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Im Juni von Diana Lühmann

Text des Monats September 2007 (Thema: Reiseberichte)

Autor/in:

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Nicht die Winter, die Sommer waren dir zu dunkel, hast du gesagt. Und dass der Juni der schlimmste Monat von allen sei. Wegen der Sonnenwende, bei der nachts nur die Sterne zu sehen sind. Und das Flackern der Feuer auf den Weiden. Vom Mond hast du ganz geschwiegen. Manchmal denke ich, du hast ihn gehasst. Dafür, dass er nicht die Sonne war.

In Juninächten hast du das Haus nicht verlassen und dich eingeschlossen in das kleine Zimmer neben der Diele. Das Zimmer mit den silberblauen Vorhängen und dem Eichenschrank, für den niemand außer dir den Schlüssel besaß. Selbst, als Opa noch lebte.

Einmal in meinen Sommerferien, als du zum Markt warst, habe ich versucht, den Schrank zu öffnen. Tagelang hatte ich heimlich alle Schlüssel zusammengesucht, die von der Größe her hinkamen. Doch keiner passte, auch nicht aus der alten, verrosteten Schachtel, die ich im Schuppen gefunden hatte. Also stieg ich auf einen Stuhl und versuchte, eine der Türen von oben mit einem Schraubenzieher aufzustemmen, zumindest einen Spalt, und mit meiner Taschenlampe hineinzuleuchten. Doch bevor ich durch den Schlitz irgendetwas erkennen konnte, spürte ich eine Hand an meinem Arm und als nächstes den Fußboden unter meinen Knien und ein Brennen auf meiner Wange. In deinen Augen war keine Wut zu lesen, sondern etwas anderes, etwas, das ich nicht deuten konnte. Als wir Jahre später am Tag nach deiner Beerdigung den Schrank öffneten, war er leer.

 

Der Kopf kann vergessen, das Herz nicht, habe ich dich einmal zu Mutter sagen hören. Erst jetzt ahne ich, was dieser Satz bedeutet. Viel geredet hast du nicht, schon gar nicht über dich, schon gar nicht mit einem Kind wie mir. Und es tröstet mich nicht, dass du auch für Mutter eine Fremde warst und sie das Schweigen weitergibt. Vielleicht sind Worte auch zu mächtig, zu gefährlich für dich gewesen. Nicht, weil sie etwas wahr werden lassen, etwas verändern können. Oder zerstören. Sondern, weil sie, einmal gesagt, nichts Eigenes mehr sind. Man sie und sich ausliefert.



Seit letztem Sommer steht dein Schrank in meiner Wohnung, Mutter wollte ihn nicht mehr. Und mit ihm zogen deine Erinnerungen ein. Sie fielen aus einer Zwischenwand, die sich beim Transport gelöst hatte. Eine lederne Mappe voll mit dem, was du nie in Worte gefasst hast. Als ich alle Innenteile des Schranks abklopfte, fand ich auch den Rest, die Kohlestifte, farbige Kreide, Blöcke mit Zeichenpapier. Ich habe dich nicht verraten. Aber ich begann mit der Suche.

Deine Bilder zu betrachten war wie Fenster in eine andere Welt zu öffnen. Eine in silberblauem Licht schimmernde Welt mit prunkvollen Hausfassaden, goldenen Kuppeln und Turmspitzen, Palästen und über Flüsse und Kanäle geschwungenen Brücken. Eine Welt so anders als Opas Haus am Rande der Felder, das nach dem Krieg, nach der Flucht deine Gegenwart wurde. Eine mir fremde Welt.


Katya steht unter dem Porträt. Die Augen der jungen Frau haben dieselbe Farbe wie der Himmel über der Stadt. Auf einem anderen Bild liegt Katya schlafend auf einem Sofa, auf wieder einem anderen steht sie winkend am Eingang eines Hauses. Katya in einem Boot sitzend. Katya an ein Brückengeländer gelehnt. Katya inmitten einer feiernden, tanzenden Menschenmenge. Katya mal nah, Katya mal weiter entfernt. Katya.

Über Mutter habe ich nicht viel herausgefunden, nur verblasste Erinnerungen an die wenigen Momente, in denen du geredet hast. Über die Vertreibung der deutschen Minderheit, den kalten Winter der zweiten Flucht, über die Toten, die am Wegesrand zurückgelassen werden mussten, das gestohlene Essen, die Angst vor den Soldaten, über das Ankommen in der Fremde, die Erschöpfung, den Hass der Dorfbevölkerung auf das Dreckspack aus dem Osten. Und dass du in St. Petersburg geboren wurdest, als es Leningrad hieß.

St. Petersburg. Newa und Moika. Winterpalast und Newski Prospekt. Ich habe deine Bilder aufgehängt, sie mit Fotos aus Reiseführern und Berichten im Internet verglichen. Habe immer wieder ihre Reihenfolge geändert, variiert und schließlich ausgerichtet an der jeweiligen Perspektive, der Entfernung zu Katya. Anfang Juni habe ich den Weg auf einem Stadtplan nachgezeichnet. Den Weg zu jenem Hauseingang, ein Bild links neben dem Porträt.

Der Nachthimmel über St. Petersburg war genauso, wie ich ihn mir vorgestellt hatte. Mein Weg zu Katya nicht. Natürlich überzeugte mein Russisch für Anfänger weder den Fahrer des altersschwachen Wolgas, noch, nach meinem Rausschmiss aus diesem Privattaxi, die beiden Streifenpolizisten von der eingetragenen Route auf meiner Straßenkarte und der Existenz meines Ziels. Natürlich sprachen die wenigen Männer und Frauen, die sich von mir auf meiner Suche zu Fuß überhaupt fragen ließen, nur gegen Dollar ein paar Worte Englisch und schickten mich dann in die verkehrte Richtung. Und natürlich wohnte in dem Haus, das ich trotz allem fand, keine Katya. Denn Katya war seit Jahren tot.

Verlorenes bringst du nicht wieder zurück, sagt ein russisches Sprichwort. Denn alles hat seinen Platz. Seine Zeit. Und Erinnerungen sind nichts anderes als ein verblassendes Bild, das vergebliche Festhalten an Momenten, die nie zur Gegenwart werden, egal, wie oft man sie betrachtet und ihre Konturen nachzieht.

 

Auf dem vergilbten Foto in meiner Hand berührst du Katya am Arm und in deinem Lächeln lese ich etwas, das mir vertrauter ist als die Fremde, die du Mutter und mir warst. Ich sitze, wie so oft in den letzten Wochen, in der Wohnung, die einmal Katyas Zuhause war, nippe an meinem Tee und schaue Tanja dabei zu, wie sie deine Bilder auf dem Boden ausbreitet.

Tanjas Stirn ist etwas höher als die von Katya, ihre Nase schmaler, aber auch ihre Augen haben dieselbe Farbe wie der Himmel über dieser Stadt. Ein Himmel, an dem die Dämmerung mit dem silbrig-blauen Glühen der Mitsommernacht verschmilzt und der Mond lediglich Ahnung bleibt.

Durch das geöffnete Fenster klingt Lachen, dann das Klirren von Gläsern. Und irgendwo in den Höfen stimmen Straßenmusikanten ein Lied an. Tanja steht auf und streckt mir ihre Hand entgegen. Ich folge ihr über den Stapel deiner Bilder hinaus aus dem Haus und bin mir fast sicher, dass mir auch die Winter in St. Petersburg nicht zu dunkel sein werden.