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Zwölf Krücken von Iris Muhl

Text des Monats Januar 2011 (Thema: Heimat)

Autor/in:

Zwölf Krücken

Unser Nachtlager lag gegenüber einem Zeltlazarett. Es bot 50 Verletzten Platz. Meist lagen darin aber 70 oder 80 Soldaten auf zwei Ärzte, sieben Krankenschwestern und zwölf Krücken. Nachts starb nie jemand. Ich kann mich erinnern, dass das Zelt grün war und die Einschusslöcher schwarz. Der Nachtarzt schrie herum, kommandierte die Schwestern, beunruhigte die gesunden Soldaten, die ihm draussen im Nachtlager zuhörten und die Kranken, die nur noch ihr Leben zu verlieren hatten.
Der Tagesarzt war ein guter Arzt. Er war leise und wachsam.
Wenn es regnete, liess er altes Verbandszeug über die Löcher des Zelts legen, damit der Regen nicht durch die Löcher in die Schusswunden der Soldaten tropfte. Gescheckt sah das Zelt aus, wie eine blutige Schildkröte. Der Regen wusch das Blut aus dem Verbandszeug und legte sich auf die Schildkröte. Der Eiter klebte sich auf die Blache und verstopfte die Löcher. Und wenn der Arzt vorne aus dem Zelt trat und sich eine Zigarette ansteckte, dann sah es so aus, als kröche der Kopf der Schildkröte aus ihrem Panzer und rauche. Sein Arbeitstag betrug regelmässig 15 Stunden. Von morgens um sechs bis abends um neun.
Er war ein guter Arzt. Abends, wenn es eindunkelte, hörten wir, wie er leise mit den Soldaten sprach. Er tröstete sie, hielt sie an, ruhig zu liegen, ruhig zu weinen, ruhig zu sterben. Und wir dachten dann: Er hat ein Herz. Dann nickten wir uns wortlos zu, als wären wir uns alle einig, dass wir bei diesem Arzt sterben wollten.
Manchmal hörten wir ihn, wie er ein letztes Gebet für die Sterbenden sprach, nachdem er ihre Unterschenkel, Oberarme oder Finger amputiert hatte und ihnen Karbol über die Wunden goss, bis sie ohnmächtig wurden, wenn sie es nicht schon waren.
Wir waren uns einig: Er war ein wachsamer Arzt. Er hatte seit Kriegsbeginn rund 800 englische Soldaten operiert oder medizinisch versorgt. Das erzählten uns die sechs französischen Krankenschwestern in ihren Rauchpausen, die sie auch für andere Dinge nutzten.
Manchmal kamen sie mit zerzaustem Haar und verrutschten Strümpfen hinter der Schildkröte hervor und fuhren sich über die Hüften. Zehn Zigaretten wollten sie dafür. Ich zog die zehn Zigaretten den sechs Frauen vor.
Pro Tag wurden durchschnittlich 20 Soldaten amputiert. Die Soldaten, die nicht amputiert wurden und aufstehen konnten, teilten sich zwölf Krücken. Wenn einer Glück hatte und ein Kamerad starb, durfte er zwei Krücken nehmen und nach draussen gehen. Wir rechneten im Schützengraben aus: es werden zehn Beine und zehn Arme pro Tag amputiert.
Macht 140 Glieder pro Woche. Macht einen Lastwagen pro Monat. Mehr Glieder haben nicht Platz. Auch nicht in unseren Köpfen.
Manchmal hat der wachsame Arzt uns zugewinkt, wenn wir abends in unser Nachtlager krochen und den Krieg für einige Stunden verlassen wollten. Dann dachten wir an unsere Heimat. Doch wir konnten nicht schlafen, weil der Gestank von Karbon und verbranntem Fleisch zu uns herüberkroch. Manchmal spürten wir die Heimat im Wort «Thank you». Niemand im Krieg sagte danke. Aber meine Kameraden und ich sprachen es trotzdem aus, denn die Höflichkeit beruhigte unser Heimweh. Dann legten wir uns Zigaretten in die Hände und bedankten uns laut und glotzten uns auf die Lippen, um es nicht nur zu hören, sondern auch zu sehen. Weil das Hören nicht ausreichte, um die Heimat zu spüren, sagten und hörten und glotzten wir „Thank you“.
Der Nachtarzt hatte mittlerweile seinen Kollegen um neun abgelöst und zwischen den 70 bis 80 Männern im Lazarett herumgeschrien, um den Tod für neun Stunden zu verscheuchen, denn auch der Tod hatte Angst vor seinen Schreien und der Arzt wusste das.
Dafür hatte der wachsame Arzt schon lange aufgehört, die Beine und Arme zu zählen, die durch seine zwei Hände und zehn Chirurgenfinger gingen. Der Krieg würde bald ein Ende haben und die Männer in Ruhe lassen, das war die Hoffnung des Arztes. Eine Krankenschwester hatte uns das erzählt. Die anderen sechs Schwestern zählten ihre 455 Zigaretten, die sie unter sich aufteilten. Hätten sie durch sieben geteilt, wäre es aufgegangen. Aber die siebte rauchte und tauschte nicht.
Wir erkannten am Winken des wachsamen Arztes, ob er müde war oder glücklich oder einfach nur gedankenverloren seine Hoffnung anzweifelte. Dann würde auch er in Ruhe gelassen werden, dachten wir, und nach Hause zurückkehren können. Wenn der Krieg nur endlich einschlafen würde, wie die Sterbenden im Lazarett während des Tages, wenn niemand dem Tod Angst machte.
Gestern Nacht traf den wachsamen Arzt beim Rauchen eine Granate. Sie amputierte seinen Körper. Zwei Arme, zwei Beine, zwei Hände, zehn Finger, zehn Zehen, zwei Augen. Die siebte Schwester sammelte alles ein und weinte aus Liebe. Mit seinem Tod hatte sie nicht gerechnet.