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Lichtblicke von Tobias Sommer

Text des Monats Juli 2006 (Thema: Bildbeschreibung)

Autor/in:

Zu Gustave Caillebotte, «Badende am Ufer des Flusses Yerres»


Lichtblicke
oder Der Geschmack vom farblosen Wasser

Sie trug eine olivgrüne Jacke. Die Jacke war geöffnet, wie die beige Weste und die Bluse darunter. Der Wind fand einen Weg an ihren Körper. Aber das störte sie offenbar nicht. Mir war erbärmlich kalt bei diesem Anblick. Der Pelzkragen ihrer Kapuze sah viel zu groß und wuschelig aus, wie etwas, in das man unbedingt seine Finger eintauchen möchte, um die Fasern auf der kalten, spröden Haut zu spüren.
Ich hörte das Meer, monotones, ergebenes Rauschen. Die Wellen färbten den Sand und erzeugten eine dunkelbraune Grenze; ihre Fußballen drückten gegen diese Linie. Sie sah aus wie ein Hürdenläufer, bereit zum Absprung. Wohin sie rennen wollte, war mir unergründlich. In ihrem Gesicht fehlte jede Spur eines Fluchtwillens. Sie sah traurig aus so von der Seite, aus fast 20 Metern Entfernung. Ihre linke Hand spielte neben einem umgekippten Weinglas mit dem feinen Sand. Ich trat näher und sah, dass die Reste des Weins den Sand rot gefärbt hatten. Eine Flasche entdeckte ich nicht. Ich dachte zwangsläufig an eine Flaschenpost, spielte mit dem Gedanken, fand ihn schön, fast beruhigend, und überlegte, was ich schreiben würde. Mir fiel nichts ein. Was ich auch formulieren würde, die Sätze, die Wochen später an einem mir unbekannten Ort stranden würden, ergaben keinen Sinn.
Ich wollte nicht hierher. In Wien wollte ich bleiben, den kompletten dreiwöchigen Urlaub und die restlichen Jahre meines Lebens. Ich stellte mir einen kleinen Jungen vor, der mit zusammengekniffenen Lidern versucht, eine Flasche gegen Wind und Wellen zu werfen. Die Flasche kommt immer wieder zurück. Ich musste lächeln und war mir auf einmal nicht mehr sicher. Ich konnte unmöglich zu dieser Frau gehen, die stur geradeaus blickte, vor Minuten vielleicht eine Flasche ins Meer geworfen hatte und mir so fremd war.
Ich setzte mich, nicht gezählte Schritte entfernt von ihr, betrachtete das Wasser, das unter der weißen Gischt zurück ins Meer zog, um Sekunden später einen neuen Anlauf zu starten. Nach Fisch riechende kalte Luft wehte in mein Gesicht; vielleicht hätte ich das Wort Heimat auf das Stück Papier geschrieben, oder den Namen meiner Freundin, oder Wien. Es blieb sinnlos.
Im rechten Augenwinkel sah ich ihre Nase, die roten Wangen, das lange, schwarze Haar, das unter einer Wollmütze hervorguckte und im Wind für Sekunden aussah wie eine Drachenmähne; in diesem Moment wollte ich ihr alles erzählen. Ich wollte erzählen, dass ich aus Wien kam, dass meine Freundin bei mir wohnte, drei Jahre lang, bis sie sagte, sie müsse zurück nach Deutschland, zurück in den Norden, ans Meer. Sie sagte: ?Ans Meer.? Es klang aus ihrem Mund mit ihrer Stimme wie ein Ort, der außerhalb meiner Weltkarte lag. Ich hätte es wissen müssen, als wir uns in Amsterdam kennen lernten und sie mir nach Wien folgte, ohne wirklich zu fragen. Ich hätte es ahnen müssen, als wir uns liebten, ohne uns zu kennen. Aber es war viel zu spät, damals und vor einer Minute am Strand. Ich wollte der Frau neben mir erzählen, was ich liebe, wie ich lebe, wie meine Freundin lächelt, weint, Gedichte spricht und schön ist; aber ich schwieg. Der Wind hätte jedes Wort verschluckt.
Sie kommen aus Österreich. Es war keine Frage, sie sagte es einfach, jede Art von Betonung fehlte. Der Satz brauchte lange, bis er zu mir gelangte. Woher konnte sie das wissen? Vielleicht wegen der Art, wie ich gekleidet war, wie ich mich gegen den Wind bewegte, wie ich das Wasser betrachtete, desinteressiert, abwesend. Sie wird mein Auto gesehen haben, beruhigte ich mich.
Sehen sie das Licht? Sie sprach in einer Weise, die mich schaudern ließ, ihre Stimme klang fern, wie das Rauschen der Wellen, das irgendwo vor dem Horizont seinen Ursprung haben musste, und doch war sie präsent, diese Stimme.
Ich kenne Wien, sagte sie, die Geräusche der Donau, die kraftvollen Bewegungen der Wassermassen sind einzigartig, nicht mit dem Lärm des Meeres zu vergleichen. Sie sagte es, glaube ich, mit einem Lächeln, als wollte sie mir etwas beweisen, eine These, die unausgesprochen zwischen uns lag. Ich spürte die ferne Anwesenheit meiner Freundin, wollte gehen ohne zu wissen wohin und schwieg.
Ich war auf dem Stephansplatz und spürte die Menschen, fuhr sie fort, die an mir vorbeigingen und nach all den Ländern rochen, in die ich noch reisen werde. Die gemeißelte Oberfläche des Doms war für mich greifbar und schön. Der herbe Duft gebrannter Kaffeebohnen vermischt mit den Dialogen und Selbstgesprächen der Gäste. Sie hielt inne, suchte etwas, vielleicht ein Wort. Ich kam ihr zuvor und fragte, was sie hier wolle, am Meer.
Ich sehe sie noch immer in dieser Position vor mir, den Rücken zu einer perfekten Linie gestreckt, den Kopf in den Nacken gelegt, den Mund weit geöffnet. Bei diesem Anblick entstand ein imaginärer Schmerz in den Winkeln meiner Lippen. Ich schmecke das Meer, das farblose Wasser. Woher dieser Satz kam, weiß ich nicht. Sie drehte sich zu mir und ich sah das farblose Etwas in ihren Augen.