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Erklärungstod von Michèle Hühne

Text des Monats Januar 2019 (Thema: Zahlen)

Autor/in:

Thema des Schreibwettbewerbs 2019 sind Zahlen, die Zahl im Januar: Eins.

 

Erklärungstod

«Ich weiss nur eins», sagte ich, etwas weniger be­ stimmt zwar als beabsichtigt, aber doch mit fester Stimme. Irgendwie musste ich doch erklären, wie es zu all dem gekommen war. Ich schaute meinem Gegenüber geradewegs in die Augen. Beide schluck­ ten wir. Vielleicht etwas zu schwer. Ein gleichzei­ tiges Blinzeln. Sonst herrschte Stille. Fast hätte man die fest zurückblickenden Augen hören kön­ nen, so ruhig war es. Sie blickten starr. Nicht leer. Nicht traurig. Sicher nicht erfreut.

Vermutlich sollte ich von vorne anfangen. Erwähnen, dass ich nur ein einziges Date wahr­ genommen habe. Nur eins! Und dass eigentlich auch klar war – also heute, in der Rückschau –, dass das nirgendwohin führen würde. Vielleicht sollte man frisch getrennt einfach nicht auf ein Date ge­ hen. Wobei frisch getrennt so ganz nicht richtig ist. Zumindest nicht im zeitlichen Sinne. Was ist nach einem Jahr schon noch frisch? Das müsste man mal machen, eine Bank anstreichen und mit einem Zet­ tel versehen, dass diese frisch gestrichen sei. Ein Jahr. Unwahrscheinlich, dass diese nicht besetzt würde. Die Bank. Ein Jahr. Nur Fremde würden vielleicht weiter gehen, aber jeder, der die Bank kennt, der würde unweigerlich nach schon sehr viel kürzerer Zeit meinen, dass man den Zettel nun mal abnehmen könne und die Bank nun wieder zum Hersetzen geeignet sei. So empfindlich könne ja kein Bankmaterial oder Anstrich sein, dass man da ein Jahr warten müsse. So viel Funktionalität er­ warten wir doch heute einfach. Von Anstrichen und Bänken. Und Menschen. Ich auch. Zugegeben.

Deshalb bin ich ja auch auf das Date. Also nicht so­ fort natürlich. Auf die Trennung, also als sie noch frisch im wörtlichen und allgemein gebräuchlichen Sinne war, da folgten erst mal ein paar Tage der selbst­ auferlegten Isolation. Nicht, dass ich nun lethargisch allein daheim gesessen und nichts getan hätte. Das schon nicht. Oft z.B. habe ich sie angerufen. Wieder und wieder. Habe ihr Nachrichten hinterlassen, zu­ rückgebliebene Sachen gepackt, damit begonnen zu verstehen, dass wir nun nicht mehr zu zweit sind. Wobei letztes doch eher später als denn «nach ein paar Tagen». Das war ein längerer Prozess. Klar. Ich meine, ich musste doch erst mal verarbeiten, dass ich von einem Zweiergespann – einem Paar, zu einem Niemand geworden war. Praktisch von Zwei auf Null. Ist das nicht eine verwirrende Gleichung: Zwei minus Eins gleich Null? Ich jedenfalls hatte das anders gelernt. Als Kind, im Mathematikunterricht. Oder früher. Nie habe ich darüber nachgedacht, dass das anders sein könnte.

Wie sich sowas auswirkt. Das ahnt man doch nicht. Ich meine auf alles. Auch auf meine Arbeit. Seit meinem Studium war ich in der Agentur gewesen. Ich hatte von der Pike auf gelernt, was ich tat. Und plötzlich gelang mir einfach gar nichts mehr. Ich war nicht mehr präsent, ein Schatten meiner selbst, konnte mich nicht mehr konzentrieren, machte Fehler. Und verlor meinen Job.

Das war schlimm. Da stehst Du mitten im Leben und dann – zack, verlierst Du alles. Die Frau, Dich selbst, den Job. Zurück auf Feld eins.

Das muss man doch verstehen. Dass man da gar nicht weiss, wo oder wie man wieder anfängt. Un­ sicher ist, in den ersten Schritten. Wenn man nicht mehr weiss, wohin alles eigentlich führt. Wobei es ja darum geht. Irgendwie. Dass das meiste halt einfach nirgendwo hinführt, ausser vielleicht in eine Katastrophe.

Ich verliere den Faden. Was ich meine ist, dass ich das so sicher nicht gewollt habe. Dass das so seinen Lauf nahm. Eine Verkettung unglücklicher Zufälle. Wenn die Trennung nicht gewesen wäre oder der Agenturwechsel, dann sähe ja heute alles anders aus. Das entschuldigt jetzt natürlich nichts. Herrje, wie erkläre ich das? Ich meine, der Ur­sprung von all dem, dass es so käme, das war doch unvorhersehbar.

«Du musst ausgehen!», hatte ein Kumpel gesagt. «Bist ja gar nicht mehr Du selbst. Jetzt glaub mir mal, das ganze Trübsalgeblase bringt genau nichts. Geh aus und lass Dir lieber was anderes blasen. Dann kommst Du wieder auf bessere Gedanken.» Noch halb im Reden hatte er die Zähne gefletscht und dabei abstossende Grunzgeräusche von sich ge­geben. «Du musst es Dir einfach mal wieder richtig besorgen lassen.» Es ist unpassend davon zu erzäh­ len. Unter den Umständen. Ich weiss. Aber genau darum geht es ja. So bin ich nicht. Ich hatte sogar husten müssen. Wie gesagt – ein Kumpel. Kein Freund. Das ist ein Unterschied. Ich hätte ja niemals auf ihn gehört. Und doch, heute, in der Rückschau, denke ich, dass da vielleicht was hängen geblieben ist. Nicht dass ich ihm jetzt die Schuld geben mag. Er hatte das ja jetzt auch nicht konkret auf jemanden bezogen – also ausser auf mich. Vielleicht spielt es auch keine Rolle. Ich hätte es gar nicht erwähnen sollen. Es ist wirklich unpassend.

Ich will nur sagen, ich war sehr allein. Meine Expartnerin, sie wollte mich nicht mehr. Das ging mir aufs Ego. Ich meine, sie hat mich verlassen. Ein klareres Zeichen, dass ich es nicht gebracht hatte, kann es ja nicht geben. So Gedanken, die machen einen kaputt. Wenn man nicht gewollt wird. Das ist nicht schön. Da versucht man einen Neustart. Ich bin so froh um den Job in der neuen Agentur. Aber trotzdem, so einfach ist das alles nicht. Und natürlich sollte man nichts überstürzen. Aber man selbst, also ich jedenfalls, ich wusste gar nicht mehr, was richtig ist.

Vielleicht sollte ich auch von meinem besten Freund erzählen. Er fand auch, dass es eine gute Idee wäre, eine Frau zu treffen. Keine bestimmte. Er hätte ja auch nicht ahnen können, dass das so ausgehen würde. Wie gesagt, man weiss ja oft gar nicht, wo die Dinge hinführen. «Dieses Alleinsein bekommt Dir nicht», hatte er gesagt. Ich erinnere mich nicht mehr im Detail. «Im Ernst. Wie lange ist es her? Also mit Dir und...». Der Satz war unvoll­endet geblieben. Ihr Name ist tabu, war es damals schon. «Eins.» Hatte ich gesagt. Und ich weiss noch, dass er überrascht schien, dass ich überhaupt etwas sagte. «Was eins?» «Eins!» Und damit hatte ich vermutlich mehr gesprochen, als den ganzen Abend zuvor. Ich will eigentlich nur aufzeigen, dass es mir schlecht ging. Eventuell ist dann besser zu verstehen, wie es soweit gekommen ist. Ich hatte Rotwein getrunken. Also an dem Abend mit meinem besten Freund. Wobei der nicht gut war. Ich meine den Rotwein. Es war ihr Lieblingswein. Natürlich hatten wir immer genug davon. Also dann ich. Genug Flaschen und genug davon.

Ich wollte ja nicht irgendeine Frau oder etwas Kurzes, Unverbindliches. So bin ich nicht. Ich wollte nicht auf Feld eins. Dieses Neustarten, das ist sehr anstrengend. Jedenfalls, ich weiss noch, dass der Wein plötzlich bitter schmeckte. Vielleicht lag das aber auch nicht am Wein. Dazu schaute mich mein Freund mitleidig an. Was auch bitter ist, mit­ leidig angeschaut zu werden. «Heute ist es genau ein Jahr her», hatte ich dann gesagt und sein Blick war noch mitleidiger geworden. Danach, seine Worte, das ist nur noch so bruchstückhaft. Vermutlich hätte ich besser zuhören sollen. «Ein Jahr. Sehr gut. Die Eins meine ich. In Deutschland ist das übrigens die beste Note. Eine Eins. Da kann man neu starten. Eins. Eins. Du solltest nach vorn blicken. In einem Jahr, da hat man so eine Trennung doch verarbeitet. Eins. Der ideale Moment. Eins. Ein neuer Schritt. Eins. Start machen. Eins. Aus Dir raus­ kommen. Eins. Eins. Ausgehen. Eins. Täte Dir gut. Eins. Auf eine Frau einlassen. Eins. Eins. Eins. Treffen. Eins. Nur ein Abend. Eins. Verliere nicht so viel Zeit. Stürz Dich mal in was Neues. Eins. Eins. Wer weiss wo es hinführt.» Tatsächlich hatte er viel mehr gesprochen. Dafür nicht so abgehackt, sondern in ganzen Sätzen. Eventuell sagte er auch seltener Eins. Sehr wahrscheinlich sogar. Ich weiss nicht mehr. Es ist einfach so, mein Freund, er kann gut reden. Es schien mir sinnvoll, auf ihn zu hören. Er ist mein bester Freund.

Aber natürlich, wenn ich das gewusst hätte. Wenn ich... Dass das so kommt, das war ja gar nicht die Idee. Ich weiss nicht, ob ich das erwähnen sollte an der Stelle. Es ging mir nie um etwas rein Sexuelles oder so. Ich hatte nach einer seriösen Seite gesucht, als ich mich letzte Woche auf dieser Online­Platt­ form anmeldete. Nicht nach einer für Dates oder gelegentliche Treffen, sondern auf so einer, die da­ mit warb, dass sich alle 11 Minuten ein Single verlieben würde. «Lauter Einsen», war es mir durch den Kopf geschossen. Alle 11 Minuten ein Single. Verlieben – also was Längerfristiges. Das klingt doch anständig, oder? Da hat man doch keine bösen Absichten. Also habe ich mich da angemeldet. «Der 1. Schritt auf Ihrem Weg in eine glückliche Partnerschaft ist gemacht», stand da. Wieder eine Eins. Ich war genau ein Jahr und eine Woche getrennt. Ich dachte, das sei ein gutes Zeichen, mit den vielen Einsen. Ich hätte ja nicht im Traum gedacht, dass das so ausgeht. Die Anmeldung, diese Online­Plattform, die tat mir gut. Ich musste Fragen zur Ermittlung meiner «individuellen Partnerschafts­Persönlichkeit» beantworten. «Anschlies­send schlagen wir Ihnen mit unserem Matching die Menschen vor, mit denen Sie langfristig glücklich werden.» Wer soll da ahnen, dass so etwas passiert? Das ist doch unvorhersehbar.

Da kann man doch nicht von Absicht oder Vorsatz sprechen. «Langfristig glücklich», das klingt doch gut, nicht? Da wird man doch nicht misstrauisch oder argwöhnisch. Wobei das mit den mehreren Menschen («schlagen wir Ihnen mit unserem Matching die Menschen vor» ­ nicht einen Menschen), ja das hätte mich viel­ leicht doch stutzig machen sollen. Mehrere Menschen. Aber wer gibt schon viel auf einen Fehler im Werbeslogan? Nur spitzfindige Wortklauber, nicht? Alle sollten wir glücklich werden. Und jetzt das.

Ich bin mir nicht sicher, ob mich da allein so viel Schuld trifft. Vielleicht war es einfach Zufall oder Schicksal. Das ist jetzt nicht tröstlich, das verstehe ich. Ich meine nur, mich erreichten viele Nachrichten. Und gemäss der Anmeldung sollte eine jede von einer Frau stammen, mit der ich langfristig glücklich würde. Trifft denn da echt mich die Schuld, wenn das dermassen schief geht?

Natürlich hätte ich eine andere Nachricht beantworten können. Zum Beispiel die erste. An dem Tag hatte ich sogar einen regelrechten Eins­Tick. Sie stammte von einer Hundetrainerin, die mit der Frage startete, ob ich denn ein Problem mit drei Hunden im Bett hätte. Ich mag nicht vom Thema ablenken. Wie gesagt. Vermutlich war es Zufall. Wer kann denn auch mit sowas rechnen? Ich hatte ja auch keine Ahnung, wie sowas läuft. Mit diesen Plattformen oder dem Schreiben und Treffen mit Frauen. Ich hatte mich ja bis dahin nicht mal mit der Frage zu drei Hunden im Bett beschäftigt. Die Dame von Nachricht eins war übrigens auch sehr attraktiv, rotblond. Wenn sie denn nicht ein Foto mit drei Golden Retrievern aufgeschaltet gehabt hätte, wer weiss. Wobei ich absolut nichts gegen Golden Retriever habe. Es war mehr so ein Impuls, dass eine Frau, die ihre Hunde auf ihre Haarfarbe abstimmt, dass das vermutlich zu nichts führt. Wenn sie denn Pudel gehabt hätte, oder wenigstens ein Labrador darunter gewesen wäre, wer weiss. Dann wäre heute eventuell alles anders. Ich will nur sagen, das ist alles richtig dumm gelaufen.

Es war die zweite Nachricht. Die von ihr meine ich. Sie hat mich angeschrieben. Auf dieser Partner­ Börse. Vermutlich hätte ich auf meinen Einser­Tick vertrauen sollen. Ja, vielleicht gab es Anzeichen. In der Rückschau ist man immer klüger, nicht? Ich habe nicht so weit gedacht. Auch wenn ihr persönliches Zitat aus diesem Smiley mit herausgestreckter Zunge bestand oder sie als positives Merkmal aufgeführt hatte, sie packe Sachen sofort an. Vermutlich sollte ich das nicht erwähnen.

Ist es diskreditierend, wenn ich sage, dass sie es war, die jeder zweiten Nachricht die Frage oder den Hinweis zu einem persönlichen Treffen anhängte? Es klingt nicht glaubhaft, aber mir ging das eigentlich zu schnell. Und doch, sie ist ja sehr hübsch. Ich wollte sie nicht vor den Kopf stossen. Und ich fühlte mich geschmeichelt.

Natürlich würde ich das heute anders machen. Natürlich würde ich sie nicht nochmal treffen. Jemanden den ich praktisch nicht kenne. Aber eben, das ist es ja. Es ging alles so schnell. Der Abend des Treffens kam so schnell – und ja, sie auch. Ich rede zu viel darum herum, oder? Zu leugnen gibt es ja nichts. Es geht mir nur darum aufzuzeigen, dass das so nicht geplant war. Zumindest nicht meinerseits. Zugegeben, das mit dem Leck­Smiley, das hätte mir schon ein Zeichen sein können, mit dem heutigen Wissen. Es ist besser, nicht weiter darauf einzugehen. Ich will auch nicht alles auf sie abwälzen. Wobei sie es war, die klare Vorstellungen dazu hatte, was sie wollte. Und die Sachen in die Hand nahm. Ja, das hatte sie im Profil erwähnt. Aber dass das so gemeint war. Das alles hatte ich doch nicht erwartet. Oder dass sie verheiratet ist. Ich meine, das wusste sie ja sicher, aber ich? Dieses relevante Detail hatte sie vergessen. Ehrenwort. Herrje, ich sollte das alles nicht erwähnen. Eigentlich will ich nur erklären, dass das nicht schon ewig ging mit uns. Dass sie so schnell gekommen war, wie der Abend und das erste Treffen an sich. Eine kurze Sache. Nützt das was?

Mein Gegenüber schaute mir noch immer tief in die Augen, kopfschüttelnd. Ein Blinzeln. Kurz verloren sich unsere Blicke. Ich schaute auf meine Hände, welche sich während der Überlegungen unnützer Erklärungsversuche so verkrampft hatten, dass sie schmerzten. Mein Hirn arbeitete auf Hoch­ touren, brachte aber nichts zustande. Ausser dass es unpassend wäre, auf Details einzugehen. Oder auf den Moment, als er kam – wenn auch anders als sie – just in dem Moment zur Tür herein, als sie kommend meinen Namen schrie. Dass ich darauf­ hin schneller ging, als irgendjemand an dem Abend sonst gekommen war, half nichts. Die Details des Aufeinandertreffens sind ihm ja bekannt. Genau wie ich. Und er mir. Schliesslich arbeiten wir seit vier Monaten zusammen.

Ich würde etwas sagen müssen. Etwas erklären.

«Ich weiss nur eins», begann ich nochmals von vorn. Diesmal hatte meine Stimme jedoch keinerlei Festigkeit mehr. Mein Gegenüber blickte mich so ratlos an, wie ich mich fühlte. «Ich weiss nur eins», wieder­ holte ich. Aber ich wusste nichts. Jedenfalls nichts, was ich zu meiner Entschuldigung sagen könnte, oder zu seinem Trost. Ich schloss die Augen und sog den Moment der Stille und des Alleinseins voll in mich auf, während ich einen Entschluss fasste. «Ich weiss nur eins, ich kann dieses Gespräch nicht führen», sagte ich mit fester Stimme. Und es fühlte sich beinahe so an, als hätte ich die Kontrolle zurück. Ja, ich würde nicht in die Agentur fahren. Heute nicht und auch nicht morgen oder irgendwann danach. Das war vorbei, alles war vorbei. Ich stand wieder auf Feld eins, löste die Krawatte und schloss den Badezimmerspiegel.