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Du lebst in Oberflächenwellen von Ulf Grossmann

Text des Monats Februar 2016 (Thema: Musikstück)

Autor/in:

Musikalische Grundlage: Sigur Rós, «Dauðalagið»

 

Du lebst in Oberflächenwellen

Wegen ihr bist du hierher gezogen

Du trinkst

Du rauchst

Du lebst

Lebst im eigenen Abrisshaus

In Windstille

Mit Vorhängen in Himmelsfarbe

Fällt der Regen als Geräusch

Und Zugeständnis

Du spürst die Straßenbahn

Alle zehn Minuten vibriert

Dein Bett und sie quietscht

Durch die Schleife vorm Haus

Und jeden Abend erzählst du dir

Nach den Bieren eine falsche Geschichte

Um einschlafen zu können

Nirgendwo ist sonst wo

Wenn du erwachst

Nur in der Dunkelheit gehst du hinaus

Und nicht immer

Du hörst den Lärm

Die demonstrieren immer noch jeden Montag

Und du willst nur deine Schweigeminuten hören

Einmal im Monat klingelt das Handy

Mutter aus der stillen Provinz

Du wartest

Bis das Klingeln erstirbt

Die Wimpernzange fällt vom Bettrand

Wenn du im Bett liegst spürst du

Die Vibrationen der Straßenbahn

Im Zehnminutentakt

Schluckst du Morphin

Für die vernarbten Wunden

Denkst du

Noch oft an sie

Hattest dich auf sie eingelassen

Dein Bestes gegeben

Es hat nicht gereicht

Das Schwarzbuch des Lebens

Du hasst diese Müdigkeit

Die Rolle des Schlafes

In Schlaflosigkeit

Die Zimmerpflanzen abgelaubt

Auf den klammen Teppich

Das Leben geht trotzdem

Weiter ist gelogen

Schiebst du den Tisch

Vor die Tür

Witterst du den Raum geschundener Stille

Am Rande des Atems

Fletscht Getier seine Zähne

Und ist zurechtgerückt für dich

Und die Uhr tickt

Und die Stadt tickt

Das Haus hat seine Fassade verloren

Und die Zigarette brennt

Und brennt am Gaumen

Und brennt im Hals

Du ziehst tiefer

Kannst dennoch deine Lungen nicht spüren

Nur das Herz holpert

Du weißt nicht wie spät es ist

Um diese Zeit erwartest du nichts

Die Haare sind stumpfes Gewölle geworden

Die Haut ist gerötet und schuppig

Ein Reisender im Raum

Barfuß auf Scherben

Dein Bett ist unruhig

Schon wieder zehn Minuten vergangen

Wegen ihr bist du hierhin gezogen

Du hast die Arbeit

vor einem halben Jahr verloren

Nach all dem anderen

Jeden Sonntag

Stellst du Blumen

Auf irgendein Grab

Und dankst Eltern

Fügst Zärtlichkeit zu

In einsamer Wildstille

Übst du dein Leben danach

Die Geschichte

Im Schwerpunkt

Die noch keinen Schlusspunkt hat