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Raum Nr. 7 von Andreas Gruber

Text des Monats Juni 2010 (Thema: Im Jahr 2050)

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Raum Nr. 7



Es klopfte an August Benders Tür. Die Sekretärin des Dezernats hatte ihm den Besuch des Kripobeamten angekündigt. Der Mann kam eine halbe Stunde zu früh. Seine Silhouette füllte die Milchglastür aus, auf deren Scheibe ein spiegelverkehrtes MR stand. Der Kerl war übergewich-tig, trug Anzug und Hut mit breiter Krempe. Alle Beamten im Außendienst trugen solche Hüte. Sogar Benders Schwester hatte mal einen passenden zu ihrem Damenanzug gehabt.
Bender blickte auf die Uhr. Die Mittagspause konnte er vergessen. Er legte das Buch beiseite. «Herein!»
Der Ermittler trat ein. Die Dienstmarke des MPD hing an seinem Gürtel, halb verdeckt von seinem Schmerbauch. Im Holster steckte eine Zucak. Bender sah, dass sie nicht gesichert war. Er hasste es, wenn Typen vom Manhattan Police Department mit scharfen Waffen im Bürogebäude herumspazierten.
«Sie wissen, weshalb ich hier bin?» Durch das Doppelkinn des Beamten klang die Stimme wie ein Gurgeln.
Bender nickte. «Ihre Chefin hat vorhin angerufen.»
Der Mann strich sich über den Stoppelbart am Kinn, sagte aber nichts. Bender kannte den Kerl, doch im Moment wusste er nicht woher. Kovalski stand auf der Dienstmarke. Der Name löste keine Erinnerung bei Bender aus.
Dann fingerte Special Agent Kovalski eine Plastikfolie aus der Tasche, in der sich das Memoface befand, und legte sie auf Benders Schreibtisch. «Das sind die Erinnerungen der Unbekannten. Mehr haben wir nicht.»
Natürlich. Es war immer das Gleiche. Bender nahm die Hülle und drehte sie zwischen den Fingern. Blut klebte an der Kunststoffbuchse des Memoface.
«Wir mussten es gewaltsam entfernen, aber es ist intakt», erklärte der Beamte.
«Das sehe ich.»
Der Kerl hob die Augenbrauen. «Dass es intakt ist?»
«Dass Sie es gewaltsam entfernt haben», korrigierte Bender den Kerl im Anzug.
«Die Spurensicherung war schon dran. Sie können damit arbeiten.»
«Haben Sie schon einen Blick drauf geworfen?» Bender schmunzelte. Diesen Gag mochte er am liebsten.
Der Gesichtsausdruck des Mannes wurde düster. «Ihr Typen von der Memory-Reconstruction seid doch alle gleich witzig!»
Nicht jeder konnte ein fremdes Memoface lesen. Die Nebenwirkungen konnten einen in den Wahnsinn treiben.
«Passen Sie bloß auf, dass es Ihnen nicht so wie Ihrer Schwester geht», murrte Kovalski.
Seine Schwester! Vielen Dank! Musste er ihn daran erinnern? Plötzlich wusste Bender, woher er den Kerl kannte. Kovalski war mal mit seiner Schwester auf Streife gewe-sen. Doch das war bestimmt schon einige Jahre her. Damals hatte Kovalski noch ein paar Pfund weniger auf die Waage gebracht.
«Danke, ich passe auf mich auf», antwortete Bender. Das hatte seine Schwester damals auch behauptet. Aber das hatte nichts genützt. Sie war dem Job nicht gewach-sen gewesen. Er nahm das Memoface aus der Plastikfolie und säuberte die blutverkrustete Stelle mit einem Feuchttuch.
«Ist sie unten?»
Der Ermittler nickte. «In Raum Nummer sieben. Dort ist sie gut aufgehoben.»
«Okay, ich gehe später runter. Zuerst sehe ich mir die Daten an.»
«Wie Sie wollen. Sagen Sie uns sofort Bescheid, sobald Sie rausgefunden haben, wer sie ist und was sie angerichtet hat.»
«Nein, ich werde wie üblich eine Woche warten.»
Der Mann starrte ihn zunächst mit verengten Augen an, dann schmunzelte er schief. «Witzig!»
«Okay, ich habe zu tun», sagte Bender ernst.
Der Mann verließ das Büro ohne weiteren Kommentar. Nachdem die Tür wieder geschlossen war, steckte sich Bender das Memoface in die zusätzliche freie Arbeitsbuchse in seinem Nacken, legte die Beine auf den Schreibtisch und schloss die Augen. Der Empfang war gut. Die Gedanken der Frau erklangen mit einer rauen Stimme in Benders Kopf. Schlagartig befand er sich in einer Art Hotelzimmer. Draußen war es dunkel.

«Absolute Leere. Das sind die ersten Gedanken, die ich auf mein Memoface speichere. Ich bin erst seit wenigen Minuten wach, sitze auf einer zerschlissenen Matratze und starre auf meine Kleider – zumindest das, was von ihnen übrig geblieben ist. Das Hemd hängt zerrissen an meinem Körper herunter, ebenso die Hose. Meine nackten Füße stecken in fleckigen Schuhen. Vermutlich habe ich so im Bett gelegen. Das Mobiliar des Zimmers ist schäbig. Offensichtlich bin ich in einer billigen Absteige gelandet.
Bin komplett verspannt, fühle mich wie gerädert. Bei der kleinsten Bewegung knacken meine Rückenwirbel, als wären sie mir einzeln zertrümmert worden. Möglicherweise ist sogar eine Rippe angeknackst. Meine Hände zittern. Wie lange starre ich bereits auf die blutverschmierten Finger? Es kommt mir wie eine Ewigkeit vor. Blut klebt unter den Nägeln. Sie gehören schon längst geschnitten. Warum habe ich das nicht getan? Die Blutspritzer reichen sogar bis zu den Oberarmen. Sie sind auch auf meiner Brust, vermutlich sogar im Gesicht. Angst schnürt meine Kehle zu ... Angst, einen Blick durch den Türspalt ins Badezimmer zu werfen. Was würde ich in der Wanne oder auf dem Fliesenboden finden?
Endlich reiße ich mich von dem Anblick los. Ich gehe zum Fenster. Die Häuserschlucht ist eng. Wahrscheinlich befinde ich mich im zweiten oder dritten Stock eines Motels. Ein neuer Morgen bricht an. Die Sonne, vom Smog getrübt, schiebt sich langsam über die Dächer. Von der Straße dröhnt Verkehrslärm ins Zimmer. Die Lampe auf dem Nachttisch brennt. Ich kann mich nicht erinnern, sie eingeschaltet zu haben. In ihrem matten Schein sehe ich im schmierigen Fensterglas eine Frau mitten im Raum stehen. Mit kurzen Haaren – Stoppelfrisur – und zerrissenen, blutverschmierten Kleidern …»

August Benders Mobiltelefon vibrierte in seiner Tasche. Er hielt einen Moment inne und öffnete die Augen. Wie immer schien sich der Raum für einige Sekunden um ihn zu drehen, wenn er in die Realität zurückkehrte. Er hatte einen galligen Geschmack im Mund. Tief durchatmen – das half. Dann wischte er sich den Schweiß von der Stirn. Das Vibrieren hörte auf. Egal – er würde bei nächster Gelegenheit zurückrufen.
Die Frau war um die dreißig, vielleicht fünfunddreißig. Sie hatte einen schlanken, trainierten Körper – und so viel konnte er schon jetzt sagen: Er kannte die Frau nicht. Allerdings blockierte das System eine Spiegelung ihrer Gesichtszüge, um einen schizophrenen Schub in seinen Sy-napsen zu verhindern. Aber er würde sie später ohnehin im Raum Nr. 7 sehen.
Bender übersprang den nächsten Teil und stieg einige Minuten später wieder ein.

«Ich stehe vor dem Waschbecken, umklammere die rostigen Armaturen und starre auf das gebrochene Email, das mit spinnennetzartigen Rissen überzogen ist. Ich betrachte das schwarze, verkrustete Blut an meinen Händen, die rauen Fingerkuppen, die Adern auf dem Handrücken. Dann hebe ich den Kopf und starre in zwei rauchgraue Pupillen, die sich rasch im Licht der Deckenlampe verengen. Eine fremde Frau blickt mir aus dem Spiegel entgegen. Wir starren uns an. Die Fremde und ich. Keine von uns zwinkert mit den Augen. Es ist wie Selbsthypnose. Wer hält es länger aus? Eine knappe Bewegung und ein Stich in den Rippen reißt mich aus meiner Apathie. Wer zum Teufel bist du? Danach das Bersten von Glas als ich mit der Stirn gegen den Spiegel schmettere.»

Bender zuckte zusammen. Er konnte den Schmerz beinahe körperlich fühlen. Das Adrenalin pumpte durch sei-nen Körper und beschleunigte seinen Herzschlag. Es war immer wieder erstaunlich, was die Vorstellungskraft bewirken konnte.
Kovalski hatte Recht. Er durfte es nicht übertreiben. Seit vor etwa fünfzehn Jahren der gewaltig ansteigende Elektrosmog die Großhirnrinde des Menschen angegriffen hatte, standen unerklärliche Gedächtnisverluste an der Tagesordnung. Das Memoface half einerseits Erinnerungen sicher abzuspeichern; andererseits konnte man das menschliche Gehirn zu mehr als nur zu lächerlichen drei Prozent nutzen. Doch es gab nur wenige, die dem emotio-nalen Stress Stand hielten, in die strukturierte Gedankenwelt eines anderen einzudringen, ohne dabei verrückt zu werden. Die Systemblockade, die die Anzeige der Ge-sichtsspiegelung verhinderte, half dabei. Manche verzichteten darauf – wie seine Schwester – aber das hatte fatale Folgen.
Bender schloss die Augen und konzentrierte sich wieder auf die Gedanken der Frau.

«Nachdem ich das Zimmer durchwühlt habe, weiß ich genauso wenig wie vorher. Keine ID-Disc, Pincodes, Unity-Chips, keine persönlichen Aufzeichnungen auf meinem Memoface; selbst der Zwischenspeicher zum Netz ist leer, und an meiner Hand befindet sich nicht einmal ein Ring mit irgendeiner banalen Gravur. Nur die Waffe, die neben dem Spülkasten der Toilette auf einem Handtuch liegt. Eine Zucak 37. Innerhalb der letzten vierundzwanzig Stunden wurde dreimal daraus gefeuert. Woher ich das weiß? Vermutlich kenne ich mich mit solchen Dingen aus. Ich selbst bin unverletzt. Möglicherweise stecken die drei Projektile jetzt in dem Kerl, der mich so zugerichtet hat.
Ich reiße mir das Sweatshirt, die Hose und den Slip vom Leib und lasse sie mitsamt den blutbefleckten Schuhen im Mülltank verschwinden. Von der Zucak wische ich meine Fingerabdrücke und werfe sie in das Handtuch gewickelt hinterher. Danach dusche ich. Das heiße Wasser tut gut. Ich wasche mir das Blut vom Körper, schneide meine Fingernägel und schlüpfe in einen Wollpullover und eine graue Hose, die ich zuvor in der Kommode gefunden habe. Die Kleider gehören bestimmt nicht mir. Dennoch passen sie – ebenso wie die eleganten, schwarzen Schuhe.
Ich zittere immer noch am ganzen Leib. Es wird Zeit aus dem Motel auszuchecken. Ich verlasse das Zimmer durchs Fenster und klettere über die Feuerleiter in die en-ge Seitengasse. Es riecht nach Soja und Fett, und der schwüle Nieselregen lässt den Pullover nach kurzer Zeit schwer an meinem Körper kleben. Auf der Straße blicke ich hoch. Die Stadt scheint in einer Kuppel aus grauem Beton eingeschlossen zu sein. Die Sonne hat sich hinter Smogwolken versteckt, ähnlich meiner Erinnerung. Ich stolpere auf die Hauptstraße. Am Straßenschild der Wallstreet erkenne ich, dass ich mich im südlichen Teil von Manhattan befinde. Solche Dinge weiß ich, doch sonst kann ich mich an nichts erinnern. Ich weiß noch nicht einmal meinen Namen oder woher ich komme, doch ich kenne die Stadt – vermutlich wie meine Westentasche.
Ich irre einige Stunden durch die Straßen und lasse mich von den Menschen wie eine Marionette durch den Morgenverkehr drängen. Meine Blicke saugen sich an den riesigen Werbedisplays der Hochhäuser fest, die den Nieselregen in grellen Farben glitzern lassen. Regenbögen, direkt unter der bleigrauen Smogwolke. Eine Kuriosität, die es nur in New York gibt. Zudem liegt eine Mischung aus Abgasen und Küchengerüchen in der Luft. Die knisternde Elektrizität der vorbei gleitenden Tanks juckt wie eine Ameisenkolonne auf den Unterarmen. Mein Blick irrt an den Läden, U-Bahn-Abgängen, Wohnblocks und Bürogebäuden vorbei und wird von dem Reiz Tausender Gesichter überflutet, die jede Minute meinen Weg kreuzen. Außerhalb der Stadt liegen die Maschinenfabriken. Ja, daran erinnere ich mich. Dort werden die Androiden erzeugt. Aber sämtliche persönlichen Erlebnisse sind weggewischt – wie Pfützen auf dem Bartresen mit einem Tuch. Warum kommt mir ausgerechnet dieser Vergleich in den Sinn? Bin ich eine Kellnerin? Arbeite ich in einem Restaurant?
Jemand rempelt mich von hinten an, ich drehe mich um und werde sofort weitergedrängt. Meine Ohren sind schon fast taub von dem Hämmern der Straßenmaschinen, dem Gebrüll aus den Megaphonen und den blechernen Stimmen der Androiden, die mir etwas verkaufen oder einfach nur den Weg sagen wollen. Mein Memoface füllt sich viel zu schnell mit neuen Daten. Ich bekomme Kopfschmerzen ... aber meine Erinnerung kehrt nicht zurück. Sie besteht nur aus wenigen Stunden. Ich weiß nicht einmal, wie ich in das Hotelzimmer gekommen bin, und selbst der Körper, in dem ich mich befinde, erscheint mir fremd. Ein Gefühl der Ohnmacht, das mich fast wahnsinnig werden lässt.
Ich zermartere mir das Hirn, doch alles ist weg, als wäre es niemals vorhanden gewesen. Wenn ich wenigstens Wunden am Körper tragen würde, die mir einiges erklären könnten ... und schlagartig wird mir übel. Mein Magen rebelliert, verkrampft sich und möchte sich umstülpen. Magensäure steigt hoch und breitet sich in meinem Mund aus.»

August Bender riss sich das Memoface aus der Buchse. Scheiße! Ihn würgte. Diese bemitleidenswerte Frau war ganz schön am Ende. Bender nahm ein Glas Wasser vom Schreibtisch, trank und spülte den galligen Geschmack aus seinem Mund. Wieder übersprang er einen Teil und stieg wenige Minuten später wieder ein. Auf der Speicherkarte waren nur noch knapp dreißig Minuten.

«Ich bleibe an einem Medienkanal stehen, dränge mich in eine freie Nische, wische mir den nach Blei schmeckenden Nieselregen aus dem Gesicht und atme tief durch. Ich bin nicht einmal erstaunt, als ich mich mit einigen zielsicheren Handgriffen ins Netz kopple und mir die Übersicht auf meinen Zwischenspeicher lade. Wo soll ich zu suchen beginnen? Instinktiv entscheide ich mich für die New York Times von gestern – 25. November 2050 – und wähle mich durch die Archive. Neuer Impfstoff gegen Klerc auf dem Markt, die siebte Generation der Interfacespiele für Jugendliche wird verboten, Massenhysterie rund um die Konzernfusion von US-Blackwood und Shokuzén, Computervirus ist Schuld am Umsatzeinbruch der Dóku-Nichi-Konzerngruppe ... und plötzlich kribbelt es mir heiß und kalt über die Kopfhaut. Endlich habe ich gefunden, wonach ich gesucht habe. Die unscheinbare Meldung lässt meinen Magen auf die Größe eines Kieselsteins zusammenschrumpfen, der schwer in meinen Eingeweiden liegt. Mehr möchte ich gar nicht wissen. Ich kopiere den Artikel auf mein Memoface und kopple mich ab. Die Zeit war zu kurz, um mich orten zu können. Ich lasse mich aus der Nische wieder in den Menschenstrom fallen und treibe mit. Nebenbei lese ich den Bericht. Darin finde ich einen Namen. Nishiki! Das Hologramm ist nicht animiert, doch die bewegungslosen, feinen Gesichtszüge des Mädchens verraten mehr, als jeder animierte Clip zustande gebracht hätte. Was für ein bezauberndes Kind. Der Blick seiner strahlenden, mandelförmigen Augen wärmt mein Herz – zugleich zerreißt er meine Seele.»

Bender hielt inne und stoppte die Wiedergabe mit einem kurzen Gedankenbefehl. Das Bild des schwarzhaarigen, etwa zehnjährigen niedlichen Mädchens hing wie festgefroren in seinem Augenwinkel. Diesmal blockierte das System die Gesichtszüge nicht, da von ihnen keine Gefahr für seine Psyche ausging. Die Kleine war hübsch, aber er kannte sie nicht. Vielleicht war sie die erste brauchbare Spur.
Bender nahm die Füße vom Tisch, beugte sich nach vorne und betätigte eine Taste auf dem Lautsprecher seines Schreibtisches.
«Ja?», knisterte eine weibliche Stimme durch die Membran.
«Bringen Sie mir ein Exemplar der New York Times vom 25. November in mein Büro … und die Ausgaben von gestern und heute», fügte er rasch hinzu.
«Ja, Sir, aber es kann eine Weile dauern.»
«Klar, aber beeilen Sie sich.»
Er wartete die Antwort nicht ab, löste die festgeforene Erinnerung und stieg einige Minuten später wieder in die Aufzeichnung des Memoface ein.

«Ich bleibe am Rand des Förderbandes stehen, schließe die Augen und werfe den Kopf in den Nacken. Ich starre nach oben, zu den Spitzen der Wolkenkratzer. Trotzdem laufen mir Tränen über die Wangen. Ein weiterer Name taucht vor mir auf. Lío! Ich sehe das Bild eines weiteren Mädchens vor mir, diesmal mit blonden Zöpfen und kaum älter als drei Jahre. Vergeblich warte ich darauf, dass die Synapsen in meinem Hirn endlich Klick machen und ein Schwall von Erinnerungen über mich hereinbricht. Doch alle Leitungen sind tot.
Ich vergrabe mein Gesicht in Hände, an denen vor wenigen Stunden noch das Blut dreier Menschen geklebt hat. Ich will die Datei schließen, damit ich die Gesichter nicht länger sehen muss, doch mein Wille ist wie vom Gift einer Droge gelähmt. Sam! Das Hologramm des Mannes, zieht meinen Magen erneut zur Größe eines Steins zusammen. Blondes Haar, stoppelbärtiges Kinn und strahlend blaue Augen. Er sah so glücklich aus, wie ein Lausbub, mit sei-nen Sommersprossen und dem spitzbübischen Lächeln. Warum nur? Die Frage brennt wie eine heimtückische Säure in mir und breitet sich langsam in meinem Kopf aus. Ich öffne die Augen und die Welt um mich verschwindet mehr und mehr. Tränen fallen von meinem Kinn und zerfließen im Nass des Pullovers; wie meine Erinnerung. Hätte ich doch nur eine Sekunde gezögert und nicht den Abzug betätigt. Schuldgefühle brennen sich durch meine Venen, meine Brust, meinen Magen. Mich würgt erneut. An einer der nächsten Infusionssäulen werde ich mich ankoppeln müssen, um zumindest die Minimumreserve meiner Nährstoffe aufzufüllen.
Während ich mir die Tränen aus dem Gesicht wische, höre ich das magnetische Surren eines Polizeitanks. Er kommt näher, hält hinter mir. Mein Körper versteift sich. Mein Blick bleibt unten. Merkwürdig, denke ich. Auch an diese Dinge kann ich mich erinnern ... vielleicht sind es nur Instinkte, die sich tief in mein Unterbewusstsein gegraben haben. Ich schiele zur Spiegelung auf dem Blech eines Abfallbehälters. Der Tank schwebt näher an den Straßenrand. Die Scanner fahren wie metallene Spinnen-beine aus den Klappen. Meine Hände ballen sich zu Fäusten, obwohl ich weiß, dass es nichts nützt. Spurenelemente von verkrustetem Blut haften nach wie vor unter mei-nen Fingernägeln und in den Poren meiner Handrücken. Das Raster hat bereits meine Schuhe erfasst.
Ich schließe die Datei. Ein letztes Mal flackert die Überschrift vor meinem inneren Auge auf, ehe sie erlischt. Das Blut pocht in meinen Schläfen, und mein Puls schwillt zu einem Stakkato. Ich spüre das elektrische Knistern des Rasters über den Stoff meiner Hose hinaufwandern. Noch einmal blitzt die Headline durch meine Gedanken. Zum Glück können die Scanner keine Gedanken lesen – noch nicht! Frau eliminiert ihre Familie mit einer Zucak37.
Ich warte noch etwas, dann stoße ich mich von dem Förderband ab und dränge mich an den Menschen vorbei – nicht zu schnell, unauffällig und im gleichen Rhythmus, in dem sich der Menschenstrom bewegt. Der Scanner surrt hinter meinem Rücken, und für einen Augenblick überlege ich, ob ich mich umdrehen und von dem Polizeitank scan-nen lassen soll. Dann hätte ich es hinter mich gebracht. Ich müsste mich in einer der Kammern in Philadelphia einer lebenslangen Aggressionstherapie für ein Verbrechen unterziehen, an das ich mich nicht einmal erinnern kann. Das ist aber zweifelsohne begangen habe. Ich drehe mich nicht um, lasse den Scanner hinter mir und spüre die brennenden und neugierigen Blicke der Menschen, die mich verfolgen ... zumindest glaube ich das. Schließlich laufe ich immer schneller die Straße entlang. Vorbei an unendlich vielen Medienkanälen und Infusionssäulen, wo mir Androiden und Menschenmengen den Weg versperren, mich anpöbeln, als ich sie unabsichtlich remple, und mir hinterher rufen.
An einer Ecke pralle ich gegen einen Jungen, der eine Waffe hochreißt und mich in eine Seitengasse drängt. Er brüllt mich an, nennt mich eine verdammte Schlampe und drückt mir immer wieder den Lauf der Waffe auf die Brust. Der Abzug ist gespannt. Sie ist kein Replikat. Ein echtes Modell, mit scharfer Munition. Er will meinen Pincode wissen. Aber ich versuche ihm zu erklären, dass ich mich nicht einmal an meinen Provider erinnere, und dann schlägt er mir mit der Waffe ins Gesicht ...»

Bender zuckte erneut zusammen. Und wieder spürte er den Schmerz, als hätte er den Schlag selbst erhalten. Für einen Moment glaubte er, Blut auf der aufgeplatzten Lippe zu schmecken. Er tastete mit den Fingern über seinen Mund, um sich davon zu überzeugen, dass alles in Ordnung war.
Dieser verdammte Kovalski hatte ihm einen Floh ins Ohr gesetzt. Wieder musste er an seine Schwester denken. Sie hätte nie vom Außendienst in die Abteilung für Memory-Reconstruction wechseln dürfen. Sie war der Auf-gabe nicht gewachsen gewesen, hatte sich zu sehr mit dem Fremddaten identifiziert. Vor einem halben Jahr wurde sie vom Dienst suspendiert und seither in einer Psychiatrie in der Bronx behandelt. Die Ärzte bekamen Julias Geisteszustand vermutlich nie mehr wieder hin.
Bender brauchte Distanz, um nicht ebenfalls verrückt zu werden. Er ersparte sich den Kampf mit dem Jungen und sprang zu den letzten vier Minuten der Aufzeichnung.

«Ich sitze im Keller eines verlassenen Hauses, mit dem Rücken an der feuchten, schäbigen Wand. Es riecht nach Hundepisse und Rattenkot. Oder ist es Hundekot und Rattenpisse? In Anbetracht der Situation ist das Wortspiel wohl ein verzweifelter Anfall von Galgenhumor. Aber ich kann nicht schmunzeln. Ich starre in das Dunkel vor mir. Das Aufflackern des Werbedisplays vom gegenüberliegenden Wohnturm erhellt immer wieder für wenige Sekunden den Raum und hinterlässt vor meinen Augen grüne, blaue und rote Kreise, die rasch vorüberziehen. Nike, Apple, Coca Cola. Die blechernen Stimmen der Androiden dringen von der Straße zu mir hinunter, und der Nieselregen trommelt monoton ans Kellerfenster. Irgendwo durch ein Loch in der Decke fällt der Regen und patscht auf den spröden Beton. Ich habe die Datei wieder geöffnet. Sie schwebt vor meinem inneren Auge. Lío, Nishiki und Sam. Was für ein bezaubernder Mann, was für entzückende Kinder! Ich lese den Artikel wieder und wieder. Es ist nicht mehr viel Platz auf dem Memoface, es füllt sich mit mei-nen letzten Gedanken. Alle anderen Sektoren dürften ka-putt sein. Merkwürdigerweise kann ich mich an eine Stelle aus einem Buch erinnern. Sie flackert immer wieder für einen Moment auf, wie das Zittern einer defekten Neonröhre … nur dieser eine Satz.»

Dieser eine Satz war auch Bender geläufig. Wer kannte ihn nicht? Als er Schritte an der Tür hörte, unterbrach er die Aufzeichnung. Das Bild hing fest. Dreißig Sekunden waren noch auf dem Speicher. In diesem Moment vibrierte sein Telefon erneut. Er wollte bereits rangehen, als seine Sekretärin das Büro betrat.
Sie war hübsch wie immer. «Es ging leider nicht schneller.»
«Schon gut, danke.»
Sie legte drei Zeitungen auf den Tisch. «Ich weiß nicht, warum die das immer noch drucken.»
«Manchen Leuten ist Papier eben lieber», antwortete er.
Ihr Blick streifte für einen Moment das Buch auf seinem Schreibtisch. Ein Roman von Samjatin. Vermutlich hatte sie noch nie etwas von dem Autor gehört. Sie sagte nichts weiter dazu.
Als er den Kopf neigte, bemerkte sie vermutlich das Memoface in seiner Buchse. «Schon wieder einer dieser Fälle?»
«Es hört nicht auf.»
Das Vibrieren in seiner Hosentasche endete.
Sie nickte. «Heute Morgen wurde übrigens der Konkurs der Dóku-Nichi-Konzerngruppe offiziell bekannt gegeben. Sie haben zugegeben, dass das Computervirus aus ihrem Produktionswerk in Tokyo stammte.»
«Verdammt!» Bender lächelte zynisch. Er hätte nie gedacht, dass so etwas je passieren konnte. Durch das Virus waren in der Nacht auf den 25. November alle Daten der Memoface-Serie VII irrtümlich formatiert worden. So ein Fauxpas konnte einen Konzern in die Knie zwingen.
«Besitzen die in den Werken wenigstens eine Siche-rungskopie von den Daten ihrer Endverbraucher?»
Sie schüttelte den Kopf. «Die können sich warm anziehen.»
Ja, das konnten sie. Aber es würde ihnen nichts nützen. Bender konnte von Glück sagen, dass er nicht für Dóku-Nichi arbeitete. Die Konzerngruppe würde sich innerhalb der nächsten Monate den Schadenersatzforderungen von Millionen Endverbrauchern stellen müssen, die den Verlust ihrer persönlichen Daten einklagten – sofern sie sich daran erinnerten.
Sie nickte auf das Memoface. «Wie weit sind Sie?»
«Fast durch. Ich fahre jetzt runter und sehe mir die Frau an. Auch sie hat ihre Erinnerung verloren und ver-mutlich ihre Familie erschossen.»
«Oh Gott!» Seine Sekretärin kniff für einen Moment die Augen zusammen.
Bender nahm die Zeitungen und erhob sich. Er begleitete die Frau zur Tür. Im Korridor trennten sich ihre Wege. Sie ging zum InfoDesk, er zu den Fahrstühlen.
Bender betätigte den Sensor für das dritte Untergeschoß. Während ihn der Lift nach unten brachte, aktivierte er das Memoface mit einem Gedankenbefehl. Er schloss die Augen. Die letzten dreißig Sekunden spulten sich vor seinem geistigen Auge ab.

«… nur dieser eine Satz. Der Rest meiner Erinnerung ist noch immer nicht zurückgekehrt, und alles, was mir geblieben ist, sind drei Hologramme, ein Artikel im Zwischenspeicher, meine Erinnerung an eine Textstelle ... und dieses überholte Modell einer handgesteuerten Zucak5, das ich dem Jungen in der Seitengasse abgenommen habe. Möge mir Gott meine letzte Tat auf Erden verzeihen. Wenn ein Schaden entsteht, dann musst du geben Leben um Leben, Auge um Auge, Zahn um Zahn.
Es wird mir nicht schwer fallen, meine Augen ein letztes Mal zu schließen und den Lauf in den Mund zu nehmen ...»

An dieser Stelle brach die Aufzeichnung ab. Bender zog das Memoface aus der Buchse. Der Fahrstuhl war längst unten angekommen. Die Tür stand offen.
Bender trat in den Korridor. Hier unten war es deutlicher kühler als in den Büroräumen der oberen Etagen. Auf dem Weg zum Raum Nr. 7 blätterte er durch die Zeitun-gen. Die New York Times vom 25. November 2050 berich-tete tatsächlich über den Dreifachmord an Sam Eldrige und seinen Kindern Lío und Nishiki. Danach blätterte er die Ausgabe von gestern und heute durch. Im Mittelteil der Ausgabe vom 29. November fand er schließlich die Nachricht, nach der er gesucht hatte. Er las den kurzen Artikel, während er durch die Etage lief.

Der Mord an Sam Eldrige und seinen beiden Kindern konnte geklärt werden. Wie viele Millionen andere auch, war seine Ehefrau ein Opfer des Memoface-Virus. Sie konnte von einem Polizeitank aufgegriffen werden, als sie mit der Tatwaffe, einer Zucak37, in der Hand durch die Straßen irrte. Sie wird in einer Aggressionskammer in Philadelphia therapiert.

Vor dem Raum Nr. 7 klemmte er sich die Zeitungen unter den Arm. Dr. August Bender stand in breiten Lettern an der Tür. Er drückte die Klinke nieder und öffnete den Raum. Wie jede Kammer in der Pathologie, so war auch diese auf sieben Grad runtergekühlt.
Auf dem Tisch lag die Leiche der unbekannten Selbstmörderin, die von zwei Kindern im Keller eines verlasse-nen Altbaus gefunden worden war.
Bender legte das Memoface neben den Kopf der Toten – oder was zumindest davon übrig geblieben war. Das Gesicht fehlte. Sie hatte sich in den Gaumen geschossen.
«Tut mir leid, meine Kleine», sagte er. «Ich werde rausfinden, wer du warst und was dir zugestoßen ist.»
Als er die Hand auf die Schulter der Toten legte, spürte er ein merkwürdiges Déja-vu. Im gleichen Moment vibrierte erneut sein Telefon. Er zog es aus der Tasche. Es war bereits der dritte Anruf – stets die gleiche Nummer. Beim Anblick der Vorwahl aus Bronx gefror sein Herz zu einem Eisklumpen.
Er hob ab.
«Doktor August Bender?», fragte eine sonore Stimme.
«Ja», krächzte Bender. In diesem Augenblick wusste er, was gleich kommen würde.
«Ich versuche seit Stunden, Sie zu erreichen. Irgendwie ist es Ihrer Schwester gelungen, an eine Waffe zu kommen. Sie hat drei Wärter verletzt und ist aus der Anstalt geflohen. Wir suchen sie seit …»
Bender fiel das Telefon aus der Hand.
Er drehte die Leiche auf den Bauch. Wie paralysiert starrte er auf das gotische Tattoo oberhalb des Steißbeins.

May you be half an hour in heaven,
before the devil knows you are dead
A.B.

Hoffentlich bewahrheitete sich der Spruch.
A.B. waren seine Initialen.
Er selbst hatte die Worte damals in die Haut seiner Schwester tätowiert.