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Ein warmer Wind von Astrid Gläsel

Text des Monats Februar 2018 (Thema: Bilder)

Autor/in:

© Zelko Gataric

 

Ein warmer Wind

Der Sand ist weich, aber nicht warm und die Pommes schmecken nach Salz, zu viel Salz. Matschig mit Salz und Knirschen, weil meine Finger sandig sind. Wie Blütenblätter sind die weissen Plastikstühle im Restaurant der Schwimmhalle um den Tisch geordnet. Ich grabe mit meinem rechten Fuss ein Loch. Den grossen Zeh anspannen und wie eine Baggerschaufel hineinpressen in den kalten Sand, der unten immer kälter wird und ich frage mich, was wohl unter dem Sand kommt. Eine Plane, denke ich, eine weisse Plane aus Plastik, damit der Sand nicht von unten ins Erdreich gewaschen wird. Die Körner drücken sich unter meine Nägel. Jetzt muss ich mit dem linken Fuss noch ein Loch graben, sonst ist der rechte Fuss schwerer als der linke und wird beim Gehen schmerzen. Der Schmerz wird das Bein hochkriechen und später, wenn ich wieder Socken und Schuhe trage und das Ungleichgewicht besiegelt ist, wird sich der Himmel zur Seite neigen und die Häuser und das Grau. Dann wird die Hüfte pochen und die Bilder werden sich nur mit Zacken übereinanderlegen und die Scherben werden flimmern. Die kalten Körner unter dem linken Nagel sind ein gutes Gefühl.

Das Knirschen von Sand auf Sand und Sand auf Zahn wirft ein dröhnendes Echo in meinem Kopf. Die Frau am Nachbartisch hält den Kopf ihrer Tochter fest, damit die nicht beim Essen kleckert. Sie hat ein buntes Badetuch unter dem prall gefüllten Bikinioberteil zusammengebunden, ihre Füsse hängen eine Handbreit über dem Sand. Silberne Zehennägel, blondiertes Haar, Zopfgummi mit gewellter Samtummantelung. Türkis. Sie klemmt ihre Hand wie eine Zange um den Unterkiefer der Tochter und mit der anderen schiebt sie ihr ein Stück Wurst in den Mund, während die Tochter mit aufgerissenen Augen nach links schielt. Dann lässt sie los und die Tochter dreht ihren Kopf, schaut nach links und kaut. Mutter und Tochter reden, aber ich kann sie nicht verstehen, denn in meinem Kopf ist das Knirschen zu laut. Die Mutter macht den Mund auf und zu, manchmal sieht man ein Stück Wurst zwischen ihren Zähnen hervorquellen. Die Wurst wird immer weicher und feuchter und ich denke, nun schluck doch endlich, bitte, aber sie redet und die Tochter nickt, während sie nach links schaut und auch kaut. Die Mutter will ihr ein neues Stück Wurst in den Mund schieben, aber die Tochter dreht ihren Kopf nicht zurück und die Mutter schlägt ihr leicht auf die Wange, damit sie hinschaut.

Ich höre auf zu kauen, um zu hören, was die Mutter sagt. Nach einem kurzen Unterdruck, der sich anfühlt wie der Moment, bevor ein Korken aus der Flasche ploppt, schlagen die Hallengeräusche über meinem Kopf zusammen. Ich kann nicht hören, was die Mutter sagt, die beiden sitzen zu weit weg. Ich möchte auch nicht mehr zu den beiden schauen, aber die Tochter dreht ihren Kopf noch immer nach links, dass die Sehnen an ihrem Hals hervortreten und die Mutter ein weiteres Mal auf ihre Wange schlägt. Ich drehe meinen Oberkörper noch ein Stück nach links, den Blick auf die beiden geheftet. In meinem Hals spüre ich ein leichtes Ziehen der Sehnen und atme aus.

Ohne den Blick abzuwenden, taste ich mit meinen Füssen, beiden, nach meiner Tasche. Ich klemme sie mir zwischen die Knöchel und hebe sie an, bis ich mit den Händen danach greifen kann. Da lässt sich die Tochter vom Stuhl rutschen, Haut quietscht auf Plastik und wird in Falten geworfen, ich beginne wieder zu kauen. Das Knirschen ist nah und vertraut. Die Mutter ruft der Tochter etwas hinterher, sie öffnet den Mund und rosafarbene Speichelstückchen fliegen über den Tisch. Ich kann meinen Kopf wieder drehen.

Es ist noch immer so schön hier, schreibe ich auf die Postkarte. Erinnerst du dich, wie weit der Himmel ist? Der Himmel ist immer das Schönste. Ich sehe ihn hier über mir, er endet nicht, zu keiner Seite und auch nicht nach oben. Nach unten saugt er sich voll mit dem perlenden Wasser. Heute weht ein warmer Wind eine Ahnung von Ewigkeit über die Insel. Du kennst das ja, Mama. So fühlt sich wohl die Freiheit an, aber keine schwierige Freiheit, sondern eine beschwingte, denn der warme Sand verdreht dir den Kopf, macht dich unbekümmert. Das kennst du ja, Mama. Als wir hier gemeinsam sassen, wussten wir nicht um den Wert der Zeit und das war gut so, denn so war sie wertvoll.

Ich versuche, die Sehnsucht zum Schweigen zu bringen, indem ich wieder kaue und mit geschlossenen Augen dem Echo in meinem Kopf lausche. Entschuldigung, sagt da jemand in mein Echo hinein und ich lasse es verklingen. Silberne Zehennägel, blondiertes Haar, Zopfgummi mit gewellter Samtummantelung. Türkis. Die Tochter an der Hand. Die lag im Sand, sagt sie und hält mir die Postkarte hin, muss runtergefallen sein. Ja, sage ich, muss wohl. Das war der Wind, sagt die Tochter und ich nicke ihr zu. Ja, ich denke auch, sage ich, das war wohl der Wind.