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Lieber Freund, altes Haus von Christian Karl Schaub

Text des Monats November 2005 (Thema: Brief)

Autor/in:

Hong Kong, den 16. September 2003

Lieber Thomas, lieber Freund, altes Haus

Schon lange wollte ich Dir schreiben, zu lange schon, um noch eine Erklärung zu finden für die nie gestrandete Flaschenpost. Du weisst, die Zeit ist wie ein kleines Kind, das einem immer davonrennt. In Gedanken habe ich Dir geschrieben, so oft, aber dieses ungeriebene Blei hat den Stift nie verlassen, also keine entlaufene Katze, die vielleicht einmal zurückkommt. Wie oft habe ich schon etwas in Gedanken in den Meeressaum geschrieben, was die Flut sich für immer geholt hat, aus dem Gedächtnis, wie aus dem Sand gespült. Die ungeschriebenen Briefe in unseren Köpfen, die niemanden erreichen und im Selbst verloren gehen, sollen nicht der Angelpunkt dieser Zeilen an Dich sein. Warum gerade jetzt? Nach drei Jahren? Nach unserem nächtlichen Streit auf der Gemüsebrücke, im Schatten der Münster? War es überhaupt ein Streit, und worum ging es eigentlich? Um die Verletzung des Lebens- und Weltbildes des anderen? Um mehr? Um uns? Um eine Frau?

Es brauchte wohl so einen Tag wie heute, einen dieser verlorenen Tage, an denen man aufbricht und nirgendwo ankommt als in der eigenen Vergangenheit. So bin ich heute, nach langer Zeit, aus der Körperhitze der Grossstadt geflohen, nach Lantau, einer Insel im südchinesischen Meer. Bin spät aufgebrochen; das An-die-Ränder-der-Stadt-Kommen ist hier ein mühsamer Akt; die Fähre suchen, in einem von Schiffen platzenden Hafen, erst das Rennen durch die Stadt, die stinkende gelbe Blume, dann auf einer der halb gefrorenen Fast Ferries durch das nach Schmierseife riechende Wasser hinaus in die Inselwelt, in den verhunzten Pazifik. Man würde am liebsten weiterfahren, einfach weg, geradeaus nach Manila. Wie gesagt, viel zu spät bin ich aufgebrochen, um sicher und bei Licht nach Hause zu kommen. Du kommst hier immer zu spät, aufgehalten von der Energiewand der Grossstadt, gebremst vom Lärm und dem Netz der Bilder, die keiner, der ein Ziel hat, je verarbeiten kann. Als ich ankam, lag Discovery Bay schon in der dunkelgrünen Dämmerung. Man geht erst durch eine Wellblechsiedlung, wo die philippinischen Maids mit ihren Familien wohnen, und dann geht es gleich steil hinauf in den Dschungel, schwarz von den Blättern der Bananenstauden. Halt gewinnt man nur auf dem gerillten, grätenhaften Betonweg, den sie hier in die abgelegensten Dschungel bauen und der im Monsun etwas Sicherheit gibt vor dem Wegrutschen in die tiefen Buchten.

Wollte schon wieder umdrehen, aber da brach in das penetrante Zirpen der Grillen ein menschliches Rauschen. Es kam aus dem Trappistenkloster, es war 19.20 Uhr, das Komplet der Mönche. Sie empfahlen ihren Tag den Händen ihres Schöpfers. Ich hatte aber noch leere Hände, mein Tagwerk noch nicht getan, also entschloss ich mich, weiter zu gehen, die Gedanken, die ich suchte, trafen noch nicht durch ein offenes Tor, das war der Antrieb vom Trappistenkloster zum Sattel von Tai Shu. Die Orientierung im Dunst war eine Blindfahrt, ein Lichtfinger kreiste durch das Silbergrau, dort unten, das musste Mui Wo sein. Oben angekommen, setzte ich mich vor den Tempel und starrte in die Nacht, die nicht vom Neonlicht verschmutzt war. Nur schwache fackelnde Lichter in der Ferne, sie alleine zeichneten den Weg zur Silver Mine Bay, wo es vielleicht noch eine Fähre zurück gab. Der Abstieg zur anderen Seite war ungeführt und schwierig, durch Hänge, die Friedhöfe sind. Sie bestatten hier die Menschen an den Hängen und machen kleine Feuer, der ganze Hang ein Grab, durch den Rauch dieser Gräber fand ich, mehr schlecht als recht, den Weg zur Fähre. Es ist September, der Monat, der die längst verschwundene Vergangenheit aus dem Nichts aufsteigen lässt, der Monat, in dem das Vergangene noch einmal in Blut taucht.

Vom Schiff aus sah ich nochmals den Lichtfinger, der eine Schattenlinie von Mui Wo aus zeichnete, beängstigend exakt und ohne Irrung. Eine exakte, kalte Neonlichtlinie der Vereinsamung. Vor mir ein phosphoreszierendes, blaues Wasser am Anfang des Lamachanels, hinter mir ein voller Mond, der sich über Lantau ergiesst. Querab fangen schwebende Nebel irgendwo Helligkeit ein, vermutlich schon aus der Neonpest des dahinter liegenden Molochs. Es sind dies Gefühle des Zuspätkommens, des Verlorengehens, Gefühle von Einsamkeit und Fremde, die in mir begannen, Dir diesen Brief zu formulieren, und so habe ich diese Zeilen auf der Fähre nach Hong Kong Island begonnen.

Es mag auch Heimweh oder Sehnsucht gewesen sein, nach jemandem, der seine Welt als den Raum zwischen Hohlstrasse und Hegibachplatz erlebt, nach Dir.

Damals auf der Brücke ging es genau darum, um Ort und Raum. Du, der Du Deinen Raum verteidigtest, gegen mich, der ich laut die Flucht aus diesem Raum antreten wollte, der mir wie ein Käfig vorkam.

Ich wollte fort, nicht schon in den Startlöchern verrotten, und Du dagegen hast gesagt, dass die Zeit des Reisens längst vorbei sei, dass die Abenteurer tot seien, dass sie Lügner und Angeber waren und schlechte Erzähler, dass man sich antizyklisch verhalten müsse, gerade in Zeiten der Raumvernichtung, in Zeiten der Globalisierung, das hiess für Dich: zu Hause bleiben; aber ich wollte nicht still sitzen, ich wollte in der enger werdenden Welt meinen Raum suchen oder wenigsten frech sein, und mich über all die Grenzen hinweg bewegen, im Gedanken bei Serner, dem Kosmos einen Tritt. Es ist mir nicht um die Besetzung von Küsten und die Erstbesteigung von Erdfalten gegangen, sondern um das Finden von Orten und Räumen, in denen ich vielleicht möglich sein werde. Wir haben uns Philosophen und Schriftsteller an den Kopf geworfen, die, die weggegangen waren, gegen die, die blieben. Du hast Faust zitiert und gegen mich verwendet. Irgendwie die uralte Geschichte vom Vater-und-Sohn-Ding.

Doch eigentlich und unausgesprochen ging es um die Frau, in die wir beide verliebt waren, hinter der wir beide uns versteckten, und die auch selbst hin und her gerissen war zwischen uns, die sich zerreissen liess zwischen dem humorvollen Intellekt und dem weltsüchtigen Spieler, um dann dem Spieler in die Welt zu folgen. Um es gleich vorweg zu nehmen, ich habe sie auf der Reise verloren, soweit man etwas verlieren kann, was man nie besessen hat. Wir haben es uns nie eingestanden, aber wir führten einen heimlichen Kampf um diese Frau, um ihr freches Lachen, ihre poetische Neugier. Wir haben uns damit spielerisch aufgezogen, aberwitzige Theorien gebildet und Spässe gemacht. Weisst Du noch, wie wir in Frankfurt am Main zusammen essen wollten, und Du unbedingt in diese oktoberfestartige Bierhalle im Bahnhofsviertel mit den Tischtelefonen wolltest, wo die Koreaner Deutschland zelebrierten, und ich dagegen ein eritreisches Restaurant vorschlug. Die umgarnte Frau entschied sich für Eritrea, und ich sagte Dir, dass man viele Frauen mit einem exotischen Essen gewinnen könne, dass im fremden Essen ein Fernweh liege und jene anziehe, die noch nicht den Mut hatten, wirklich zu reisen. Du hast Dich darüber sehr geärgert, zu Recht, Dein Ort war der originellere.

Ein Jahr später war ich mit dieser Frau unterwegs in Afrika. Die Reise war eine Katastrophe. Ich hatte mich wirklich gut vorbereitet, die besten Karten aus London kommen lassen, mir Wissen angeeignet, das uns führen sollte durch den seltsamen Kontinent; doch bei allen Krisen übernahm sie die Führung, in ihrer Intuition und Unvoreingenommenheit lag sie immer richtig, ich dagegen lag mit meinem Wissen, meiner Ungeduld meistens daneben. Wir stritten uns oft über den Weg, besonders dann, wenn es keinen mehr zu geben schien. Sie fand immer den direkteren Pfad zu den Menschen, während ich noch in Büchern und auf Landkarten suchte. Wir waren auf dem Weg nach Khartoum, den Ort der Vereinigung des Weissen und Blauen Nils, wo wir unbedingt weilen wollten, da, wo dieser grosse Menschheitsfluss gegründet worden war. Wege und Umwege gingen nur durch Bürgerkriegsgebiete. Jede Route ein Fragezeichen, aber wir wollten dort hin. Unterwegs wurden wir von vielen Illusionen über das Reisen im 21. Jahrhundert befreit. Den Fluss, der über die Ufer tritt, nennen wir gewalttätig, das Flussbett, das ihn einengt, nicht. Und doch, neben aller Gewalt, die wir sehen mussten, neben unserer Hilflosigkeit, Unfähigkeit und Angst, die uns zu Kindern machte, gab es Momente von unglaublicher Schönheit. Ich hatte oft wirklich schreckliche Angst, und heute sind es immer noch brennende Schmerzen, wenn ich daran denke - und ich denke oft daran. Als Kind spürt man keine Schmerzen, als Kind hat man schreckliche Angst, die Schmerzen kommen mit dem Erwachsen-werden.

Im Nachhinein war der Abend am Nil, zusammen mit ein paar alten nubischen Männern, ein Augenblick, den man nicht vergessen will. Wie diese Männer so auf das Wasser sahen wie auf einen wegfliessenden Traum, wie sie erzählten, sie hätten früher manchmal Wesen aus dem Fluss steigen sehen, tanzende, feenartige Geschöpfe, jedoch mit den neuen Wasserpumpen seien diese Erscheinungen immer seltener geworden, nur manchmal an Winterabenden seien sie noch da, wenn die Männer ganz bei und für sich waren. Ein Ort, an dem ich hätte bleiben können und sterben wollen. Aber es war noch zu früh zum gehen. Wir taumelten durch das Land und fingen uns erst wieder in Tansania, wo das Reisen müheloser wurde. Wir trieben durch die Wildnis, freundeten uns in Dörfern und auf Kaffeeplantagen mit den Menschen an, verweilten und erholten uns. Nur zwischen der Frau und mir wurde es kälter und schwieriger; hatte uns die Not des Nordens noch verbunden, so wurde in der Freiheit des Südens die Bande gelöst. Es gibt nichts Entblössenderes als eine Reise zweier Verliebter. Die Entzauberung und Abrüstung des konstituierten Ichs unterliegt beim Reisen zu zweit einer viel schnelleren Erosion als in irgendeinem anderen Zustand. Die Frau, der ich zeigen wollte, wie man sich in der Welt bewegt, bewegte sich selbst - und dies wie eine geniale Tänzerin. Sie verliebte sich in einen tansanischen Musiker, der einen Zauber ausstrahlte, von dem auch ich gebannt war. Sie und ich, wir beide sehnten uns nach der Ferne. Vielleicht, weil sie das Andere repräsentiert, vielleicht, weil sie sich der Einverleibung verweigert. Darüber habe ich bei Krümpelmann gelesen, aber nun habe ich es selbst erlebt. Es ist so wie beschrieben: Die Fremde ist auch immer das eigene Fremde, das in der Fremde aus einem tiefen Schlaf erwacht. Für sie und mich ein erregender, erotisierender Prozess. Seit Menschengedenken hat der Reiz des Anderen die Männer um den Globus getrieben. Heute lassen sich auch Frauen davon verführen, manchmal verfallen sie der Erotik des Reisens ganz. Wie sonst könnten sie das Fremde besser einverleiben als durch die Beziehung zu einem Mann, der das andere verkörpert? Vielleicht sind Frauen mehr dazu angetan, mit der unbekannten Liebe zu verschmelzen und vielleicht machen Frauen ihre Grenzerfahrungen auf den Steilklippen der Seele, während Männer auf den Kilimanjaro steigen. Vielleicht.

Für mich war die Reise ein Verlust. Ich habe die Frau geliebt, und dies wurde mir erst im Moment der Trennung bewusst, so als würde man nur das wahrhaft lieben können, was man für immer verloren hat.

Anfangs war ich noch froh, endlich allein zu sein, keine Rücksicht mehr nehmen zu müssen, doch dann spürte ich diese Einsamkeit, die mich seither nie wieder losgelassen hat. Ich habe mir eingeredet, dass ein Schriftsteller wie Du Freiheit braucht, aber ein Reisender braucht vollkommene Freiheit, und dafür muss er, wenn er wirklich reist, mit Einsamkeit bezahlen. Meine Reise führte weiter nach Süden, eigentlich wollte ich nie wieder die Richtung wechseln, immer weiter in den Süden, doch schon an der Grenze zu Moçambique wurde ich überfallen und des wenigen beraubt, das mir noch geblieben war. Ich war schon zu einsam und zu stolz, um Hilfe zu suchen. Ich schlug mich bis Maputo durch, an Lastwagen oder an Dächer von Bussen geklammert. Das letzte Stück nahm mich ein portugiesischer Geschäftsmann mit, der mir auch etwas Geld gab. Maputo ist eine unglaublich lebendige Stadt. Ich beschloss, mir eine Arbeit zu suchen. Auf dem Dach eines Hochhauses, das ein Hotel war, liess man Feldbetten aufstellen, wo man unter freiem Himmel hoch über der Stadt und für wenig Geld schlafen konnte. Dort traf ich einen Angolaner, der temporär bei einer dänischen Hilfsorganisation arbeitete, die ihren Hauptsitz in Simbabwe hatte. Er nahm mich eines Morgens mit ins Büro von Humana People to People, und ich wurde zur Leiterin geführt. Sie war aus Hamburg und sagte, dass sie immer Bedarf an motivierten Leuten habe. Ich begann zu erzählen, was ich alles gemacht hatte, aber wir blieben gleich bei meiner Theatererfahrung hängen. Es gab ein Theaterprojekt mit obdachlosen Strassenkindern, die in ländlichen Gegenden aufgeführt wurden. Sie spielten kleine, witzige Stücke, die vom Latrinenbau, vom Tischbauen oder vom Benützen von Kondomen handelten. Eine solche Gruppe übernahm ich, für etwas zu Essen und ein Taschengeld. Das wenig überraschende war: ich lernte mehr von den Strassenkinder als sie von mir. Es war eine der spannendsten Aufgaben, die ich je übernommen hatte. Die Kinder waren alle mehr oder weniger narzisstisch. Ich passte da sehr gut dazu. Sie logen und betrogen, aber auf der anderen Seite hatten sie eine unglaubliche Phantasie, eine Verspieltheit, wie ich das noch nie erlebt hatte. Eigentlich hätte man denken können, alles sei konkret - die kleinen pädagogischen Stücke, die als verlängerter Arm der Aufklärungs- sprich: Gesundheitspolitik verstanden wurden, die Situation in den Dörfern, die Not der Kinder -, und doch war alles auch abstrakt, voller Symbolik und von einer unglaublichen seelischen Tiefe und Bewegtheit. Vieles verstand ich erst später, wie zum Beispiel die Antwort eines Jungen in meiner Theatergruppe auf meine Frage, was er einmal werden wolle. Kellner - ich konnte diese Antwort nicht verstehen. Eigentlich hatte ich so etwas wie Pilot oder Feuerwehrmann erwartet, aber Kellner? Später wurde es mir klarer, als ich an die lateinischen Wörter Mensa und Agape dachte. Sein Wunsch war es, am Tisch zu sein; der Tisch war der Ort der intakten Familie, einer Gemeinschaft. Da er ausgeschlossen war und keine Familie hatte, wollte er so dabei sein, als Kellner.

Unsere kleine Theatergruppe hatte Erfolg, und dies sprach sich im ganzen Land herum, auch in Maputo; wir wurden auch schon mal privat eingeladen und gaben Vorstellungen auf Partys der Reichen, ausserdem bekamen wir eine Einladung des Goethe Instituts in Südafrika. Dort freundete ich mich mit dem Leiter des Instituts an. Er besuchte uns später in Maputo und unterstützte die Gruppe. In der Grenzregion zu Sambia kam es zu einem tragischen Vorfall, der schliesslich die Gruppe der Strassenkinder sprengte.

Genau in diese Zeit fiel das Angebot meines neuen Freundes. Er lud mich ein, mit ihm nach Hong Kong zu gehen, wo er als Direktor das dortige Goethe Institut leiten sollte. Er wollte, dass ich die Kulturabteilung übernehme und etwas unkonventionellere Ideen mit hineinbringe. Der Abschied von diesem Kontinent fiel mir schwer, musste ich doch alles zurücklassen,

, nachdem er mir alles genommen hat. Ich liess auch die Liebe zurück und unsere Frau, die ich nicht vergessen konnte, täglich stieg sie mir in die Gedanken, die aus Sehnsucht gewoben waren. Übrigens noch heute ist das so, kein Tag ohne einen Gedankenflug zu ihr. Ich wählte den Seeweg, den Weg des Vasco da Gama. Nach Indien fuhr ich mit einem Frachter als halbblinder Passagier, noch mal an meinem Kontinent entlang bis Mombasa und dann querab über den indischen Ozean nach Goa, von dort weiter nach Macau zur letzten Überfahrt nach Hong Kong. Soweit die Geschichte, die der Nacht auf der Gmüsbrugg folgte.

Du hattest recht, damals, die Zeit des Reisens ist vorbei. Man verliert sich nicht, man findet sich nicht so und man befreit sich auch nicht so. Vielleicht. Das wollte ich Dir schon lange schreiben, aber da ich Dich nicht mehr finde, bleib ich damit allein. Du siehst, dies ist auch ein Abschied. Ich werde nicht zurückkommen. Natürlich würde ich gerne nach Hause kommen, aber nach Hause kommen, wo ich noch nie war, so wie es der syrische Gnostiker es einmal formulierte. Oft denke ich an die warmen Sommerabende zurück, an denen wir am Fluss sassen, in diesem Licht und Luftbad an der Limmat, bei Cool Jazz in Gespräche verstrickt. Später haben wir etwas von diesen weichen weissen Stoff zu uns genommen, eine halbe Tablette dazu, dass wir auch die Reise durch die Nacht in der Dachkantine ausstanden, um uns dann an späten Sonntagnachmittagen, beim Kaffee gegen die beklommene Welt des Sonntagabend zu stemmen. Doch dahin geht für mich kein Weg mehr zurück. Vielleicht noch eine Station weiter, noch eine Tankstelle, ein Rastplatz. Vielleicht. Vielleicht Manila, dort noch am Grab des Mephisto stehen, an Dich denkend. Vielleicht Manila. Vielleicht.

Mittlerweile bin ich in meinem Flat, für den Begriff Wohnung ist sie zu klein. Sie liegt auf dem 23. Stock an der Caine Road in den Midlevels auf Hong Kong Island. Vor dem Fenster ein Kaleidoskop aus Licht und Farben, am Horizont im schwarzen Nichts liegen die New Territories und das Mainland. Aus dem Hafen fährt ein riesiger Ozeandampfer, wie jeden Abend. Es ist das Schiff der Spieler. Weil Glückspiele, ausser Pferdewetten, in Hong Kong verboten sind, fährt ein Schiff mit vielen Spielhöllen im Bauch auf das offene Meer hinaus und kehrt verloren und leise gegen Mittag in den Hafen zurück.

Mir fällt gerade noch eine Erinnerung aus dem Gedächtnis, gerade richtig um den Brief zu enden. In den Jahren, wo wir nach Montreux zum Jazzfestival gefahren sind, sassen wir einmal in unseren Lieblingsbar, wo auch all die Musiker waren und da sass jemand, der uns völlig fasziniert hatte. Ein alter Mann über Siebzig, ganz hager, mit grauen Haaren, die aber wie in der Rock?n Roll Zeit nach oben gestellt waren, das Gesicht war aus markanten Knochen. Er trug verwaschene Jeans, die dünnen Beine wie bei einem Mädchen cool übereinander gelegt, im Rhythmus baumelnd und ein weisses, viel zu grosses T-Shirt. Er sah eigentlich aus wie Beckett kurz bevor er starb. Auf seinen Tisch lag eine Packung Sweet Afton, er rauchte unentwegt. Wir beobachteten ihn fasziniert und überlegten uns, aus welcher Geschichte er gestiegen war. Wir sahen auf seinem weissen T-Shirt, vorne, einen grossen blau-grünen Planeten, sogar mit Wolkenfeldern abgebildet, aber konnten darin nicht so recht die Erde erkennen. Irgendein Spruch stand darunter, aber wir konnten ihn nicht lesen. Irgendwann stand er auf und ging zur Bar, direkt an uns vorbei und wir lasen erstaunt: It?s hard to find a good planet!

Unten rechts an meinem Bildschirm steht: Unknown Zone, ein kleiner Globus nebenan, auch dieser gleicht der Erde nicht.

In diesem Sinne, aus nicht zu bestimmender Ferne und Fremde.

Dein Alex