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Elektra von Katharina Lanfranconi

Text des Monats April 2010 (Thema: Im Jahr 2050)

Autor/in:

Elektra

Auf meinem Monitor erscheint das Label für das tägliche Ritual des Fitnessprogramms. Ein stechend blau leuchtender, durchsichtiger Flügel bläht sich pulsierend auf bis zur Grösse des Bildschirms, um dann in wilden Drehungen tanzend, als winziger Punkt von der Bildmitte eingesaugt, wieder zu verschwinden. Ein lächerliches, trotz der Bewegung eigenartig lebloses Bild. Ein Strudel aus inhaltloser Unruhe. Dazu mahnt eine digitalisierte Stimme freundlich monoton, dass wir uns in den nächsten Minuten für die Beweglichkeitsübungen bereit zu machen haben. Ich bin zu müde. Die Stimme wird in rhythmischen Abständen noch dreimal ertönen, ich werde der Aufforderung jedoch auch dann keine Folge leisten.

 

Seit drei Jahren erwache ich jeden Morgen in der Residenz Montana, einem ehemaligen Hotel, einer dieser zahllosen letzten Stationen meiner zählebigen Generation. Früher nannte man sie Altersheime und das sind sie noch immer.

Obwohl ich an Jahren eine der Jüngsten bin, gelte ich als Aussenseiterin und ungesellige Person. Freunde habe ich keine, obwohl ich hierher zurückkehrte, wo ich geboren wurde und aufgewachsen bin. Sie haben mich zwar mit offenen Armen empfangen, des Geldes wegen. Pauls Geldes wegen, aber Freunde hat niemand hier. Die Geselligen, die Unterhalter und die Witzbolde sammeln ihre Trabanten um sich, und die Streichelfrauen besprühen mit dem Rest einer verschämten Zärtlichkeit die Bedürftigen und verlängern so den Todeskampf der Fleischeslust in den alten Körpern. Alle diese Spiele sind mir zuwider, ich brauche meine spärlichen Kräfte für anderes.

 

Jeden Morgen schminke ich mich zuerst, um meinem Scheitern nicht den ganzen Tag in jedem Spiegel zu begegnen. Immer noch geschickt, übermale ich die harmonische Eintönigkeit meiner Züge. Ich spiele der Traurigkeit ein schrilles Konzert auf der unglaublichen Angriffsfläche meines Gesichtes, jeden Morgen, Tag für Tag, selbst dann, wenn ich weiss, dass ich mein Zimmer nicht verlassen werde. Selten geschah es die letzten Jahre, dass kurze Erkrankungen, meist Grippe oder Blasenentzündung, mich davon hatten abhalten können, die tägliche Maske aufzusetzen. Paul gefiele das, er wollte stets eine Kämpferin aus mir machen und begriff nie, dass es mir gerade durch ihn erspart blieb, eine zu sein.

Meist beginne ich bei den Augen, deren Form ich mit rauchigen Schatten oder schwarz glänzenden Strichen manipulieren kann. So schaue ich einmal aus schmalen, eng gerahmten Schlitzen. An solchen Tagen bewegen sich meine Blicke unabsichtlich langsamer über die Bilder des Tages. Zu diesem Gesicht stäube ich weissen Puder auf die faltigen Wangen, immer wieder, Schicht um Schicht, und dazu müssen zwei ovale Flächen unter dem Jochbein einen schreiend hellroten oder orangefarbenen Tupfer aushalten. Der Mund bleibt in seiner schmallippigen Blässe als graue Kante im Gesicht hängen.

An anderen Tagen tupfe ich die Augen hell und ungefährlich, und ich erschrecke alle, indem ich eine blutrote Schlacht mit meinem Mund schlage. Über die Lippen lege ich dunkle Rottöne oder samtenes Violett, nicht ohne zuerst ihre frühere, volle Form mit weichen Stiften in die Falten um den Mund gezeichnet zu haben.

Zufrieden gebe ich mich erst, wenn die plakative Hässlichkeit der Maske geeignet scheint, mir für einen weiteren Tag als Rüstung zu dienen. Es kann vorkommen, dass einer der Alten erschrickt, wenn ich ihm in einem der verglasten Gänge begegne, oder dass ein Betreuer für einen Augenblick nach meinem Namen sucht oder mich gar nicht wiedererkennt. Mein Name ist Elena.

Ich weiss, dass sie mich heimlich «Elektra» nennen. Irgendein findiger Kopf, der mit seiner humanistischen Erziehung prahlte und längst nicht mehr da ist, hat damit begonnen. Als ob jemand wüsste, dass ich alle die Jahre meine Trauer getragen habe wie ein ungeliebtes Kleid, das man nur überzieht, um seine Blösse zu bedecken.

Niemand hier kennt meine Geschichte. Vielleicht hasse ich das Schweigen, das an mir haftet, vielleicht liebe ich es auch. Vielleicht ist auch die Alltäglichkeit dieser Geschichte der Grund meines Zorns. Frau liebt Mann. Mann liebt Frau. Sie leben glücklich. Mann stirbt. Frau bleibt zurück. Ich frage Sie: Ist das Stoff für ein Drama? 

Manchmal ist die Trauer tiefer und dauert länger als sonst, dann schreibe ich. Es sind die einzigen Stunden, in denen ich nicht an Paul denke. Nie schreibe ich über ihn. Es ist nutzloses Zeug das ich aufschreibe, Sie sehen es ja selbst.

 

Auf dem Health-Pager an meinem Handgelenk leuchtet ein blauer Kreis auf. Ich muss mich jetzt ins Tagesprogramm einwählen. Fast täglich werden wir höflich aufgefordert, Menüs, gewünschte Aktivierungs- und Pflegeprogramme pünktlich einzugeben, um die Personalkosten für unsere Versorgung noch weiter zu senken.

Bestimmte Handreichungen werden seit neuestem auch in unseren Wohneinheiten von kleinen Neuries ausgeführt, die mit ihren acht Armen an Küchenschaben erinnern. Mit  grässlichen, eintönigen Stimmen erschrecken sie einen, wenn sich die Akustik einschaltet, weil die Computerknechte mit bestimmten Daten gefüttert werden müssen. Manche Pensionäre haben ihnen die Namen ihrer Enkel oder Urenkel gegeben. Paul und ich hatten keine Kinder. Wir haben uns bewusst dagegen entschieden. Wir glaubten uns dadurch nicht aufteilen zu müssen. Dem anderen alles sein zu können. Zu spät erkannte ich, dass ich einen Sohn hätte haben können, der Pauls Augen, seine Hände oder sein Lachen gehabt hätte.       

 

Eine plötzliche Müdigkeit zwang mich zu einer Pause. Ich habe etwas geschlafen und weiss, dass es danach noch schwerer ist weiterzuschreiben.

Über den Schultern eine alte Wolljacke meiner Mutter, die noch stricken konnte, sass ich eine halbe Stunde im Frischluftraum. Die Kuppen der alten Bäume, die ich durch die Glasfront sehen kann, haben eine dunkelblaue Färbung angenommen. Die Stadt und der See liegen in goldener Monochromie, nur der riesige baufällige Kulturpalast, das Wahrzeichen der Stadt, erhebt graphitschwarz seinen schlanken Dachfinger zum Berg. Das Stück Himmel dahinter ist bernsteingelb.

 

Dann setze ich mich an den Laptop. Ich schreibe und schreibe, bis ich beim Aufstehen meine schmerzenden Glieder in zwei Rucken auseinanderklappen muss, um einigermassen gerade zu den Mahlzeiten erscheinen zu können. Dazu zwinge ich mich so oft wie möglich. Weil ich schon zu wenig esse, um mein Gewicht halten zu können, würde mein Wegbleiben den gefürchteten Gewichtsverlust und damit unausweichlich die Medikation zur Folge haben.

Die Kranken auf ihren Zimmern können, falls sie dazu noch in der Lage sind, das gemeinsame Essen auf dem Bildschirm verfolgen. Es kann sein, dass im grünen Speisesaal mit dem lächerlichen Namen Bistro Evergreen, ein Optimist die Ausgeschlossenen mit einer verschmitzten Grimasse oder einem beschwingten Hopser in Richtung der beiden kaum sichtbaren Nanokameras  aufzuheitern versucht. Ich setze mich irgendwo dazu, irgendjemand wird mir vielleicht mit einer Frage oder einer Bemerkung ein höfliches oder ironisches Lächeln entlocken, für einen Augenblick.

Meist verstummen sie jedoch, wenn ich mich nähere. Mein Atem setzt dann für eine Sekunde aus, und ich nehme meine ganze Kraft zusammen, um eine belanglose Bemerkung, am besten als Frage in die Runde zu werfen. «Hat der Astrologie-Designkursus eigentlich schon begonnen?» Oder: «Sind das wirklich frische Kirschen auf diesen Törtchen?» Worauf alle erleichtert fortfahren zu plaudern oder zu kauen.

 

Ich fühle mich, wo immer ich bin, als Fremde unter Fremden, das war schon immer so ausser mit Paul. Warum sollte es hier und ohne ihn anders sein? Gestern habe ich an der Ethikberatung teilgenommen, die dem selbstbestimmten Sterben, wie es auch hier angeboten wird, vorausgeht. Ich hatte es unterlassen, mich anzumelden. Solche Dinge passieren mir immer, sind mir schon immer passiert, schaffen schon lange Verwirrung.

Als der Leiter der Gruppe endlich begriff, dass ich mich nicht würde abwimmeln lassen, gab er meine Daten in seine Station ein und erhielt nach einer Minute, während der er mit gelangweiltem Ausdruck seine Finger betrachtete, von der Zentrale die Bestätigung für meine Teilnahme. Ich war so erschöpft, dass ich ein paar tiefe Atemzüge von der Sauerstoffbar nahm, die hier in fast jedem Raum installiert ist. Diesmal wartete ich vergeblich auf den leichten Schwindel, der mich sonst immer befällt, wenn ich das Oxygengemisch einatme. Es ging nicht lange, bis ich mich etwas stärker fühlte und die Atemmaske an ihren Platz zurückhängte.

 

Es soll zu heiss sein für die Jahreszeit. Durch die unbeweglichen Scheiben sehe ich ein Stück Himmel. Heute ist er grau. Seit Wochen dürfen wir wegen dichtem Vulkanstaub und hohen Ozonwerten nicht nach draussen.

Ich klicke meine tägliche Flasche Quellwasser an, die lautlos von der Kühlwand in den Spender rollt. Während ich in tiefen Zügen trinke, fällt mir auf, dass ich die letzten Tage vermehrt unter wirklichem Durst gelitten habe. Durst, wie ich ihn vorher nie gekannt hatte, eine Gier nach Wasser, klarem, sauberem Wasser, das durch mich hindurch fliessen würde, aus mir hinaus, wieder in mich hinein. Endlos, kühl.

Wir waren zu fünft in der «Final Energy» genannten Gruppe, noch zwei Frauen und zwei Männer, alle älter als ich. Einer der Männer, er heisst auch Paul und leidet an Parkinsonscher Krankheit, verweigerte aber die Hirnoperation. Er wackelte stark mit dem Kopf, was wie eine energische Ablehnung wirkte. Ich hätte gerne seine Hand genommen, denn er schwitzte stark vor Anspannung, doch brachte ich die Kraft dafür nicht auf.

Dann begann der japanische Therapeut über den Memory-Chip zu sprechen, der von jedem erstellt werden kann und später den Angehörigen zusammen mit der Urne überreicht wird. Plötzlich begannen alle ausser mir zu weinen, und selbst dem jungen Psychologen zitterte die Stimme. «Lass deine Trauer zu, atme tief, tief ...»

 

Die Augen schmerzen mich beim Schreiben. Ich schliesse sie und sehe grüne, langsam kreisende Punkte. Ein sanfter Schub kühle Luft dringt aus den unsichtbaren Schlitzen der Klimaanlage. Mich fröstelt.

Als es darum ging, die virtuelle Ebene des «Übergangs» zu wählen, ergriff ich die Flucht. Ich nahm den Chip, den ich nie besprechen würde an mich und ging auf mein Zimmer. Das Ritual ist für übermorgen geplant. Alle wissen, dass die meisten es wieder absagen werden, das ist hier so üblich. Meist nehmen die Rüstigsten und Gesundesten an den Sterbeseminaren teil. Um sich vorzubereiten, sagen sie im Nachhinein. Sie kokettieren so eine Weile schamhaft, aber fast genüsslich mit dem Tod, um dann Monate oder Jahre später das letzte Restchen Leben zu verteidigen, bevor sie endlich aufgeben.

Paul war schnell gestorben. Wir sassen beim Frühstück, als seine Zunge beim Sprechen plötzlich zu schleifen begann. Er brach mitten in einem Wort mit einem schnalzenden Ton ab. Ich habe mich monatelang zu erinnern versucht, was sein letztes Wort gewesen war. Erfolglos. Seine Hand war über dem Tisch halb in der Luft gewesen, vielleicht war es «Konfitüre» vielleicht auch «Schau» gewesen. Ich sehe heute nur noch diese kräftigen Hände mit den hervortretenden Venensträngen vor mir. Sein Gesicht bleibt im Nebel und die Szene stumm.

 

Wie erstaunt hob er die Augenbrauen an und griff sich gleichzeitig an den Kopf. Ich sass hilflos dabei, als ein furchtbarer Schmerz sein Gesicht verzerrte und er einige Male in tiefen, langen Seufzern atmete, bevor er mit einem leisen Schrei vom Stuhl fiel. Ich stürzte zum Defibrillator, doch Paul war schon tot, als ich seinen Kopf in meinen Schoss bettete. «Warum lässt du mich allein», schrie ich meinen stillen Gefährten an, und meine Tränen fielen seltsam langsam auf das ruhige Gesicht. Später legte ich mich neben ihn auf den Boden und hielt mit geschlossenen Augen lange seine rasch kühler werdenden Hände. Ich spürte, wie die Venenstränge, die ich so liebte, verschwanden, während eine unerbittliche Kälte langsam von meinem Inneren Besitz ergriff.

Von seiner Beerdigung weiss ich kaum mehr etwas. Es war unser Freund Gunnar, der mir das meiste abnahm. Pauls Asche gaben wir in eine Sternkapsel, die wohl längst in der Stratosphäre verglüht ist.

Als Gunnar zwei Jahre nach Paul an Krebs starb, erhielt ich eine Anzeige. «Nach qualvollem Kampf im Beisein seiner Familie eingeschlafen.» Er war so sanft gewesen, ich konnte ihn mir als Kämpfer nicht vorstellen.

 

Es ist jetzt alles geregelt. Bei der Besprechung gestern war ich allein mit dem Arzt und Alicia, einer Betreuerin. Sie passt mit ihrem hochschwangeren Leib nicht in dieses obszöne Todesszenarium. Sie weiss es, ich weiss es, doch wir sind beide befangen. Ohne dass ich es wollte, strich ich mit einer flüchtigen Bewegung über ihre Hand, und sie hielt meine kurz fest. Wir tranken Aromatee im spirituellen Labor und sie begriff, dass ich weder buddhistische noch irgendwelche andere religiöse Angebote in Anspruch nehmen möchte. Ich würde nur ein Bild von mir und Paul dabei haben. Wir hatten es im Monat vor seinem Tod in Südfrankreich aufgenommen.

Wir sitzen in Arles in einem Bistro, eine Flasche echt gekelterten Weins vor uns.

Auf dem gelben Blechtisch liegt ein Bündel Lavendel vom Strassenmarkt, für den wir am Tag zuvor endlich Tickets bekommen hatten. Paul lacht der Kellnerin, die uns filmt, zu und hebt sein Glas, während er mich, den Arm um meine Schultern, zu sich hingezogen hat. Ich habe den Kopf in seine Halsbeuge gelegt und die Augen geschlossen. Damals ärgerte ich mich über mein verpatztes Fotogesicht. Wie dumm Glück macht. Ausser dieser Aufzeichnung und dem Outprint soll alles vernichtet werden, was mir gehört, das Geld ist ohnehin aufgebraucht. Sie haben nichts weiter gefragt. Es wurde eine Leuchteinheit mit meiner Frequenz entzündet, und sie liessen mich die letzten Dokumente unterzeichnen. Dann hatte ich noch meinen therapeutischen Begleiter zu bestimmen.

Es wird To sein, der schweigsamste unter ihnen. Als ich es ihm sagte, lächelte der junge Asiate hilflos und legte seine Hand auf meinen Arm. Eine mit blauen Venenschnüren überzogene Hand.