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Robinson und Level -17 von David Jacobs

Text des Monats November 2019 (Thema: Zahlen)

Autor/in:

Thema des Schreibwettbewerbs 2019 sind Zahlen, die Zahl im November: -17.

 

Robinson und Level -17

Ich gehöre zu den Menschen, die auch bei helllichtem Tag in einer vertrauten Stadt verloren gehen können. Mein Orientierungssinn ist kleiner Null, sagt Lisa. Ich würde das so nicht auf mir sitzen lassen wollen, aber sie hat nicht ganz unrecht. Ich biege zum Beispiel in eine Strasse, die ich zu kennen glaube, um eine Abkürzung zu nehmen. Ich bin kurz abgelenkt, weil mich irgendjemand wegen irgendetwas anspricht, biege falsch ab und finde mich in einem fremden Stadtteil, aus dem ich nicht mehr herausfinde.

Ich bin Peter. Du wirst wissen wollen, wer dir dies alles erzählt. Es fällt mir schwer, mich selber so zu beschreiben, dass du mich erkennen kannst, wenn du mir zufällig begegnest. Am ehesten geht es vielleicht so, dass ich dir schildere, was du im Spiegel siehst, wenn du zufällig in einem Aufzug neben mir stehst. Ist dir das schon mal aufgefallen: Die Leute  schauen sich in Aufzügen nicht an. Sie blicken in den Spiegel und mustern sich verstohlen. Du blickst in diesen Spiegel und siehst mich, einen Mann mit schmalen Schultern. Mein Haar wirkt dünn und an den Schläfen geht es stark zurück und wird grau. Man kann noch nicht von einer Glatze reden, aber in zwei Jahren wird sich dieses Wort nicht mehr wirklich vermeiden lassen. Wenn ich merke, dass mich einer so verdeckt anschaut, drehe ich mich neugierig zu ihm hin, nicke freundlich und schaue ihn offen an. Meine Augen sind schön. Sie blicken warm und freundlich, auch wenn der Rest von mir nicht viel her macht. Blau-grün. Blau-grün – und strahlend. Ich mag meine Augen. 

Zum Geburtstag hat mir Lisa eine App geschenkt, mit der sie mich im Notfall orten kann. Die App heisst «Robinson». Das Passwort, das sie für mich eingerichtet habe, sei «Freitag». «Damit du mir nicht mehr verloren gehst, Freitag», hat sie gesagt und mich in die Seite gekniffen. Ich weiss nicht, ob ich mich je an ihren Humor gewöhnen werde. Ich liebe sie. Sehr sogar. Aber sie hat manchmal so eine Art, dass ich nicht ganz sicher bin, was sie an mir findet.

Robinson ist keine normale Navigations-APP, wie du sie selber auf dem Handy installiert hast. Das habe ich erst verstanden, als es schon fast zu spät war. Aber ich will nicht vorgreifen.

Was mir an meinem alten Navigationsgerät gefallen hat, das ist die Geduld, mit der die freundliche Stimme von Natalie mich immer wieder auf den rechten Weg zurückgeführt hat. Ich fühlte mich sicher. Geborgen. Ich hatte immer das Gefühl, dass Natalie mich mag. Ich habe Lisa nie davon erzählt. Auch nicht, dass ich mit Natalie geredet habe, wenn ich alleine im Auto sass. Ich hatte immer das Gefühl, dass ich ihr alles erzählen kann. Lisa hätte das nicht verstanden. Aber auf den langen Fahrten zu meinen Eltern habe ich Natalie oft mein Herz ausgeschüttet.

Nein, Lisa ist nicht geduldig. Und wenn ich ihr bisschen Geduld strapaziere, wird ihre Stimme erst spröde, dann scharf. Wenn ich Lisa im Auto mitnehme, mache ich ständig Fehler. Sagt Lisa. Natalie käme nie auf die Idee, ein Wort darüber zu verlieren, wenn ich falsch abgebogen bin.

Lisa hat Natalie entsorgt. Am gleichen Tag, an dem sie mir Robinson auf dem Smartphone installiert hat, hat sie Natalie weggeworfen. Sie hat mich nicht einmal gefragt.

Lisa und ich sind seit knapp zwei Jahren zusammen. Ich hatte mich vorletztes Jahr in sie verliebt. Wir haben uns in einem Chatroom kennengelernt. Nicht sehr romantisch. Sie nannte sich dort Charme S. Ich war Donkey 7. Wir haben uns gleich gut verstanden. Wir hatten Spass. Erst nur im Chat. Aber dann auch bald offline.

Nach einem Jahr sind wir zusammengezogen. Meine Wohnung war mir schon immer etwas zu gross gewesen. Am Anfang war ich glücklich, nicht mehr alleine zu sein.

Lisa ist siebenundvierzig Jahre alt, fünf Jahre jünger als ich. Andere Männer drehen sich nach ihr um. Das stört mich nicht. Es macht mich stolz. Ihre Augen sind braun. Man sagt immer, dass braune Augen warm wirken. Bei anderen Frauen ist das so. Ich schaue Lisa gerne zu, wenn sie sich bewegt. Vor allem, wenn sie tanzt. Aber wenn sie mich ansieht, senke ich den Blick und lasse ihn lieber auf ihren Lippen ruhen. Ich mag ihren sinnlichen Mund. Er ist wie ein Versprechen.

Robinson ist kein normales Navi. Er ist eher ein Computerspiel mit integrierter Navigationsfunktion. «Er führt dich nicht nur ans Ziel, Freitag. Robinson trainiert auch deinen Orientierungssinn», hatte Lisa gesagt und mich fixiert. «Dann kannst du mir nicht mehr verloren gehen», sagte sie. So stand es auch im Robinson-Handbuch.

Aber irgendetwas ist seitdem schief gelaufen. In Robinsons Ranking bin ich jetzt auf Level  Minus 7 und Robinson ist nicht mehr so freundlich wie in der Startphase. Er war von Anfang an nie so warm wie Natalie. Und der Ton, in dem er mit mir spricht, ist rauer geworden. Mir war ja  immer klar, dass niemand  Natalie ersetzen kann. Aber Robinson ist inzwischen voll krass.

Am Anfang war Robinson ok. Er hatte zunächst vier Wochen lang geduldig mein Bewegungsprofil aufgezeichnet. Das war die beste Zeit, die wir zusammen hatten. Dann fing er an, leichte Orientierungsübungen in vertrauter Umgebung vorzuschlagen: «Einen wunderschönen guten Morgen, Freitag. Ich habe festgestellt, dass Sie auf dem Weg zum Bäcker immer einen Umweg von 287 Metern machen. Versuchen Sie doch einmal, diesen Umweg um 100 Meter zu reduzieren und probieren Sie, eine optimierte Route zu entwickeln. Sie werden sehen, es ist gar nicht so schwer und macht auch noch Spass?»

Am Anfang hat mich das sogar gereizt. Bei meinem ersten Versuch, die Strecke zum Bäcker abzukürzen, musste ich allerdings irgendwann umkehren, nachdem ich zweimal falsch abgebogen war. Als ich schliesslich angekommen war, checkte ich die App, um zu sehen, was für eine Rückmeldung Robinson geben würde.  Der Ton der Nachricht wirkte unterkühlt. «Hallo Freitag, die neue Route ist 700 Meter weiter und dauert 8 Minuten und 24 Sekunden länger. Wollen Sie diese neue Route zu Ihren Routinen hinzufügen?»

Drei Orientierungsübungen später war ich auf Level Minus 1 abgestiegen. Ich registrierte, dass sich der Ton, in dem Robinson mit mir chattete, abgekühlt hatte.  Die Orientierungsübungen, die Robinson vorschlug, fingen an, mich nervös zu machen. Als ich versuchte, sie zu ignorieren, richtete Robinson auf dem Handy eine Erinnerungsfunktion ein. Aus Vorschlägen zu einzelnen Orientierungsübungen wurden ab Level Minus 2 Aufgaben. Da gab es noch die Unterscheidung in verpflichtende und optionale Aufgaben. Ab Level Minus 3 war nur noch von einem Pflichttrainingsplan die Rede. Die Kommentare von Robinson waren ab Level Minus 2 bereits leicht ironisch. Ab Level Minus 3 wurden sie sarkastisch. «Na bravo. Es ist Ihnen mal wieder gelungen, die Wegstrecke zu Ihrer Arbeit um 12 Minuten und 13 Sekunden zu deoptimieren!»  Ich reagierte immer verunsicherter. Selbst auf kurzen, bekannten Strecken fing ich an, falsch abzubiegen, unnötig in die Irre zu gehen. «Robinson will dir doch nur helfen», versuchte Lisa mich zu ermutigen, als ich bei ihr über die Navigations-App klagte.   

Ich fing an, Robinson aus dem Weg zu gehen. Tagelang rief ich die App nicht mehr auf und entfernte sie vom Startbildschirm. Als ich die Erinnerungsfunktion deaktivierte, führte dies zu einem Abstieg auf Level Minus 4. Ab Level Minus 5 – ich hatte mein altes Nokia-Handy wieder aktiviert, das Smartphone auf Werkeinstellung zurückgesetzt und den Akku entfernt – fing Robinson an, mich auf dem Festnetz anzurufen. Wie zum Teufel hatte er die Festnetznummer herausgekriegt? Er ging zum Du über und fing an, mir die durch Deoptimierung verschwendete Lebenszeit vorzurechnen. «So geht das nicht weiter mit dir, Freitag. Wenn du die neuen Wegstrecken in deine täglichen Routinen übernimmst, bedeutet das hochgerechnet eine Verschwendung von drei Jahren Lebenszeit. Und schalte gefälligst wieder dein Smartphone scharf.» Ab Level Minus 6 fing Robinson an, mich zu beschimpfen.

Irgendwann ging  ich überhaupt nicht mehr ans Telefon. Dann entdeckte ich eines Tages eine Nachricht von Robinson auf dem Anrufbeantworter. Ich erschrak, als ich seine schneidende Stimme sagte: «Freitag, du Looser. Ich setze dich auf Level Minus 7. Jetzt werden andere Seiten aufgezogen».

Meine Hand zitterte, als ich im Handbuch las, dass die Leveloptionen bis Minus 17 gehen. Was würde da noch kommen? War ab Level Minus 9 Gewalt denkbar? Freiheitsstrafen? Noch Schlimmeres?

Ich hatte versucht, mit Lisa zu reden. Aber sie wehrte nur ab. «Gib dir doch mal etwas mehr Mühe. Natürlich können wir reden, aber erst, wenn du dich wieder wenigstens  auf Level Minus4 hochgearbeitet hast. Es ist doch in deinem eigenen Interesse.

Es war meine Rettung, als ich dann Else kennengelernt habe. Ich traf sie zufällig in einem Café, in das ich regelmässig gehe. Es war sehr voll. Sie fragte, ob sie sich zu mir setzen dürfe. Wir kamen ins Gespräch. Sie hatte ihr Smartphone ausgeschaltet und in die Handtasche gesteckt, als unser Gespräch langsam in Gang kam. Ihre Stimme erinnerte mich an Natalie. Ruhig. Unaufgeregt. Empathisch. Geduldig. «Was ist los mit dir? Immer wenn ein Handy klingelt, zuckst du zusammen.»

Ich zögerte einen Moment. Es war meine Rettung, dass ich ihr dann alles erzählt habe. Bis heute weiss ich nicht, warum sie sich entschloss, mir zu helfen. «Ich kümmere mich darum. Ich habe eine Idee, was da schief läuft. Soll ich dem nachgehen?» «Einfach so? Du willst mir einfach so …». Jeder meiner Freunde hätte mir abgeraten, ihr zu vertrauen.

«Du hast schöne Augen, weisst du das, Peter?» sagte sie. Ich schluckte und starrte sie an. «Deine Geschichte reizt mich. Ich kenne mich aus mit sowas. Ich entwickele Online-Spiele. Und ich vermute… Sag mal, seit wann trägst du dieses Fitnessarmband?» «Lisa hat es mir geschenkt. Wir tracken unsere Laufkilometer, Kalorienverbrauch, Höhenmeter, so Sachen.»

«Zieh es aus und leg es still. Vertraust du mir? Gibst du mir dein Handy und dein Passwort?» Sie schaute mich nachdenklich an. «Ich brauche eine Nacht, um den Quellcode zu knacken. Wenn es das ist, was ich denke, bist du in 48 Stunden mit Robinson fertig.» 

Kein normaler Mensch hätte ihr geglaubt und ihr sein digitales Leben anvertraut. Wenn sie so gut war, wie sie behauptete, könnte sie alles Mögliche …. Kein vernünftiger Mensch hätte ihr sein Passwort gegeben. Es war ihre Stimme. Warm. Wie bei Natalie.

Zwei Tage später waren wir bei ihr. Sie hatte Tee gemacht. Wir schwiegen lange. Es war angenehm. Sie liess leisen und anschmiegsamen Jazz laufen. «Es war so, wie ich gedacht habe. Den Quellcode zu knacken war einfach. Wenn man die Logik einmal verstanden hat und die richtigen Tools einsetzen kann, ist es zwar noch mühsam, aber ich weiss, dass ich nach sechs Stunden drin bin. Ich kann sogar ein paar Netflixserien gucken, während die Tools ihre Arbeit machen»

«Und was hast du gefunden?» «Kennst du dich ein bisschen mit Spielentwicklung aus? Nicht? Also: wenn wir heute ein Onlinespiel entwickeln, bauen wir das nicht von Grund auf neu. Wir nutzen Standardsoftware, einen Baukasten sozusagen. Das ist praktisch und spart Kosten. Diese Baukästen haben viele unterschiedliche Funktionen, die du scharfschalten kannst, wenn du sie für dein Spiel brauchst. Ein bisschen wie Malen nach Zahlen. Ein Teil der Funktionen wurde vor fünf Jahren verboten, da sie zu manipulativ sind. Wir haben die immer die Domina-Funktionen genannt. Aber man hat deswegen die Baukästen nicht neu entwickelt, sondern bloss diese Funktionen abgeklemmt. Die sind ganz ordentlich gesichert. Aber wenn du gut bist und weisst, was du machen musst, kannst du sie wieder aktivieren. Und Lisa ist gut.»

«Du meinst, Lisa hat … sie hat … was hat sie denn…?» «Nun, sie hat in der App-Steuerung die Domina-Funktion aktiviert. Dein Fitnessarmband und dein Smartphone werten dann verschiedene Parameter aus und machen sich ein Bild davon, wie ängstlich und selbstquälerisch der User mit seinen vermeintlichen Defiziten umgeht. Das läuft dann automatisch. Selbstvorwürfe verstärken die Domina-Funktion. Der Ton wird harsch. Wenn du versuchst, auszusteigen, wird das sanktioniert. Dein digitales Umfeld wird infiziert und selbst wenn du dein Smartphone stilllegst… Robinson sitzt inzwischen auf deinem Rechner, in deiner Cloud. Du sinkst von Level zu Level und du gerätst immer tiefer in die Grütze.» «Ich bin nur bis Level Minus 7 gekommen.» Ich blickte sie erschrocken an. «Dann sind dir die öffentlichen Selbstbezichtigungen in den sozialen Netzwerken erspart geblieben. Robinson hätte dich öffentlich blossgestellt. Ab Level Minus 10 kommen psychiatrische Diagnosen ins Spiel und ab Level Minus 12 tauchen versteckte Vorschläge auf, die einen Suizid als mögliche Option erwähnen. Das ist alles schon schlimm genug. Aber Level Minus 16 und -17 … nein, das willst du nicht wissen.» 

«Und Lisa … Lisa hat bei Robinson diese Funktion aktiviert? Warum hat sie…» «Sie hat das vor genau zweiundvierzig Tagen getan. Das Protokoll der Software ist da sehr exakt. Aber es sagt nichts über ihr Motiv.» Ich dachte an Lisas braune Augen und daran, wie ich lieber weggesehen hatte, wenn sie mich manchmal angeblickt hatte.

Else ergriff meine Hand. Es war das erste Mal, dass wir uns richtig berührten. «Es ist vorbei, Peter. Ich habe die Domina-Funktion deaktiviert. Und ich habe diese Segmente so gelöscht, das nicht einmal Lisa…» «Können wir Robinson töten?» Ich schaute sie an und erschrak.  
«Wir können diese Software aus deinem digitalen Leben löschen. Ich kann deinen Rechner desinfizieren und deine Cloud schrubben, bis kein Fitzelchen von ihm übrig ist. Aber die meisten von uns tragen ihren eigenen analogen Robinson mit sich herum.»  «Du meinst …..» «Ja. Ich glaube, die ganze Domina-Funktion greift nur, wenn wir selber bereit sind, grausam mit uns und unseren Fehlern umzugehen. Und keine Software dieser Welt kann ...»

Wir schwiegen lange. Der Tee war inzwischen kalt geworden. Die  Musik war verstummt.

«Ich mache mir Angst.» «Das geht den meisten von uns so, wenn wir ganz ehrlich mit uns  sind.» Ich schaute Else lange an. Sie lächelte mir zu und legte eine andere CD ein. Die Musik war transparent und klar. Nicht  so zurückgenommen wie der Jazz, mit dem der Abend begonnen hatte.

Wenn ich Bach höre, fühle ich mich immer, als kehre ich heim.