Zu schön, um wahr zu sein

Die aktuelle Ausstellung in den Vitrinen von Debattierzimmer und Foyer befasst sich mit utopischer und dystopischer Literatur. Literarische Utopien entstehen oft in historischen Umbruchzeiten und schildern einen gesellschaftlichen Idealzustand ausserhalb von Raum und Zeit. Um unbehelligt Kritik an den gegenwärtigen Zuständen üben zu können, wird die Handlung gerne auf einer einsamen Insel angesiedelt, auf einem unbekannten Stern oder in der fernen Zukunft.

Ihren Namen bekam die literarische Gattung vom 1516 im lateinischen Original erschienenen Staatsroman «De optimo statu rei publicae deque nova insula Utopia», verfasst vom englischen Gelehrten Thomas Morus. Eine erste Blütezeit erlebte der utopische Roman im frühen 17. Jahrhundert. Charakteristisch für diese frühen literarischen Utopien ist ihr unerschütterlicher Fortschrittsglaube und der damit einhergehende Optimismus. Zentrale Element sind Vernunft, Verzicht auf Privateigentum und Geldwirtschaft sowie der Zugang zu Bildung und Wissen für alle. Verortet sind sie in der Regel auf vergessenen Inseln.

Mit der vollständigen Entdeckung der Welt und dem Schliessen der letzten weissen Flecken auf den Landkarten hat sich im späten 18. Jahrhundert diese utopische «Insel-Literatur» überlebt. Stattdessen liegt die Hoffnung für eine bessere Welt nun in der Zukunft. Die Zeitkomponente ermöglicht die Vorstellung einer chronologischen Entwicklung von der als mangelhaft empfundenen Gegenwart in eine verbesserte utopische Zukunft.

An diesem Übergang ist der 1771 erschienene aufklärerische Roman «L’An 2440, rêve s’il en fut jamais» von Louis-Sébastien Mercier zu verorten. Er wurde zuerst anonym veröffentlicht und sofort nach seinem Erscheinen in Frankreich verboten. Der Ich-Erzähler schläft 1769 in Paris ein, wo er 2440 als alter Mann erwacht. Es herrschen Vernunft und Gemeingeist. Die Stadt ist sauber und von Ordnung und Harmonie geprägt. Die Aristokratie fiel einer friedlichen Revolution zum Opfer, alle Bewohner der Stadt sind Intellektuelle. Der Verkehr wird geregelt, Behinderte werden in ihrem Alltag unterstützt und sowohl Steuern als auch Tabak sind abgeschafft. Politische Herrschaft wird im Jahr 2440 nicht mehr als gegeben akzeptiert, sondern hinterfragt. Privateigentum und Geldwirtschaft existieren zwar, dienen aber der Bedürfnisbefriedigung und nicht der Profitmaximierung. Eine innere und äussere Zensur, der sich die Bürger freiwillig unterwerfen, macht diese moralische und herrschaftsarme Gesellschaft möglich.

Mercier schreibt gegen den absolutistischen Staat, den Adel und die katholische Kirche, die er allesamt als korrupt ansieht und verdammt den Gegensatz zwischen arm und reich. Der Realität des französischen Absolutismus stellt er das Ideal einer freien, auf vernünftigen Übereinkünften basierenden moralischen Gesellschaft gegenüber.

[Mercier, Louis-Sébastien]: L’an deux mille quatre cent quarante. Rêve s’il en fut jamais. Londres, 1772. Signatur F 3660.
Weitere utopische und dystopische Werke aus dem Bestand der Museumsgesellschaft sehen Sie in unserer neuen Ausstellung im Foyer im 1. Stock sowie im Debattierzimmer im 3. Stock.

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