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Von meinem Vater, seiner Küche und meinen Sorgen von Samira El-Maawi

Text des Monats April 2012 (Thema: Familie)

Autor/in:

Von meinem Vater, seiner Küche und meinen Sorgen

 

Wenn meine Eltern Gäste zum Abendessen einluden, sass mein Vater in der Küche. Von

morgens bis abends. Er sass auf einem Hocker und schälte. Vor allem Zwiebeln. Er schälte sie

langsam. Liebevoll. Nicht nur drei oder vier, sondern eine grosse Schüssel voll. Die

geschälten warf er in eine Schüssel mit Wasser. Er summte zu Miriam Makebas Liedern und

weinte. Und ich machte mir Sorgen. Das bemerkte aber niemand.

 

Mein Vater kochte gut. Sehr gut. Das wusste meine Mutter. Sie schätze es. Und unsere Gäste

wussten das auch. Was aber nur unsere Familie wusste war, dass danach ein gewaltiges

Durcheinander in der Küche herrschte. Um dies etwas zu mindern, ging meine Mutter meinem

Vater zur Hand. Während er sass und schälte. Bis am Nachmittag ging dieses Zusammensein

gut. Dann wurde meine Mutter ungeduldig. Mein Vater sass nämlich noch immer. Aber auch

er wurde ungeduldig. Meine Mutter stand nämlich noch immer um ihn herum. Nach lauten

Worten schickte mein Vater sie aus der Küche. Und ich machte mir Sorgen. Das bemerkte

aber niemand.

 

Ich klopfte an die Küchentür. Komm, setz dich zu mir, sagt er. Ich fragte ihn, weshalb er so

viele Zwiebeln brauche. «Für die Vorspeise, die Hauptspeise und den Salat.» Ich staunte. «Es

gibt nur Zwiebeln? Wie wird das schmecken?» Mein Vater schmunzelte. «Geh, hilf deiner

Mutter beim Tisch decken.» «Aber ich will dir helfen, damit ich es lerne, und später auch so

gut kochen kann.» «Geh, deine Mutter braucht deine Hilfe.»

Als ich die Küche verliess, blickte ich in das besorgte Gesicht meiner Mutter. Sitzt er noch

immer?, fragte sie mich. Ich nickte.

 

Gegen Abend kam ein wunderbarer Duft aus der Küche. Meine Mutter atmete erleichtert auf.

Ich schlich in die Küche und sah meinen Vater stehen. Er summte zu Miriam Makebas

Liedern und lächelte. Die Hühnerbeine schickte er mit einer duftenden Sauce in den

Backofen. Der Reis brodelte zufrieden in der Pfanne. Der bunte Salat stand zum Anrichten

bereit. Ich suchte die vielen Zwiebeln. Aber ich fand sie nicht.

 

Es klingelte und wir assen. Unsere Gäste waren begeistert. Es wurde viel gesprochen. Über

das Land meines Vaters. Und über das Essen. Mein Vater sprach kaum. Er ass langsam.

Manchmal schloss er die Augen beim Kauen. Die Gäste putzen ihre Teller blitzblank auf. Wir

mussten sie trotzdem abwaschen. Meine Mutter räumte nach und nach das Geschirr ab. Mit

besorgtem Gesicht kam sie wieder aus der Küche und suchte den Blick meines Vaters. Und

ich machte mir Sorgen. Das bemerkte aber niemand.

 

Unsere Gäste waren nach dem Essen etwas träge. Aber noch immer begeistert. «Gib uns das

Rezept», flehten sie meinen Vater an. Mein Vater schmunzelte. Spät abends verabschiedeten

sie sich. Ohne Rezept. In den vielen Jahren bekam niemand ein Rezept.

 

Als mein Vater in seine Heimat zurückkehrte, begleitete ich ihn zum Flughafen. Wir sassen

uns gegenüber. «Nimm einen Stift», befahl er mir. Er diktierte mir in kurzer Zeit einige

Rezepte. Eilig kritzelte ich sie auf einen Notizblock. Am Schluss sagte er: «Es ist ganz simpel, aber es schmeckt wie im Paradies.» Dann ging er.