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Und noch einen Meter mehr von Tara Pfrunder

Text des Monats April 2020 (Thema: Klima- und andere Katastrophen)

Autor/in:

Thema des Schreibwettbewerbs 2020: «Klima- und andere Katastrophen», das Unterthema im April: Fallgeschwindigkeit

 

Und noch einen Meter mehr

 

«Wänn mer en Chiselstein us de richtige Höchi gheiä laht, wird er tödlich», sagst du, als ich wie alle anderen Kinder vom Turm spucken will. Es prasselt so schön, batzenförmiges Knallen. Wie die weissen Platzbeeren, die Schwester und ich unter den Schuhen zerdrücken, wenn der Frühling kommt.

Einmal soll jemand einen Stiefel heruntergeschmettert haben. Ohne sich zu drehen, bolzengerade ist er gefallen und unten stehen geblieben. Wenn die anderen Kinder flüsternd vom Stiefel erzählen, blitzt es in ihren Augen und die Mundwinkel und Fusspitzen zucken. Ich sehe immerzu den rotgestreiften Socken, der danach alleine alle 733 Stufen nach unten humpeln musste. Hat der Eisenrost gestochen und gedrückt?

Du umklammerst meine Hand, wenn wir hochgehen. Manchmal kann ich lange danach die Halbmonde deiner Fingernägel sehen, selbst wenn ich die Augen schliesse, liegen sie still da und glühen wie Löcher in meiner Retina.

Ich weiss, dass du Angst hast. Sehe, wenn dein Blick fahrig zum Horizont streift, nach Halt suchend.

Für dich allein spucke ich niemals ab Türmen, selbst Jahre später nicht. Für meine Freunde bekomme ich Höhenangst, damit du sie nicht haben musst.

 

«Wie lang gheit mer, wänn mer gheit?»

Du wolltest es nie wissen, hast mich immer wieder erschrocken angesehen, luftlos, wenn ich die Frage leise ausatmete. Unter diesem Blick verfremdete ich mich zum jugendlichen Turmspucker.

Medizinisch half dagegen nur eine Dosis gewünschte Weltall-Geschichten, M(ein) V( ) e(rklärt) m(ir) j(eden) S(onntag)… usw.

Später habe ich dir die Frage an den Kopf geschrien, niemals bösartig, immer mit der Zukunft im Blick. Denn ich wusste, es wird der Tag kommen, an dem ich gehen muss.

 

In Physik lernen wir: V ist G mal T.

Die Prüfung darüber flattert zurück. Ungenügend.

Der Lehrer will wissen, was gewesen sei. Ich hätte keine Zeit gehabt, erwidere ich. Nicht einmal genug, um meinen Namen ganz auf das Blatt zu schreiben. Oben steht es: tintenschwarz gekrakelt, in fremder Schrift. Martha V.

Nein, das könne es nicht gewesen sein. Ich hätte alle Aufgaben gelöst, nur eben nie ganz vollständig, sondern das Ende immer leer gelassen.

Ob ich wisse, um welche Grösse es hier denn gehe, fragt er.

«Um dä Sinn, um de gahts schlussamänt doch immer», lege ich frühreif in den Raum, stolz darüber, der Naturwissenschaft den Mund mit ein wenig Philosophie gestopft zu haben.

Erst auf dem Nachhauseweg entziffere ich das schwingende Rot des Lehrers auf der gebrandmarkten Prüfung.

/ V gleich was Fragezeichen/ V gleich was?/ V = was?/ V = ?/

 

Schwester sieht Rot lange bevor ich zu Hause bin. Sie erwartet mich und die Prüfung, schweisskalt zwischen linkem Daumen und Zeigefinger, unzerrissen.

Das ganze Abendessen lang schweige ich. Die Fragezeichen versteckt, zerknittert unter meinem Kopfkissen schreien mich stumm an. Mutter streicht mir unwissend die Angst tiefer in den Pelz.

Heute sieht sie mich an, als würde sie in einen Spiegel blicken, als hätte sie die Augen fest zu.

Da helfen nur noch die stechenden Tritte von Schwester unter dem Küchentisch.

Sie ist es schliesslich auch, die mich würgend, Physikprüfung im verkrampften Griff, über dem Papierkorb findet.

«Rüehr sii weg, lahn sii gheiä!»

Hoffnungslos.

Da reisst sie mir die Prüfung aus der Hand, läuft barfüssig ins Wohnzimmer, blickt Mutter steif in die Augen. Kerzengerade tritt sie nach vorn, reisst und reisst und reisst, bis es schneit, weiter noch, weiter, bis der Schnee im Kaminfeuer verfliesst.

Niemand ausser mir hat ihre dunklen Fingerspitzen im Halblicht zucken gesehen.

Danach ist alles wie gehabt.

 

«Wie lang gahts, bis mer weiss, das mer gheit?»

Eure fremden Lippen auf meinem Schlüsselbeinknochen lassen mich vor Angst erzittern. Immerzu muss ich an den fallenden Stiefel denken und es entfällt mir alle Liebe. Wenn unsere Hände erst Puls auf Puls liegen, ist mein zu gleichmässig schlagendes Herz schnell entdeckt und ich weiss, wir sind vorbei.

Jahre später erzählt mir jemand, immer zurückgeschaut zu haben im Gehen, wenn das Gartentor zufiel. Ich sei nie am Fenster gestanden. Irgendwann ging es nicht mehr, ohne diese winkenden Blicke.

Danach verschwimmen meine Jahre richtungslos in Aufstehen, Gehen, Kommen, Einschlafen, Aufstehen, Gehen… usw.

Eines Morgens ist mein Spiegel leer.

Mit zitternden Händen schäle ich die Scheiben zur Seite, lösche das Badezimmerlicht und flüstere in die Dunkelheit, bennene mich.

 

Einen Frühling lang buchstabiere ich meinen Namen. Hauche auf jedes Fenster, auf alle fremden Spiegel und verzeichne jeden Strich spiegelverkehrt im Dunst meines Atems.

Noch nie hat etwas so geschmerzt.

Doch im Herbst schreibe ich meinen Namen auf alle bodenwarmen Blätter.

 

/Martha, Verlassen./

 

 

Könnte ich, würde ich so schnell fallen, dass ich tödlich gegen die Zeit anstiesse.

Zurück zu dir, Mama, als du unten beim Turm stehen musstest und der Stiefel fiel.

Und dann barfuss höher, höher, himmelhoch mit dir.

Schreien, bis uns die Stimme platzt und dir sagen:

«9.81 Meter pro Sekunde, 9.81 Meter pro Sekunde und no en Meter meh,

so schnäll söll mer gheiä, für d’ Sache wommer liebt.»