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Muränen von Nadja Schiller

Text des Monats Juli 2007 (Thema: Reiseberichte)

Autor/in:

Am Morgen höre ich das Singen der Vögel. Maren sagte, es seien immer nur die Männchen, die singen. Halbherzig stehe ich auf. In der Küche mache ich mich daran, die Reste des eingetrockneten Reises von den Tellern zu kratzen. Ich lasse sie stehen, drehe den Wasserhahn auf und sehe zu, wie sich die Kruste langsam löst; dann koche ich Kaffee. Es ist der zweite Morgen ohne sie. Noch im Pyjama trete ich in den Garten hinaus. Der graue Himmel verschwimmt übergangslos mit der Meeresoberfläche. Unmöglich zu sagen, was wo aufhört oder anfängt. Ich halte den heissen Becher und trinke, den Blick immer noch auf den Horizont gerichtet. Auf dem Rückweg öffne ich den Briefkasten, obwohl ich weiss, dass es für Post noch zu früh ist. Das Haus ist still. Ich beschliesse, der Schlangengeschichte auf den Grund zu gehen. Oder war es doch eine Muräne? Warum haben wir nichts bemerkt? Warum lassen die einen einfach ohne Warnung im Meer schwimmen? Im Bücherregal steht ein Band über die einheimische Tier- und Pflanzenwelt. Nebst ein paar zerlesenen englischsprachigen Romanen ist es eines der Bücher, die schon da waren, als ich hier ankam.

Muränen, teils außerordentliche Exemplare, sieht man v.a. Ende August bis Anfang September ungewöhnlicherweise auch tagsüber in freiem Wasser dahinschlängeln, dies ist vermutlich ihre Laichzeit.

Der möblierte Bungalow gehört der UNO. Sie stellt ihn ihren Mitarbeitern zur Verfügung, wenn diese mit ihren Angehörigen aus der Heimat Urlaub machen wollen. Bin ich im Dienst, wohne ich in Khartum, in einer Wohnung im Zentrum der Stadt. Ursprünglich wurde ich hierher geschickt, um die Grenzen zu beobachten. Das war vor eineinhalb Jahren. Der Sudan ist riesig und die möglichen Konfliktherde unüberschaubar. Meistens werde ich in den Norden abkommandiert. Zusammen mit zwei bis drei anderen Observern fahre ich tagelang durch die Wüste oder durch unzugängliches Gebirge. Es kommt selten zu Zwischenfällen. Das hellblaue UNO-Fähnchen auf dem Dach des weissen Offroaders ist weithin sichtbar. Zurück in der Hauptstadt schreibe ich meinen Bericht.

Muränen verbergen sich in den Riffspalten und lauern dort ihren Beutetieren auf. Diese erspüren sie vor allem mit ihrem Geruchssinn. Muränen selbst haben nur wenige Feinde zu fürchten.

Es war vor fünf Tagen, als ich Maren vom Flughafen abholte. Ich bin erstaunt über das geringe Gepäck, das sie mit sich führt. «Ich brauche nur wenig», sagt sie. Ich habe vergessen, wie zart ihr Körper ist. Wenn ich ihr schrieb, sah ich ihr Gesicht vor mir, wie jetzt mit diesen dunklen Frageaugen und der Andeutung eines Lächelns. Es dauert einen Moment, bis ich realisiere, dass sie wirklich vor mir steht. Sie hat mein Zögern bemerkt, streicht mir übers Haar und lässt ihre Hand in meinem Nacken liegen, dann küsst sie mich. Ganz kurz spüre ich ihre Zungenspitze zwischen den Lippen. Ich will diesen Kuss erwidern, sie an mich ziehen, aber da entwindet sie sich meiner Umarmung, flüstert: «Warte!», und geht zum Taxistand voraus, als ob sie es wäre, die sich hier auskennt.

Maren macht es mir leicht. Ich verrate ihr nicht, dass ich schon im Bungalow war. Ich wollte sicher sein, dass alles in Ordnung ist, wenn sie kommt. Sie schaut sich kaum um, streckt sich auf dem abgewetzten Sofa aus und seufzt: «Meine Güte, ist das schön hier.» Ihre Anwesenheit lässt keine Schwere zu.

Um die schuppenlose Haut der Muräne vor den Berührungen mit dem scharfkantigen Riff zu schützen, bilden die Drüsen ein schleimiges Sekret, das sich als schützende Schicht über den Körper legt. Dieses Sekret ist bei manchen Arten giftig, ebenso das Blut.

Deshalb fehlten bei Maren Anzeichen eines Bisses oder Stiches. Nur flammendes Rot zog sich über ihren Rücken, auf den ich zur Kühlung Salbe aus essigsaurer Tonerde strich. Was hätte ich tun können?

Ich muss an den Strand, dorthin, wo es passierte. Vorgestern. Mir kommt es vor wie eine Ewigkeit. Ich klettere auf einen Felsen und versuche etwas zu erkennen. Ich bin allein. Das Meer ist unruhig. Unablässig bilden sich kleine Schaumkronen zwischen schwarzgrünen Tälern. Schlieren unter Wasser. Sind das die Muränen? Oder nur Algen? Maren hat mir erklärt, das Rote Meer hätte seinen Namen von den Algen, deren Blütenteppiche an der Wasseroberfläche rötlich-orange leuchteten. Jetzt stehe ich bis zur Brust im Wasser. Wo bist du! Warum versteckst du dich? Ich schlage wie wild aufs Wasser, drehe mich um mich selbst, bis mir schwindlig wird. Ich verliere das Gleichgewicht, tauche für einen Moment unter, schlucke Wasser. Prustend komme ich an die Luft und höre, wie sich meiner Kehle ein langer Schrei entwindet. Die Kälte bringt mich zurück. Bis ich das Ufer erreiche, falle ich noch einige Male der Länge nach hin, rapple mich wieder auf und sinke erschöpft auf eine kleine Sandfläche zwischen den Felsen.

Bei den Geistermuränen ist bekannt, dass sie ihr Leben als Männchen beginnen und sich später in Weibchen verwandeln.

Die Stimmung im Offroader ist konzentriert, wir fahren im Schritttempo, vor uns, mit dem Wagen verbunden rollt in einigem Abstand die Walze des Minenräumers. Ich sitze am Steuer und blicke starr geradeaus. Das Lebensgefährliche an diesem Job hatte mich damals gereizt. Ich dachte, es würde mich lebendig machen, aber das Gegenteil ist der Fall. Das Ende, wie schnell habe ich mich an diesen Gedanken gewöhnt.

Ich sitze neben Maren auf einem Wellenbrecher. In unregelmässigem Rhythmus füllen sich die Spalten zwischen den Steinen mit Meerwasser, das, wenn es zurückweicht, die scharfkantigen Muschelkolonien schwarz glänzen lässt. «Was denkst du?», fragt Maren. «Wie schön es mit dir ist», antworte ich. Sie lächelt und lehnt ihren Kopf an meine Schulter. Wir sprechen wenig, die Gegenwart unserer Körper genügt. Ich warte, frage nichts. «Ich würde morgen gerne schwimmen, geht das?» - «Warum nicht?». Auf dem Weg zum Bungalow geht Maren ein paar Schritte vor mir, den Kopf leicht gesenkt. Ich kann spüren, wie sie denkt. Ein, zwei Mal dreht sie sich zu mir um, sucht meinen Blick, verzieht das Gesicht zu einem kurzen Lächeln, wie um zu zeigen, dass sie noch da ist.

Jetzt ist sie weg. Ich sitze in meinem Appartment in Khartum vor dem Fernseher. Ein amerikanischer Spielfilm, die Bilder laufen ohne Ton.

An jenem Abend vor dem Zwischenfall mit den Muränen liegen Maren und ich eng aneinander geschmiegt auf dem Sofa. Ich habe Angst, dass sie herunterfällt und mache ihr soviel Platz wie möglich, aber mein Bauch ist im Weg. Sie schaut in mein Gesicht, unsere Augen finden sich, Maren hält den Blick aus, ohne gleich, wie ich, zu lächeln. Sie streicht langsam mit dem Daumen über meine Augenbraue. Leise spricht sie meinen Namen aus. Dann schliesst sie die Augen und küsst mich so, als wollte mir ihre Zunge etwas erklären. Da war nichts Verzweifeltes in ihrer Umarmung. Mühelos finden wir zueinander. Später liegt sie auf dem Rücken und zündet eine Zigarette an. Ich schaue ihr zu, bin froh, dass ich es noch weiss: Wenn Maren raucht, soll ich sie in Ruhe lassen. Ich küsse trotzdem ihren Bauch, und sie stösst mich weg. Es ist das einzige Spiel, das wir spielen.

Als ich an diesem Morgen auf dem Bettrand sass und mit den Füssen nach meinen Latschen angelte, streckte Maren ihren Arm nach mir aus und liess ihn, da sie mich nicht erreichte, auf der Matratze liegen. Den Kopf abgewendet flüsterte sie ins Kissen: «Bleib' noch.» Ich drückte kurz ihre Hand, drehte mich im Aufstehen zu ihr um und sagte: «Ich koch' uns mal Kaffee.»