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Im Wattenmeer von Anton Beck

Text des Monats Februar 2020 (Thema: Klima- und andere Katastrophen)

Autor/in:

Thema des Schreibwettbewerbs 2020: «Klima- und andere Katastrophen», das Unterthema im Februar: How dare you? (Greta Thunberg)

 

Am Wattenmeer

Weites Land. Gespaltene Zungen im kristallinen Sonnenschein und fernes, weites Land, soweit das Auge zu sehen vermag. Dort kommen sie, denkt das Mädchen sich, kommen, um mich zu holen, mich einzupacken wie eine Fracht, als wäre ich ein Gut, erstrebenswert und gemacht zum Verbrauch. Doch sie tun ihr nichts, fliegen über sie hinweg, der ganze Schwarm fliegt über sie hinweg. Die Vögel.

Sie floh vor Hysterie, Seuche und Verheissung, hierher, in die Ferne, wo salziges, kaltes Wasser ihr an die Gummistiefel geschwemmt wird, Treibgut folgt, Hölzer und Gräser am Wattenmeer. Ihr  forstgrüner Regenmantel ist nicht schwer, er wärmt kaum, hält bloss die Kaskaden ab, die kommen werden. Schon bald. Jetzt ist alles aber noch trocken, kaum eine Wolke in Sicht, sie steht hier ganz allein. 

Es ist ein Gedankenspiel, das ihr durch die weisse Mütze, durch die Zöpfe in die Ohrmuschel schleicht, eine Welt ohne Menschen, hat sie dafür gekämpft? Ist das einen Kampf wert? Hasst sie die Menschen oder liebt sie die Menschen? Wie könnte sie die Menschen hassen, sie ist selber einer, besteht aus demselben Fleisch, aus derselben Haut, ihre Iris ist gefüllt mit derselben Farbe, dieses Grün, das sich während der Photosynthese bildet.

Sie liebt ihre Eltern. Wer tut das nicht? Ja klar, denkt sie sich. Sie liebt ihre Freundinnen, viele hat sie nicht, Chloë und Ronja, zwei also, aber die, die sie hat, die zwei, die sind treu. Über all die Jahre hinweg, all die Tage in der Provinz, all die Nächte in der Stadt.

Doch wie sie, vor Jahren, am Flughafen sass, neben ihr dieser feste Mann im Anzug, dachte sie anders über die Menschen. Das Doppelkinn, die Schutzmaske vor dem Gesicht, er ekelte sich vor den anderen Reisenden und sie ekelte sich vor ihm. Er hätte getötet, um zu überleben, das konnte sie ihm ansehen.

Ein weiterer Schwarm nähert sich ihr, ihr Puls steigt, der Griff, mit dem sie die Box in der Hand hält, wird fester, wenig nur, wie sich allmählich bildende Schleusen im Schnee. Sie kommen. Die Vögel. Weiter Himmel und weites Meer, Leere und dieser penetrante Geruch in der Luft. Nach Kot riecht es, nach dem Verwesen einzelner Schalentiere, aber auch nach einem Neuanfang. Alles endet eben irgendwann. Sie schliesst die Augen, die Vögel fliegen über sie hinweg, sie atmet tief, füllt ihre Lungen, die Stiefel versinken etwas mehr im seichten Land. Weites Land.

Das Mädchen ist hierhergekommen, um zu entscheiden. Mit der Box, der Box mit dem Knopf, den es zu drücken vermag oder aber auch nicht. Es wurde ihm aufgetragen eine Entscheidung zu treffen, es hatte keine Wahl, einmal auserwählt vom Rat all dieser Menschen, einmal versehen mit dem Heiligenschein, gibt es kein Zurück mehr. Die Last auf ihren Schultern wiegt schwer, doch dafür interessiert sich niemand, sie will auch kein Mitleid, sie will nur Ruhe, Zeit um ihre Entscheidung zu treffen. Vögel und Landzungen, schillernd im kristallinen Sonnenlicht.

Wie konnten sie es wagen ihr eine solche Bürde aufzubinden? How dare you? Hur kan du våga det?

Wie konnte es nur zu alle dem kommen, zu der Ferne, die sie verspürte. Die Ferne zu Ronja, die Ferne zu Chloë, die Ferne zu sich selbst.

Das Mädchen watet durch die Ebbe, es macht grosse Schritte wie eine Frau, eigentlich ist es längst kein Mädchen mehr, denkt es sich.

Sie watet also. Zu den Vögeln, die nach Würmern suchen, schwarze und rote Vögel, Möwen und auch grössere, graue Tiere, die sie nicht bestimmt benennen kann. Sie watet nicht mehr, sie rennt nun auf die Vögel zu und scheucht sie auf, sie fliegen davon, über sie hinweg, doch kommen zurück. Eine dunkle Wolke bildet sich über dem Mädchen und es sieht eine helle Lichtung am Ende ihrer Angst, alles kommt hernieder, alles weitet sich, Åland und Stockholm in ihrem Gedächtnis und all die Reden, all die Proteste, alles liegt ihr im Kopf, wiegt schwer, wie die Box in ihrer Hand.

Sie schliesst die Augen, sie öffnet sie wieder, Chloë steht vor ihr, die Haut zart und bleich. Das Haar auch.

»Nun dann, hast du dich entschieden?«, fragte die Blonde und blickt sich um, so als wisse sie nicht genau, wo sie sei.

»Nein. Ich finde es auch lächerlich, dass mir diese Entscheidung aufgetragen wird, während die Welt da draussen in die Brüche geht. Tausende sterben, jede Sekunde, und ich soll mich hier zurückziehen und entscheiden? Ich halte nicht viel von Heroismus, Chloë.«

»Das ist nicht deine Entscheidung, fürchte ich. Zudem zählt der Tod eines einzelnen nicht viel im Kosmos.«

»Doch, das denke ich schon«, erwidert das Mädchen, »das denke ich schon.«

Wie die zwei sprechen, füllt sich der Untergrund mit Wasser, Ebbe wird zu Flut, die Sonne sinkt, zwei Monde gehen auf, der eine rot, schwer und voll, der andere leicht und weiss.

»Da schau, sie kommen, um uns zu holen.«

Erneut ein Schwarm, Vögel, jagdgrüne dieses Mal, sie fliegen los, als wäre ihre Erfassung bloss eine Bagatelle, auch Chloë stösst zu ihnen, löst sich auf und wird zur Krähe, steigt empor, gen Himmel, so wie das Mädchen von der Welt gen Himmel gehoben wurde. Chloë scheint es nicht zu wollen, es scheint einfach zu geschehen. So wie vieles eben. Das Leben will nicht immer wie es geschieht. Anders beim Mädchen, es wollte es so, es wollte in die Öffentlichkeit, es bat darum zu fliegen mit den rigorosen Vögeln, es hätte bloss nie gedacht, dass all diese Wünsche in einer solchen Situation enden würden. Hier draussen am Watt, von der Zeit herbeigetragen, keinen Fuss mehr auf schwedischem Boden, bloss die ewigen nächtlichen Telefonate mit Chloë, mit dieser einen Freundin, die, wie Ronja, das Mädchen schon kannte, bevor es mit den Vögeln flog.

Mit der Nase zuckt das Mädchen, wie die Tiere erneut über es hinweg fliegen. Die Box in der Hand lässt es fallen, es schliesst erneut die Augen, öffnet sie wieder, steht nun inmitten der Proteste, die es angestiftet hat.

Die Menge wütet, Luisa, die deutsche Freundin, sagt dem Mädchen, der Marsch ginge nun weiter in Richtung Kanzleramt. Das Mädchen mag Luisa, doch es hätte doch lieber Chloë bei sich, oder Ronja. Doch die beiden sind weit weg, in Norrbottens Län, sie könnten aber genauso gut verborgen in der Pyramide Cheops’ sein.

Immer wenn es dem Mädchen zu viel wird, schweift es in Gedanken ab, ins Wattenmeer, dort wo es mit Chloë jährlich die Sommerferien verbrachte, während die Mutter in Schweden durch Talkshows reiste und der Vater seine Texte für irgendeine Rolle übte. Eigentlich seltsam, denkt sich das Mädchen, dass ausgerechnet es als Kind der gehobenen Mittelklasse den Kapitalismus ausbremsen soll, ihn entschleunigen. Dabei kennt sie die Alternative nicht, sie hat keine Lösung, zumindest nicht so auf die Schnelle. Chloë würde das verstehen. Chloë verstand sie immer. Chloë hat nie etwas gefordert, war nicht wie diese brüllenden Blagen, Chloë nahm sich auch nicht wie Luisa das Recht für das Mädchen zu sprechen. Es sei in einem Jahr zu spät, man könne dann den Klimawandel nicht mehr aufhalten. So etwas hätte das Mädchen nie gesagt, so spitzwindig hätte es sich nie artikuliert. Das konnte nur Luisa.

Das Mädchen vermisst Chloë, es vermisst den Sommer, die Leichte, würde gerne eine Papierosy anzünden, so wie Chloë es immer getan hatte.

Es würde gerne mehr willkürliche Bilder auf ihrem Instagram-Account posten und nicht ständig bei jedem Wort abwägen müssen. Es würde gerne mehr Nesbø-Krimis lesen und weniger von diesem unglaublich theorielastigen Balzac, den Luisa so mag.

Die Masse schreitet voran; mit ihr die Macht.

Luisas graue Mütze, die mit dem Bommel, entfernt sich, sie winkt dem Mädchen, es solle mitkommen, es folgt, verliert sich in den vielen jungen Leuten, weites Land, Luisas Mütze im kristallinen Sonnenschein und fernes, weites Land, soweit das Auge zu sehen vermag. Weiter Himmel. Vögel.