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Die Fracht des Sommers von Christian K. Schaub

Text des Monats Juli 2011 (Thema: Heimat)

Autor/in:
Die Fracht des Sommers

Ein Mann überquerte in der Mittagshitze einen leeren Acker an der Schweizer Grenze, das grelle Augustlicht brachte das schwimmende Braun der kleinen, kargen Furchen zum Leuchten. Vor ihm brannte der Boden. Er fuhr sich mit furchiger, knöchriger Hand zum zweiten Mal über die schweissüberströmte Stirn. Er bewegte sie über dem mit einem weissen Unterhemd bekleideten, ebenfalls mageren, ausgemergelten Oberkörper, auf dem man, wie bei einem ausgehungerten Tier, die Rippen hätte zählen können. Mit gesenktem Kopf ging er zwischen den Rillen Richtung Feldweg. Er sah zwischen schlafenden Steinen etwas Fremdes aufblitzen. Er bückte sich und hatte eine murmelgroße goldene Kugel in der Hand. Hinter ihm schlief ein kurzer Wald, er aber war aufgeregt.
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Marie, die mit ihrem kleinen Sohn aus den Kriegswirren Angolas nach Liberia flüchtete, wusste, dass sie nicht lange ihr Muttersein über dem Kind ausschütten konnte, aber sie wollte über ihr Leben hinaus Sorge tragen. Alles, was sie aus den offenen Höllen Angolas hatte, war ein kleiner Schatz, ein Klumpen Gold, der ihr ein angenehmes Leben hätte bescheren können, den sie aber seit langem fruchtlos bei sich trug, wie eine Versicherung gegen das Leben. Sie hatte ihn von ihrer Mutter, diese wiederum von der portugiesischen Dame, für die sie bis zur Unabhängigkeit 1975 gedient hatte. Und diese hatte ihn von ihrem Gemahl, der im Nordwesten eine Mine besessen hatte, in der er umgekommen war.
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Der Mann prüfte das Stück ungläubig mit seinen Fingern und hielt es dann fest umschlossen in seiner rechten Hand. Er versuchte sich die Fundstelle zu merken. Zwischen dem Berg und dem Wald zog er eine imaginäre Linie, dann sah er verschüchtert in den alemannischen Himmel und suchte das nahe Umfeld nach noch mehr glitzernden Steinen ab. Doch der Fund schien sich nicht zu wiederholen. Sein Blick geriet langsam in die Ferne. Dort sah er eine kleine Anhebung, wie einen verlorenen dunklen Sack auf dem Feld.
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Marie war eine Geschichtenerzählerin, ihre Geschichten aber erzählte sie nur ihrem kleinen Jungen. Es waren Geschichten ihrer Mutter, die das Glück hatte, das Lesen unter den portugiesischen Herren zu erlernen. Im nächtlichen Bann der Bücher, in der großen Bibliothek des Herrenhauses, hatte diese alles gelesen, was ihr unter die Finger gekommen war. Die schönsten Geschichten hatte sie ihrer Tochter erzählt, die durch deren Erzählung wieder zu eigenen Geschichten wurden. Nach dem gewaltsamen Tod der Mutter hatte das kleine Mädchen nichts mehr gehabt, außer einem Goldklumpen und Geschichten. Später strickte sie diese Geschichten für ihren Sohn neu. Es waren Geschichten aus den Wäldern Europas. Auch seltsame Geschichten, wie die von dem polnischen Grafen, der als Kind einen Silberklumpen bekam und der als junger Mann entschied, den Silberklumpen zu einer runden Kugel zu feilen, jeden Tag etwas, bis sie in den Lauf einer Pistole passte, um sich damit zu erschießen. Diese Geschichte hatte den kleinen Jungen nicht mehr losgelassen.  
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Im Klettgau schien die Hitze unerträglich, die Küssaburg sah erschöpft auf die Landschaft der Grafen von Sulz. Die tief fliegenden Leiber der Flugzeuge, die in Zürich-Kloten landeten, drückten laut stöhnend die Hitze auf die Äcker.
Im Minutentakt überflogen sie die verletzliche Landschaft und ließen die Hitze

noch unerträglicher werden. Der Mann wischte sich mit seinem dünnen, fragilen, rechten Arm die Stirn, in der Hand die Goldkugel. Er ging nun quer zu den Furchen auf den dunklen Haufen zu.
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Ein Pferdewagen wirbelte den Staub und Dreck der Strasse auf. Der kleine Junge beobachtete die Szene sitzend an eine Häuserwand in Monrovia gelehnt. Das Pferd brach aus unter den Peitschenhieben und dem Geschrei des Kutschers. Ein Zwiebelhändler sprang davon. Der Junge saß seit Stunden an dieser Stelle, die dünne, raue Hand schützte das Gesicht vor Staub und Fliegen. Er wartete auf seine Mutter, die nicht wieder kommen würde. Die Mutter hatte einen noch grausameren Weg als ihre eigene Mutter genommen. Der Junge wusste darum, wollte es aber nicht wahrhaben. Nach zwei Tagen, sitzend gegenüber dem Zwiebelhändler, kehrte er in sein leeres Heim zurück, nahm den Goldklumpen aus dem Versteck und malträtierte ihn mit einem Messer. Er wollte fliehen, dahin, woher die Geschichten  kamen.
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Im Hangar am Flughafen Zürich-Kloten lachten drei Flugzeugtechniker in der 9-Uhr-Pause und hätten gerne wie ihre Kinder hitzefrei gehabt. Die Hitze machte auch vor dem Hangar keinen Halt, nur dass sie sich hier mit dem Geruch der Betriebsöle, Schmierfette und dem von geschundenem Gummi mischte. Der Kleinste und vermutlich Jüngste von ihnen, dessen Haltung sanft, aber unerbittlich, fast unbezwingbar zart war, und zugleich etwas Hartes ausdrückte, ging unter den Flügeln der MD-11 zum Hauptfahrwerksschacht. Geschickt kroch er in den Schacht und wich schon bald zurück. Er hatte Bananenschalen und einige Kleidungstücke gefunden, was noch nie vorgekommen war. Seine Kollegen verständigten die Polizei, die sofort kam, um die Spuren zu sichern. Das Gefundene nahm sie mit.

Am nächsten Tag war Folgendes in der Neuen Zürcher Zeitung zu lesen:
Lauchringen, 9. August (ap) Die Polizei des badischen Waldshut-Tiengen hat die Leiche eines jungen Afrikaners gefunden, der vermutlich als blinder Passagier aus dem Fahrwerksschacht eines Verkehrsflugzeugs gestürzt ist. Der etwa 15-jährige Afrikaner war am Sonntag auf einem Feld bei Lauchringen in Deutschland auf der Anflugroute des Flughafens Zürich Kloten gefunden worden. Die Polizei vermutet, dass sich der junge Mann im Fahrwerksschacht eines Flugzeugs versteckt hatte, die aus Afrika kam und Zürich anflog. Möglicherweise sei er beim Landeanflug herausgeschleudert worden, als das Fahrwerk ausgefahren wurde, vermutet die Polizei. Wahrscheinlich war er in diesem Moment bereits tot, denn die Reiseflughöhe moderner Jet-Flugzeuge liegt bei 10 000 Metern, und dort herrschen Temperaturen bis minus 60 Grad. In den unisolierten Fahrwerksschächten gibt es laut Polizeiangaben kaum Überlebenschancen.