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Willkommen in Basedow von Lisa Freydank

Text des Monats Juni 2007 (Thema: Reiseberichte)

Autor/in:

Ostdeutsche Larmoyanz? Unsteter Blick? Triste postsozialistische Grossplattensiedlungen, in denen der Wind um die Häuser fegt? Weit gefehlt! Eine gute Autostunde von Berlin entfernt, in der 31-Seelen-Gemeinde Basedow, blüht die Subkultur. Schräg, selbstbewusst und stets voller origineller Einfälle, ziehen die schrillen Typen und das abgefahrene Ambiente des Ortes auch immer mehr Auswärtige an. Hier ist der Osten in!
Schnuffi, der Dorfhund, betreibt seine provokanten Performances seit Sommer 1990. Im Taumel der Wiedervereinigung und aus dem Bauch heraus hat sich Schnuffi spontan für eine persönlich anmutende, mithin aber eigenwillige Form der Aktionskunst entschieden: die öffentliche Hundehochzeit. Seitdem ist Schnuffi Kult. Selbst aus Westberlin kommen mittlerweile die Schnuffi-Fans und äussern sich begeistert über den Kulthund und die boomende Szene im Osten überhaupt. Kult-Schnuffi, begnadeter Protagonist des Basedower Off-Theaters, gilt neben Hubert, dem ollen Saufsack, als veritabler Kulturhöhepunkt der gesamten Region.
Wer sich an Kult-Schnuffis Performance sattgesehen hat, kann anschliessend den geodätischen Punkt am Ortsausgang besichtigen. Obwohl oder weil dieser Punkt inzwischen einem breiten Publikum zugänglich ist, zehrt er als Kulturinstitution nur noch vom eigenen Mythos. Ehemals Bollwerk gegen eine restriktive SED-Kulturpolitik, ist seine blaugrün oszillierende Patina inzwischen nicht mehr zu übersehen.
Ein Mekka für erlebnishungrige Nachtschwärmer ist dagegen der Briefkasten von Basedow. Hier feiert der Osten ab oder «brummt der Bär», wie es in Basedow heisst. Nur einmal täglich, um 10.45 Uhr, wird der Briefkasten geleert. Trotzdem ist er rund um die Uhr gelb. Seine eigenwillige Farbgestaltung, die bei den Einheimischen zunächst auf Unverständnis stiess, lässt das Vorzeigeprojekt fremd wirken in einem Ambiente, dem der Verfall mitunter noch deutlich anzumerken ist.
Hinter den bröckelnden Mauern der Dorfstrasse 7 schliesslich residiert die 62-jährige Lotte Lehmann, laut Spiegel die «Imelda Marcos der Schwippbögen». Hier, wo zwischen Pressspanplatte und Blümchentapete vor wenigen Jahren noch der kleinbürgerlich-sozialistische Biedersinn regierte, zelebriert sich der Osten selbst, versumpfen Touristen und Einheimische auf ihrer Suche nach dem ultimativen Kick. Lottes jüngste Anhäufung verwegen-provokanter Geschmacklosigkeiten ist noch bis zum 12. Januar 2007 zu bestaunen. Die den verwöhnten Kunstkenner eher exotisch anmutende Installation heisst «Drei Biertulpen mit Städtebildern drauf» und wird dank eines danebenstehenden Abfalleimers auch olfaktorisch spontan zum Abenteuer.
Gleich auf dem Nachbargrundstück trifft man auf die wohl skurrilste Szenestätte des Ostens. Tagsüber wirkt die Installation, ein ausrangiertes Plumpsklo, wie ein Museum ostdeutscher Lebenswelten: An den Wänden hängen Spinnweben und ein leerer Klorollenhalter. Doch das miefige Plumpsklo von Schweine-Paul ist mehr als ein miefiges Plumpsklo, es ist ein Symbol postsozialistischer Befindlichkeiten, ein Zeitzeuge eines ungebrochenen Willens zur abendlichen Freizeitgestaltung jenseits einer Kontrolle durch obrigkeitliche Instanzen. Kurt und Hubert, der olle Saufsack, dürfen sich zum engeren Freundeskreis des jovialen Schweine-Pauls zählen. Schweine-Paul, die lebende Legende der ostdeutschen Plumpsklobesitzerszene, grinst und angelt sich mit eingeübter Lässigkeit eine Zigarette. Zum rhythmischen Bellen Kult-Schnuffis schnellen Kronkorken zischend in die Höhe, und aus dem Mund des ekstatisch zuckenden Schweine-Pauls dröhnt ein belferndes «Örps». Ost-Rap vom Feinsten, der selbst Zugereisten einen Eindruck verschüttet geglaubter ostdeutscher Lebensfreude verschafft. Kurt, seines Zeichens Lottospieler und Senfgurkendisponent der ostdeutschen Firma «Konservenfabrik Briesenack», hat sich mit Bier versorgt und will die schräge Performance von Hubert noch geniessen, ehe er auf der Amüsiermeile von Basedow weitertorkelt. Hubert kann mit dem Kugelschreiber pornografische Vignetten auf Busfahrscheine zeichnen und ist als Galerist eine lokale Grösse. Seine Galerie gilt als die grösste und umstrittenste in Basedow. Der rastlose Künstler sieht sich selbst als Boomtown-Kid: «Ma unter uns, wer früher sowat, nich, ab in Knast, aber jetze, wa».
Stets angesagt ist auch die «Kneipe», die bei Insidern unter dem Namen Kneipe läuft. Die Kneipe, die schon zu Ostzeiten Kneipe hiess, ist bis heute erste Adresse für alle, die die Kneipenszene von Basedow kennenlernen wollen. Nicht nur vormittags, sondern auch nachmittags und abends ist in der Kneipe Saufen angesagt. Bereits ihre Vorgängerin, eine Kneipe gleichen Namens, war seit den Sechzigern nicht nur Treff der lokalen Saufprominenz, sondern auch Schauplatz legendärer Happenings. Der Wirt, der bei Insidern den Spitznamen «Wirt» trägt, erinnert sich noch gut an das geschichtsträchtige Jahr 1988, als nur drei Wochen nach der Ausbürgerung des Dissidenten Stephan Krawczyk «'n Huhn rein inne Kneipe und denn wieder aus Fenster is».
Die Jugendszene von Basedow tendiert eher zur Dorfstrasse 4. Dort geht nach Einbruch der Dunkelheit voll die Post ab. Nadine Lehmann, 15, sitzt rum und frönt dabei dem abgefahrensten Teeniespass seit der Erfindung der Love-Parade: Sie sitzt rum. Ausserdem beherrscht sie virtuos die Selbstvermarktung («Och, ich sitz bloss rum»). Manchen geht es auf die Nerven, dass sie rumsitzt, anderen gilt das Rumsitzen wie auch seine jugendliche Protagonistin bereits als Inbegriff hedonistischer Jugendkultur überhaupt. Nadine selbst sieht das Rumsitzen eher als eine gangbare Alternative zum defizitären Angebot an Jugendklubs: «Quatsch, Jugendklub, da würde ich doch auch bloss rumsitzen.» Nach dem Nachtleben von Basedow befragt, winkt sie übersättigt ab und schickt uns zum Dorfteich.
In diesem bei Licht besehen eher unscheinbaren 8-qm-Tümpel beginnt an den Wochenenden, kurz vor Mitternacht, das ultimative ostdeutsche Froschquaken: Ein Happening, mit dem die Basedower Kulturlandschaft sich selber zelebriert. Neben der Blaualge spriesst im postsozialistischen Musterambiente des Basedower Dorfteiches nicht nur Entengrütze, sondern auch eine agile Musikszene. Froschquaken hat eine lokale Tradition, die auch zu DDR-Zeiten nicht völlig unterbunden werden konnte, gequakt wurde in Basedow bereits in den Siebzigern. Inzwischen geht über der Amüsiermeile von Basedow die Sonne auf. Sonnenaufgang ist, wie uns der Wirt mit verschmitztem Lächeln mitteilt, derzeit total angesagt in Basedow. Noch fände er nicht täglich statt, fügt Schweine-Paul hinzu, aber immerhin schon im Osten. Und das ist die Hauptsache.