passanten erwarteten und breiteten die Skizzen vor uns aus. Wir mussten jede einzeln mit einem Stein beschweren, damit der Wind sie nicht auf die breiten Strassen oder in den angrenzenden Park wehte. Langsam füllte sich die Strasse mit Menschen, die aus Geschäftshäusern in die stehend warme Luft hinein traten. Am Ende der Strasse muss ein Kongress stattgefunden haben, denn viele Männer und Frauen in Anzügen und Kostümen bewegten sich zielstrebig dorthin. Sie öffneten ihre Jackets ein wenig und plauderten, während wir ihre Lederschuhe an unseren Skizzen vorbeischweben sahen.

Wir wechselten den Standort und schlugen unser Lager in einem kleinen Park in der Nähe des Flusses auf. Hier hatten wir mehr Glück, eine alte Frau kaufte uns gleich drei von Leilas Skizzen ab: die Brücke am Fluss, die Strasse und das Denkmal, das Wahrzeichen der Stadt. Ich schenkte meine Lieblingsskizze einer Geigerin, die mutterseelenallein im Park spielte und in deren geöffneten Geigenkoffer nur drei Münzen lagen.

Am Abend haben wir uns, noch bevor die Sonne untergegangen war, in den Greyhound gesetzt und sind zurück in Richtung Gimli gefahren. Ich weiss noch, dass wir an Weizenfeldern vorbeigefahren sind und dass wir zusammen Musik aus Leilas Walkman hörten. ?Two sisters hand in hand at the zoo, frightened, by the world? und mir kam es vor, als würde sich der Bus zum Rhythmus der Musik bewegen. Die Felder fingen die letzten Sonnenstrahlen auf, die Ähren standen in goldgelbem Licht. Mancherorts waren sie zu grossen Zylindern gebunden, solche, wie Leila und ich sie in der Nähe Gimlis gefunden hatten.

Während der Bus uns an den Feldern vorbei ruckelnd in Richtung Gimli brachte und die Musik die Bilder vor dem Fenster nicht nur zu begleiten, sondern viel eher erst lebendig zu machen schien, dachte ich, dass diese Reise noch die ganze Nacht dauern würde. Und die Felder vor den Busfenstern schienen auf seltsame Art von mir zu wissen, von mir und von Leila, von jetzt, von früher und von später.