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Grenzübertretung (oder: eben nicht) von Flora Hausammann

Text des Monats Januar 2020 (Thema: Klima- und andere Katastrophen)

Autor/in:

Thema des Schreibwettbewerbs 2020: «Klima- und andere Katastrophen», das Unterthema im Januar: Schneefallgrenze steigend.

 

Grenzübertretung (oder: eben nicht)

Es ist mitten in der Nacht und ich rüttle meine Kinder wach, schnell, schnell, wir müssen los, es ist Zeit, wohin denn, fragen sie und reiben die verklebten Augen, in die Ferien, sage ich, es ist Januar und Winter und kalt und wir fahren jetzt sofort in die Ferien, Mama du bist verrückt geworden, sagen sie, nein nein, sage ich und schüttle den Kopf, wir fahren jetzt in die Ferien.

Es bleibt nur Zeit für einen hastig heruntergestürzten Kaffee (ich) und je eine halbe Tasse heisse Schokolade (sie), bevor meine Ungeduld überhandnimmt, die helle Mondscheibe mich nach draussen triezt und ich meine zwei Kinder mitsamt einem rasch gepackten Koffer voll Kleider und Bücher und nicht-zueinanderpassender Handschuhe hinten ins Auto schiebe. Im Auto ist es saumässig kalt, weil ich letztes Jahr unseren Platz in der Genossenschaftswohnungsgarage von der Siedlung nebenan künden musste und die Kinder nörgeln, weil sie kein Frühstück hatten, aber es ist Nacht und wir müssen zum Schnee fahren, es ist zum Aus-der-Haut-Fahren, alle sagen, ich soll doch mal runterfahren, karren mir an den Wagen und ich scheine einfach nicht richtig in die Gänge zu kommen. Mama, wie lange geht’s noch? fragt meine Tochter.

So lange bis wir angekommen sind, sage ich und mein Sohn sagt, kommen wir überhaupt je irgendwann irgendwo an im Leben und ich finde das reichlich pathetisch von ihm, seit er in der Schule vom Existenzialismus erfahren hat, hinterfragt er jeden meiner Sätze.

Die Nacht ist immer noch dunkel, dick, kurz vor fünf ist’s immer am dunkelsten, das sagte schon meine Mutter und die wusste auch ein paar Dinge übers Dunkelsein, Einsamsein, Urgestein. Keine anderen Scheinwerferlichter tasten sich über die Asphaltstrassen, alles ist wie leergefegt und ich denke, wie so oft in letzter Zeit, an eine andere Art von Leere, tick tock, die biologische Uhr tickt munter weiter, dabei ist es doch erst morgens um fünf und eigentlich könnte auch die biologische Uhr mal stehen bleiben, oder nachgehen, so wie es die Uhr auf dem Tacho tut, wenn wieder einmal Sommerzeit ist und ich es ein halbes Jahr lang nicht schaffe, ein paar Knöpfe zu drücken, weil ich zuerst im Autohandbuch nachschauen müsste, welche Knöpfe denn genau zu drücken sind. Zurück zur leergefegten Autobahn, nicht der sinnbildlichen in meinen Gedanken, sondern der tatsächlichen unter mir und vor mir, ein Urteil kommt mir in den Sinn, welches das Bundesgericht vor ein paar Jahren gefällt hat. Darin wurde ein Autofahrer schuldig gesprochen dafür, dass er nicht mehr abbremsen konnte, als er plötzlich, im Dunkeln mitten in der späten Nacht vor sich auf der Autobahn eine auf der Strasse liegende, lebensmüde Person sah, und ich hoffe, dass heute auf der A1 in Richtung St. Gallen kein Lebensmüder liegt, denn ich möchte niemandem weh tun und ich wüsste auch nicht, was mit den Kindern tun, den geborenen und den vielleicht-noch-möglichen (tick tock), müsste ich ins Gefängnis.

Mama wohin gehen wir? fragt meine Tochter.

In den Schnee, sage ich, Schnee ist doch nur eine Metapher für das Sterben, sagt mein Sohn und ich verstehe nicht, worauf er hinauswill.

Schlaft ihr mal lieber weiter, sage ich.

Ich meine ja nur, weiss und hell und so unglaublich leicht, sagt mein Sohn.

Schnee ist nicht leicht, wenn er dich in Massen niederdrückt, sage ich, eine einzelne Schneeflocke ist vielleicht leicht, einverstanden. Aber das Sterben ist, glaube ich, auch nicht leicht.

Hmpf, sagt mein Sohn. Der Mensch ist sowieso ein Sein, das nicht das ist, was es ist, und das das ist, was es nicht ist, sagt er noch und meine Tochter schnarcht ganz leise und als ich diesen Laut höre, sanft und lustig, weil ich mir dann vorstellen kann, wie sie in zwanzig Jahren ist, möchte ich auf der Stelle anhalten und sie in eine Decke aus Seide wickeln, handgefertigt, und sie einfrieren, in Formaldehyd einlegen, präservieren, damit ihr nie etwas Böses passiert, damit sie nie erfährt, dass es das Böse gibt, auch für sie geben kann, dass reiche Menschen immer reicher werden, während Flüchtlinge auf Lesbos in der Januarkälte erfrieren, auch wenn die Zeitungen nicht mehr so gerne darüber berichten, weil ihre Seiten schon mit anderen Grässlichkeiten gefüllt sind, dass es Menschen gibt, welche den Körper anderer Menschen als ihr Eigentum ansehen, dass Hass real ist und geschürt wird von Menschen, die davon profitieren, dass ihr Vater nun Kinder einer anderen Frau aufzieht und morgens zur Schule begleitet, Letzteres tut ihr weniger weh als mir, ich weiss.

Natürlich halte ich nicht auf der Stelle an, weil ich weiss, dass ich ihr all das nicht ersparen kann und die Welt um unsere fahrende Metallhülle wird heller, die Sonne schiebt sich über den Tellerrand, dort wo irgendwann mehr war als heute und irgendwann wieder mehr sein wird, und taucht uns in einen seltsamen Glanz aus Morgenrot und Nebeltau und Auspuffabgas, oder Morgentau und Nebelabgas und Auspuffrot und um uns und hinter uns und ringsumher sind Dörfer, kein Asphalt mehr, Dörfer und hohe Bäume und weite Täler und jahrhundertealte Felsklüfte, wie wär’s mit dem Säntis, der ist zu wenig hoch, weiter, weiter, dorthin wo das Leben noch gut ist und alt, und es endlich Schnee hat.

Ich sehe keinen Schnee, sagt meine Tochter, sie ist wach und ungeduldig, sie will aus dem Auto, spielen, essen, irgendwas, nur nicht hier so eingepfercht sein mit einer verrückten Mutter und einem pseudo-philosophischen Bruder.

Wo ist der Schnee wo ist der Schnee wo ist der Schnee wo, quengelt sie, skandiert sie, verlangt sie und ich weiss nicht, was sagen, der Schnee ist nirgends, kein Flöckchen nichts, er ist weg, er war gar nie hier, er war mal hier, als es hierzulande noch kälter war und die weitesten Flugreisen noch ein Statussymbol waren, kein schändliches Stehlen der Zeit unserer Kinder, er war mal hier, ich habe ihn mit eigenen Augen gesehen, es gibt Schnee, es gab Schnee, wir sind in Österreich und ich sehe immer noch keinen Schnee.

Wir werden ihn schon finden, sage ich lahm und lege noch einen Gang zu, wir rasen vorbei an den grünen Hügeln und blauen Himmeln und der Schnee ist einfach nicht zu finden, wir passieren Passstrassen, erreichen ungeahnte Höhen, 3798 Meter über Meer, der Grossglockner, höchster Berg Österreichs und nirgendwo ein Funken von Schnee, weiter, weiter, auf der Suche nach dem endlosen Weiss, bis mein Sohn ganz dringend pinkeln muss und sobald er es angemeldet hat, muss meine Tochter plötzlich auch ganz dringend, Hallelujah, wir machen Pause und essen ein Brot von der Tankstelle und die Sonne tropft in Flocken und nirgendwo glänzt auch nur ein bisschen Schnee. Weiter geht’s, es ist vierzehn Uhr, vorbei an Schi-Orten, welche ihre Gäste über den nicht-vorhandenen Schnee hinwegtrösten mit Wellness-Oasen und 13-Gang-Menus, und Winterwanderungen auf dem kahlen Berg, bald wird der Schnee kommen, exklusiv von Novosibirsk hierhin überführt, frischer russischer Schnee, damit das Dorf doch noch nach heimeligen Wintertagen aussieht, geht ja nicht so ganz mit ohne Schnee, weiter, weiter, weiter, vorbei an reflektierenden Bergseen, kalt und nass und ohne die allerdünnste Schicht Eis, längst haben wir die Grenze zu Ungarn überquert, mir ist egal, wie viele Grenzen noch, ich will meinen Kindern doch nur den beschissenen Schnee zeigen, die einzige Grenze von Bedeutung ist die Schneefallgrenze aber ich finde sie nicht, wie schwierig kann das sein, Herrgott.

Mama, ich will nach Hause, sagt meine Tochter und mein Sohn sagt, Zuhause ist nur ein Konstrukt, wir sind alle ankerlose Schiffe, die durch den Sturm des Lebens zu navigieren versuchen und ich sage nichts mehr, weil ich dieses eine Mal nicht versagen will und so fahren wir weiter, tausend Tage und Nächte, Tausendundeinenacht durch unbekannte Lande auf der Suche nach dem Schnee, bis wir nach Jahren wieder zurückkehren, Haare bis auf den Autositz fallend, nachdem wir die Welt umrundet haben, durchdrungen haben und uns-selbst-vorführend wieder vorfahren vor unser kleines Reihenhaus im Thurgauer Hinterland, ohne den Schnee gefunden zu haben.

Ich sag’s ja, Schnee ist doch nur eine Metapher für das Sterben, wird mein Sohn sagen und die Zimmertüre hinter sich abriegeln, um seinen Sartre weiterzulesen. Der Mensch ist ein Sein, das nicht das ist, was es ist, sonst würde er wohl nicht zulassen, dass ich meinen Kindern den Schnee nicht mehr zeigen kann, Herrgott,

denn das ist schlicht unmenschlich.