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Vogelmanns Interpretation von Helen Hermens

Text des Monats Oktober 2019 (Thema: Zahlen)

Autor/in:

Thema des Schreibwettbewerbs 2019 sind Zahlen, die Zahl im Oktober: XX.

 

Vogelmanns Interpretation

 

Petersilie. Natürlich. Immer musste dieser Freak etwas Neues anschleppen, was die ganze Pause auf den Kopf stellte. Ganz lässig stand er neben den Tischtennisplatten, um ihn herum eine Schar Viertklässlerinnen, in der Hand dieses blöde Ding, das aussah wie eine billige Billardkugel. Aber das fand natürlich niemand wichtig. Wichtig für alle war nur, dass es die Zukunft voraussagen konnte. Und für Petersilie, dass er jeweils eine Match Attax Karte pro beantwortete Frage bekam, was natürlich jeder verstand. Sie alle nickten nur. „Ja klar kannst du Suarez Gold Edition haben.“ Ja klar. Natürlich.

Ich schnaubte, prellte meinen Basketball wütend in den Boden, dribbelte kurz und warf, während die Klingel schrillte. Schnittig durchzog der Ball das Netz, ein richtiger Buzzer Beater. Den natürlich niemand sah. Wie auch. Alle starrten auf diese blöde magische Kugel und fingen an hektisch durcheinander zu reden. Wahrscheinlich, weil sie vor der nächsten Stunde noch wissen wollten, ob Petersilie sie in den nächsten zehn Jahren heiraten würde. Genervt sammelte ich meinen Ball ein und dribbelte zur Eingangstüre. Ich sollte Morgen dieses Billard Magic Ding durchs Netz jagen.

Beim Reingehen schielte ich zu den Tischtennisplatten rüber. In einer Seelenruhe packte Petersilie die Zauberkugel in seinen bescheuerten Brustbeutel und scheuchte die Viertklässlerinnen wie Fliegen weg. Ich verdribbelte mich, weil ich so hirnlos am Starren war. Die Viertklässlerinnen kicherten, als sie an mir vorbeigingen. „Das ist doch die, die letzte Woche Stock verprügelt hat, oder?“ wisperten sie. Oh ja, sollten sie nur flüstern und oh ja, allerdings hatte ich dieses Weichei verprügelt. Weil Stock meinen Ball in den Garten von dem Vogelmann geschmissen hatte und der bekanntlich nicht nur die Vögel abknallte, die auf seinem Rasen herumhopsten. Mein Ball war jedenfalls zerlöchert gewesen. Er hatte, wie eine Drohung, einen Tag später in einer knöcheltiefen Pfütze auf dem Schulhof gelegen. Wirklich, kein Scherz. Die Pfütze hatte ihn so ertränkt, als wäre er elendig verblutet. Langsam und qualvoll. In der Nacht damals hatte es nämlich einen krassen Sturm gegeben und ich hatte total um meinen armen Ball gebangt. Das alles nur wegen Stock und dem unberechenbaren Vogelmann. Ich wette, der hatte mindestens zehn unterschiedliche Gewehre für unterschiedliche Kinder und Vögel und Bälle aller Grössen und Arten. Der Schulhof war neben seinem Garten das nächste Gebiet voller feindlicher Eindringlinge. 

Petersilie kam jetzt lässig zu mir rüber, den Brustbeutel schwang er so schnell durch die Luft, dass es surrte. „Kein Interesse an der Zukunft?“

Stur zog ich die Augenbraun zusammen. „Mit dem Quark beeindruckst du nur die dummen Gänse, Petersilie.“

Er zuckte mit den schmalen Schultern und grinste blöd. „Ist ein ziemlich lukratives Geschäft.“ Ich fragte mich immer, woher Petersilie solche Wörter kannte. Tiefenentspannt ging er an mir vorbei. Sein Beutel schwang immer noch. „Hol mal lieber deinen Ball, sonst zerlöchert der Vogelmann den wieder. Der ist doch nigelnagelneu, oder?“

Ich biss mir auf die Zunge und rannte zurück auf den leergefegten Schulhof, über den mein Ball gemütlich rollte. Zum Glück hatte Petersilie nicht gesehen, wie glühend rot mein Gesicht geworden war. Vor Wut und weil er Recht hatte und weil er immer alles durchblickte. Das war unfair. Ich schnappte den Ball und schielte zum Zaun rüber. Der Garten vom Vogelmann lag prächtig grün und wippend da, wispernd und unschuldig.

In der dritten Stunde hatten wir Mathe bei der Hase, was langweilig war. Nicht so langweilig war, dass ein Papierflieger in meinem Mäppchen landete, richtig exakt perfekt zwischen den HB und 4B Bleistiften, die ich in Musik unnormal gespitzt hatte. Blitzschnell griff ich danach.

Ich weiss, was mit deinem Ball passiert ist. Ikosaeder, nach der 4. XX

Ich las die kraklige Zeile mindestens 392 Mal. Alle dachten natürlich, XX stand für 2 Küsse. Deswegen war es so eine gute Tarnung. Weil XX stand eigentlich für Petersilie. Peter Seiler, 8 Jahre alt, letzte Reihe, neben Stock. X stand für Peter und X stand für Seiler. Wenn er das erklärte, klang es so logisch, dass es Obama unterschrieben hätte. Ich wäre auch mit der anderen Bedeutung einverstanden gewesen.

Bevor die Hase etwas sehen oder sagen konnte, liess ich den Flieger aus dem geöffneten Klassenfenster segeln. Das war meine nicht-erwischen-lassen-Taktik.

Das Ikosaeder war ein Klettergerüst vor der Schule. Ein Ikosaeder ist ein Körper mit 20 Flächen, 30 Kanten und 12 Ecken, in denen sich jeweils fünf Flächen berühren. Ich weiss sowas eigentlich nicht. Aber ich hab‘s gegoogelt, weil ich wissen wollte, was Petersilie so alles weiss. Er stand lässig am Fusse des Gerüstes, wartend.

 „Was ist mit meinem Ball passiert?“ kam ich direkt zum Thema.

„Fragen wir den Magic 8 Ball“, antwortete Petersilie wissend und öffnete geschickt seine Bauchtasche.

„Deine magische Billardkugel kann mich mal“, schnaubte ich. „Die kann doch nicht mal nachweisen, dass in dem Mensaessen gehirnmanipulierende Gene sind oder dass die Hase in der Fünf-Minuten-Pause heimlich Rotwein auf dem Lehrerklo säuft. Das weiss ich nämlich auch ganz ohne deinen blöden Powerball. Das weiss ich wegen“, und tippte mir an die Stirn, „wegen Recherche und Kombination.“

 Petersilie war sichtlich unbeeindruckt und wenn er’s doch war, dann hatte er echt ein Pokerface. „Ich habe einen Deal“, schlug er mir ganz sachlich vor. „Der Vogelmann knallt, unserer Vermutung nach, einfach alles hemmungslos ab. Wie beispielsweise deinen Basketball. Wenn wir das beweisen können, wird der Vogelmann ins Gefängnis gesteckt und kann dort elendig verrecken, weil der Waffenbesitz natürlich strafbar ist. Du müsstest nie wieder Angst davor haben, dass dein heiliger Ball in das heilige Revier dieses Verrückten fliegt.“ Ich antwortete nicht. „Der Magic 8 Ball kann uns hierbei richtig gut helfen“, fuhr Petersilie fort. „Wir können ihn fragen, wann der Vogelmann nicht zuhause ist, wo er seine Waffen versteckt und wie er seine Angriffe auf Unschuldige plant. Dann können wir Beweisfotos an die Polizei schicken und werden als Helden mit einem hohen Geldbetrag belohnt. Mein Vorschlag ist, dass du 15 Prozent abbekommst, weil du mir als Assistentin und Zeugin zur Seite stehst. Na, ist das ein Deal?“

Ich willigte wahrscheinlich nur ein, weil in meinem Kopf 15 Prozent für die neuen Jordans reichten und ich mir vorstellte, wie Petersilie und ich als gefeierte Helden heirateten.

Unser taktischer Tag für diese Mission war Samstag. Wir trafen uns in legeren Klamotten, wie Petersilie es nannte, vor dem schlafenden Schulgebäude. Da ich nicht wusste, was legere heisst und ich beim Googeln wahrscheinlich irgendetwas falschgeschrieben hatte (ich hatte bloss Vorschläge für eine Kollektion von Lena Gercke namens LeGer gefunden), trug ich meine Basketballklamotten.

„Weisst du eigentlich, dass der 8 Ball in Wirklichkeit ein winziges Ikosaeder ist?“ plauderte Petersilie, während er seinen Schatz hoch in die Luft warf und gekonnt wieder auffing. Ich schüttelte nur stumm den Kopf. Petersilie tippte gegen die schwarze Kugel. „Da drin ist ein Würfel mit 20 Seiten. Der schwimmt in einer magischen Flüssigkeit, die entscheidet, was passiert.“ Probeweiser befragte er das Ding.

It is decidedly so”, quäkte eine blecherne Stimme.

„Was hat es gesagt?“

„Dass ich dekadent Recht habe.“

„Es hat dekadent gesagt?“

„Natürlich, decidedly, dekadent, hast du in Englisch nicht aufgepasst?“

„Das war Englisch? Das klang eher nach Chinesisch.“

Petersilie schüttelte den Kopf, als wäre meine Seele schon längst in der Verdammnis verloren.

Auf die Frage, ob der Vogelmann seinen Schlüssel vielleicht unter der Fussmatte versteckt hatte, antwortete die Kugel mit „You may rely on it“. Petersilie meinte, dass rely von lie käme und dass deswegen der Schlüssel on also auf der Matte liegen würde. 

Mit pochendem Herzen nährten wir uns der hohen Hecke, die das Hexenhäuschen vom Vogelmann umschloss. Ich hatte mich noch nie so nah an Vogelmanns Reich getraut. Vom Klassenfenster sah das Grundstück super verwahrlost aus. Der Garten wucherte wie ein eigener Dschungel. Mich würde nicht wundern, wenn Affen in den riesigen Tannen lebten. Die Fenster waren wahrscheinlich so schmal, um die Schüler noch genauer beobachten zu können. Manchmal konnte man den Vogelmann höchstpersönlich sehen. Wenn er sich ans Tageslicht traute, dann bewegte er sich nur langsam und schleppend im Schatten der mächtigen Urwaldbäume. Er war dürr und hager wie eine Vogelscheuche. Deswegen nannten wir ihn auch so: Den Vogelmann.

Noch bevor Petersilie und ich die Eingangstür erreichten, sah ich von Weitem schon, dass es gar keine Fussmatte gab.

„Petersilie“, zischte ich und blieb wie angewurzelt stehen, „deine Magic Kugel ist der reine Unfug, es gibt nicht mal eine Matte! Wie soll da irgendetwas auf ihr liegen?“ Meine Stimme war ungewollt lauter und panischer geworden. Wenn diese Tatsache nicht stimmte, dann stimmte es bestimmt auch nicht, dass der Vogelmann gar nicht zuhause war. Vielleicht beobachtete er uns schon durch die Fensteraugen, das Gewehr für Drittklässler im Anschlag.

Petersilie ging unverfroren weiter. Ich wollte noch etwas Schlaues sagen, was ihn davon abhalten würde in den sicheren Tod zu rennen, da flog die Vordertüre auf und der Vogelmann stand auf der Schwelle. Mein Herz war ein Eisklotz und meine Muskeln schwabbelige Götterspeise.

„Wart ihr das??“ krakeelte der Vogelmann, stakste auf uns zu, mit ausgestreckter dürrer Hand, in der einen labbriger Fetzen Papier hing. 

„W-w-was?“ stammelten Petersilie und ich gleichzeitig.

Der Vogelmann wedelte damit vor unseren Nasen herum, dass mir ganz schlecht wurde. „Ikosaeder, nach der 4. XX“, las er uns krächzend vor.

Petersilie sah mich an. Wie der Blitz durchzuckte es mich. Ich hatte den Flieger aus dem Klassenfenster geschmissen. Er war tatsächlich in Vogelmanns Dschungel gesegelt. Ob er wohl einen Elektrostuhl zum Foltern benutzte? Würde er uns wenigstens begraben? Vielleicht war es gar nicht so schlecht, unter so vielen Urwaldbäumen begraben zu sein.

„Das ist die LÖSUNG!“ Vogelmann brüllte fast. Er war tatsächlich noch tausend Mal verrückter als in meinen Albträumen.

„L-l-l-ööösung?“ stotterte Petersilie.

„Der Magic 8 Ball! Die 4. Dimension! Die Lösung! Die intergalaktische Flüssigkeit!“ Der Vogelmann deutete mit seinen krummen Fingern auf die Billardkugel, die Petersilie immer noch umklammerte. Jetzt riss der Vogelmann sie an sich.  „Kommt rein, ich erkläre es euch“, er zerrte uns in sein Hexenhaus. In meiner Angst griff ich nach Petersilies Hand. Sie war glitschig und eiskalt wie meine. Er drückte zurück. Wenigstens würden wir zusammen sterben. Ein bisschen wie Romeo und Julia.

Der Vogelmann scheuchte uns in einen Raum, der wirklich irre aussah. Da waren überall blubbernde Flüssigkeiten in Gläsern, in denen Omis immer Pflaumen einlegten. Stromkästen waren in einer verrückten Kombination aus diversen Kabeln zusammengeschaltet. Überall zuckten Barometernadeln. Im Raum waren ausserdem super viele Bildschirme verteilt, auf denen farbige Wolken hin und her wanderten. Manchmal blitzte es irgendwo in einer Ecke, was mich besonders verunsicherte. Meine Elektrostuhltheorie verfestigte sich.

Der Vogelmann blieb vor einem Tisch stehen, auf dem mehrere Geräte zusammengeschaltet waren: Ein Reagenzglas mit milchiger Flüssigkeit, eine faustgrosse Kugel und ein Bildschirm, der hin und wieder flackerte. Fahrig legte der Vogelmann Petersilies Kugel dazu. Er riss eine Schublade auf, in der mehrere Werkzeuge lagen und griff nach einem Hammer. Mir stockte das Blut in den Adern. Ich verwarf den Elektrostuhl.

„W-w-was machen Sie da?“ entfuhr es Petersilie. Er zerquetschte beinahe meine Hand.

Der Vogelmann antwortete nicht. Er war viel zu sehr in seinem Element, als dass er uns wahrgenommen hätte. Er legte den Magic Ball auf eine Schale und schmetterte den Hammer auf das unschuldige Ding. Die Billardkugel zersplitterte mit einem schrecklichen Knirschen. Schnell hob der Vogelmann die Schale über ein Becherglas, damit die blaue Flüssigkeit hineintropfen konnte. Mit spitzen Fingern löste er das winzige Ikosaeder aus der Kugel und hielt es mütterlich vor sein Gesicht.

„Er wird uns töten“, wisperte Petersilie mir zu. „Genau wie er deinen Ball und meine Kugel getötet hat. Vielleicht konversiert er hier in irgendeinem Reagenzglas unsere Seelen und braut sich einen Übermenschen. Und die Leichen verscharrt er im Garten und daraus wachsen dann diese gruseligen Mammutbäume.“

Als hätte der Vogelmensch das Gespräch belauscht, drehte er sich urplötzlich zu uns herum und warf die schlotternden Arme in die Höhe. „Meine Freunde, heute ist der Tag der Tage, jetzt ist die Stunde der Stunde und ihr, IHR, habt mir wahrlich geholfen!“ Er legte jeweils eine Hand auf Petersilies und auf meine Schulter und ging in die Knie. Ich blickte also direkt in sein schreckliches zerfurchtes Gesicht. Wissend nickte er uns zu. „Soll ich es euch erklären?“

Eine Woche später stand es in allen Zeitungen: Der Vogelmann hatte ein noch nie nachgewiesenes Wetterphänomen nachweisen können. Es geht nämlich bei den Wetterforschern darum, Dinge vorauszusehen. Der Vogelmann war in Wirklichkeit einer dieser Wetterforscher. Manchmal ist er wohl ein bisschen ausgerastet, wie zum Beispiel in der Nacht, vor der ich meinen Ball verloren hatte. Den Sturm hatte der Vogelmann durch einen Rechenfehler ausgelöst und riesige Hagelkörner hatten meinen Ball zerstört. Also doch kein Gewehr. Und anscheinend hatte er hinter seiner gruseligen Hecke die ganze Zeit an einer Möglichkeit geforscht, hydrische oder hydraulische Hurrikane oder sowas in der Art vorauszusehen. Das war noch nie jemandem gelungen und Vogelmann war ganz nah dran gewesen. Ihm hatte nur noch das winzige Etwas gefehlt. Das hatte ich mit Petersilies Papierflieger samt der zweideutigen Nachricht darauf beigesteuert. (Und er mit seinem Magic 8 Ball.) Ich habe zwar die ganze Sache bis heute nicht so ganz gerafft, aber ich versuche sie euch einmal in wenigen, präzisen Sätzen zu erklären:  

Anscheinend werden ganz grosse Wetterveränderungen mit Hilfe eines Ikosaeders gemessen, also so einem Ding, wie es bei uns vor der Schule steht. Die Hurrikane sind aber ausgefuchste Dinger. Sie entwischen dem Programm, denn sie sind am Anfang noch mikromässig klein. Tja, wie will man da einen Hydral’schen Hurrikan voraussehen? Vogelmann wusste es plötzlich! Denn diese intergalaktische Flüssigkeit in der magischen Kugel kann wohl doch ein bisschen die Zukunft voraussehen, also auch die des Wetters. (Da ist der Vogelmann wegen dem Tipp mit der 4. Dimension, der Zeit, draufgekommen, die in Petersilies Nachricht eigentlich für die 4. Schulstunde stand.) Dann wurde es in seiner Erklärung richtig verwirrend. In dieser flüssigen Pampe müssen nämlich zwei X-Chromosomen eingelegt werden, weil diese Hurrikans weiblich und deswegen noch viel ausgefuchster sind. Baut man also das Ikosaeder auf mikroskopischer Grösse nach, legt es um die zwei eingelegten X-Chromosomen und schliesst es an Vogelmanns ausgefuchstes Wetterprognosegerät an, hat man, voilà, die Vorhersage eines Hydral’schen Hurrikans. Verrückt, oder?