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Extreme Massnahmen von Wolfgang Weinlechner

Text des Monats März 2021 (Thema: Die Grossen Zwölf)

Autor/in:

Thema des Schreibwettbewerbs 2021: «Die Grossen Zwölf», das Unterthema im März: Glück.

 

 

Extreme Massnahmen

 

Heimkommen ist alles, ist das Grösste. Den ganzen Schrott von der Arbeit lässt Robi im Vorzimmer, zieht ihn mit den Arbeitsschuhen aus. Das Krachen von den verstärkten Stahlkappen, wenn er die Schuhe ins Regal pfeffert, ist der Schlussakkord eines lauten geschmacklosen Tages. Der Tag war wie ein endlos fader und immergleicher Schlager im Lokalradio. Jetzt erst beginnt ein feineres Lied. Ein schönes.

Snoop hüpft ihm begeistert jaulend entgegen. Robi zerrupft ihm die Mähne und zieht ihn an den Ohren.

«Zu unserem grossen Bedauern müssen wir Ihnen mitteilen», sagt Robi. Snoop legt den Kopf schief und lässt die Ohren hängen, als hätte er verstanden. Vielleicht hat er. Retriever sind schlau.

Das Haus ist klein, kaum mehr als ein Zimmer. Der Onkel, seinen nahen Tod ahnend, hat ihm die Bude abgetreten, als er nicht mehr allein hierbleiben konnte, und das mit der Grandezza eines Königs, der einen Palast übergibt. Kurz darauf hat Robi das Anwesen geerbt.

Der Onkel hatte in seinem kleinen Häuschen und auf den fünfhundert Quadratmetern Grund furchtbar gehaust. Ein windschiefer Schuppen, das aufgebockte Gerippe eines Einser-Golfs ohne Motor und Räder und allerlei sonstiges Gerümpel im Garten verunstalteten das Grundstück. Es brauchte eine LKW-Fuhre, um das alles zu räumen. Innen im Haus nur Löcher in den Wänden, uralte Überputz-Elektroleitungen, versiffter Müll in jeder Ecke. Das alles schrie nach einem Bagger, nur war es schwer, hier einen Neubau durchzuboxen. Also hatte Robi die grossgemusterte nikotingelbe Tapete abgekratzt, die Bodenbretter ausgehebelt, die Fliesen in der Kochnische abgeschlagen, die Bude völlig entkernt. Nun war alles neu. Edles Birkenparkett, weisse Wände, Granit und griechisch-blaue Fliesen im Kochbereich. Badezimmer natürlich auch neu. Robi hat einen kleinen Keller ausgehoben und als Speis ausgemauert, eine Wendeltreppe zum Dachboden installiert, eine Gaupe ins Dach geschnitten und die Mansarde ausgebaut. Achtzehn Quadratmeter Neuland dort oben.

Dort oben schläft jetzt Cori. Sie schläft viel in letzter Zeit.

Robi geht quer durch die Essküche direkt ins Bad. Er schält sich aus dem Firmenoverall und aus der Unterwäsche, stellt sich unter die Dusche. Nur weg mit dem Schmutz. Den Overall zu waschen zahlt sich nicht mehr aus. Er wird ihn am Montag dreckig abgeben, zusammen mit dem Werkzeuggürtel.

Während er sich vor dem Spiegel die Haare frottiert kann er schräg durchs Fenster den Anbau sehen. Ein Ziegelrohbau, aussen noch unverputzt. Nur ein Raum, fünfundzwanzig Quadratmeter mit einem Pultdach. Eine grosse Aussparung für die Doppelglastür zur frisch aufgeschütteten Terrasse.

Das kleine Grundstück fällt zum nahen See ab. Ein alter Ahorn beschattet die Terrasse. Vielleicht muss er fallen, dieser Baum, er gefährdet den Anbau, doch Cori liebt ihn.

Der Anbau wird alles haben. Einen gemauerten Kamin, ein Heimkino, ein hundertfünfzig Liter fassendes Aquarium.

Der Anbau war schwer und mühsam zu bauen. Und er kommt dem Nachbargrundstück zu nahe. Die Nachbarn sind alt und knorrig wie der Ahorn. Cori hat die Genehmigung geholt. Sie hat die Nachbarin angelächelt und die Sache war durch.

Cori kann den Polarstern ein Stück nach Süden lächeln.

Beim Nachbarn war das gar nicht erst notwendig. Seit sich Cori im Juli oben-ohne im Garten gesonnt hat, ist er ein Fan. Natürlich war da die Nachbarin nicht zu Hause. Cori achtet auf solche Kleinigkeiten. Robi mag das an ihr. Diese Sorgfalt in wichtigen Dingen.

Den Bankmenschen an Bord zu holen war schwieriger. Mit einem Lächeln war es nicht getan. Eine Bonitätsprüfung, schmerzhaft wie der Mannbarkeitsritus eines Steinzeit-Clans, war fällig. Der Bankmensch in seiner selbstbewussten Frechheit war eine Zumutung. Wie ein Tanzbär auf heissem Boden musste Robi ein Tänzchen zur Litanei der Wirtschaftlichkeit aufführen. Ja er wird…, und nein er wird nicht… und ja haben wir bedacht… Und endfällig? Fixzinssatz oder flexibel? Zwanzig Jahre? Fünfundzwanzig? War doch nicht so schlimm!! Der Bankmensch führte die peinliche Koloskopie seiner Verhältnisse bis zum Ende. Es gab keine Gnade, erst recht keine Würde bei Robis zweifelhafter Bonität.

Robi zieht sich T-Shirt und frisch gewaschene Trainingshose über. Die Hose hat ein paar Farbspritzer, die auch in der Waschmaschine nicht mehr rausgehen, aber Cori macht das nichts aus.

Er steigt die Wendeltreppe hinauf und findet Corinna halbwach vor. «Dringend notwendige Restrukturierung», murmelt sie. «Unumgänglicher Einschnitt», antwortet Robi, als er zu ihr unter die Decke schlüpft, nur für eine Viertelstunde. Er braucht das. Coris Hintern ist ein Ofen, der ihn wärmt.

Robi ist ein grober Troll, bleich bis auf die sonnenverbrannten Unterarme und das Gesicht.

Corinna ist eine Göttin. Ihr Kopf ruht in einer blonden Wolke. Sie ist gross und schön, ohne jeden Makel. Der Himmel ist ein Platz auf dieser Welt, gleich hier in diesem Haus am See, weil sie da ist.

Cori ist schwanger, bekommt seit einigen Wochen Blähungen und Launen, sie isst wie ein Schwerarbeiter. Ihr Busen und ihre Hüften werden rund und voll wie der Mond.

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Corinna wärmt ihm das Abendessen, während er im Anbau das seitliche Fenster einsetzt. Höchste Zeit, dass er den Rohbau dicht bekommt. Der Winter mit all seinen Schwierigkeiten ist nahe.  Es wird nicht einfach, jetzt, wo Cori eine Weile nicht arbeiten kann. Und wo «…die Firma auf ihr Verständnis hofft.» Robi kommen manchmal Zweifel. Hat er sich zu viel erlaubt? Will er zu viel?

Nach dem Abendessen entgratet Robi den Lauf der Schrotflinte mit der feinen Feile. Gekürzt hat er die Flinte schon gestern mit der Flex draussen hinter dem Haus. Nicht schade darum. Das uralte Ding hat er mit dem Haus geerbt.

«Mit der gebotenen Umsicht und unter Berücksichtigung der Aktionärsinteressen», meint Cori nachdenklich. Sie ist eingeweiht. Und sie ist einverstanden.

Normal gehen solche Vorhaben immer schief, aber Robi ist schlau und er hat Nerven. Wenn er vierzig Meter über Grund Isolatoren am Strommast montiert, dann ist kein Platz für Hektik und Schlampereien. Er bringt die gebotene Umsicht auf. Er hat zu viel zu verlieren um schlampig zu sein.

Vor dem Zubettgehen cremt er ihr den Bauch ein. Seit vier Monaten tut er das jeden Abend. Cori liebt das so sehr, und nicht nur sie. Die Kleine innen drin gibt danach meistens Ruhe.

Wenn sie ihr Nachthemd bis zum Hals hochzieht, dann weiss er, heute will Cori, dass er ihr auch die Brüste eincremt. Nur wenn er sie nicht abstossend fände, sagt sie manchmal, obwohl sie genau weiss, dass er mehr und mehr verrückt nach ihr ist. Nur an diesen Abenden, wenn Cori noch keine Ruhe geben will, dann bleibt auch die Kleine noch auf. Laut Cori gefallen ihr diese Abende sehr, auch heute. Und alles geht vorsichtig, zart und immer besser.

«Für die Zukunft des Unternehmens alternativlos», sagt Cori vor dem Einschlafen.

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Am Sonntagvormittag geht Robi zu seinem Freund Tom, der im Keller einen Schiessstand eingerichtet hat. Tom ist auf Arbeit, aber Robi darf jederzeit kommen und mit der Kleinkaliber-Pistole üben, sooft er will. Er ist ein Ass mit der Pistole, das weiss jeder im Schiesssportverein. Vor drei Jahren hat er um einen einzigen Ring die Qualifikation für die EM verpasst.

Robi muss die abgeschnittene Flinte testen. Freund hin oder her, dieses Ding wird Tom niemals zu Gesicht bekommen.

Dieses Ding ist furchtbar. Die Schrotflinte donnert wie ein schweres Geschütz. Wie eine Urgewalt. Auf drei Meter streut sie fast einen Meter. Die Zielscheibe aus Karton ist praktisch nicht mehr vorhanden. Nichts übrig als zerlöcherte Fetzen.

An diesem Abend zieht Cori ihr Nachthemd bis zum Hals hoch, schon wieder. Robi nimmt sich sein Geschenk. Cori will ihm Mut machen. Mit Erfolg.

Cori, die Kleine und Robi für immer.

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Die Filiale ist perfekt. In einer verlassenen Baulücke um die Ecke kann er sich umziehen, ein Block weiter ist die Bus-Station. Der Bus war die letzten Male immer pünktlich. Robi checkt die Zeit auf seiner Armbanduhr. Sein Handy ist zu Hause. Cori wird genau jetzt eine SMS an Tom verschicken. Ein digitales Alibi. Ein schwaches Alibi, aber allemal besser als gar keines.

Der Bus wird in acht Minuten an dieser Station ankommen. Robi schlüpft in den neutralen Blaumann. Er hat billige neue Sporttreter an den Füssen. Er geht die paar Meter zur Bank. Ganz ruhig. In normalem Tempo.

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Was wisst ihr Typen von der Bank davon, wie der Himmel ist, denkt Robi. Ihr seid Hyänen, die mir ihre Vorsorgepläne in den Arsch schieben. Und was wisst ihr denn, ihr Aktionäre. Ihr edlen Share-Holder. Ihr Coupon-Schneider mit den goldenen Scheren. Ihr Finanz-Heinis. Ihr Prozent- und Promille-Optimierer. Ihr Abschreiber. Ihr Genuss-Berechtigten. Ihr Gewinn-Leser. Ihr Offshore-Schwindler. Ihr Chancen-Ergreifer. Ihr Stiftungsbegünstigten. Ihr tüchtigen Erber. Ihr Steuer-Vermeider. Ihr Vorausplaner. Ihr Lamborghini-Vernichter. Ihr Edelwein-Ausspucker. Ihr Stör-Ausrotter. Ihr Austern-Einfliegen-Lasser. Ihr Siebzehn-Zimmer-Haus-mit-siebzehn-Badezimmern-Bewohner. Ihr Unternehmer. Ihr Übernehmer. Ihr Vorteilsnehmer. Ihr Nehmer. Ihr glaubt, dass ihr alles habt. Ihr habt nicht, was ich habe. Ich habe Cori und die Kleine und das Haus am See. Dies alles steht mir zu.

«Selbstverständlich sozial abgefedert und unter Einhaltung sämtlicher gesetzlicher Fristen», sagt er, als die automatische Eingangstür der Bank zur Seite zischt, als hätte sie Angst vor seiner kalten Stimme. Sie tut recht daran, Angst zu haben. Niemand stellt sich zwischen ihn und sein Glück.

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Im Foyer der Bank zieht er sich die Trump-Maske über den Kopf und stürmt in den Schalterraum. Niemand ausser der Kassiererin da. Perfekt.

Unter der Maske wird ihm schnell heiss, aber sie wird verhindern, dass er DNA verstreut. Die Fingerkuppen hat ihm Cori heute in der Früh mit der ihr eigenen Sorgfalt mit Superkleber abgeklebt. Solche Dinge weiss sie, wegen CSI.

Er donnert einen Schuss in die Decke, lädt nach. Die Kassiererin verschränkt ihre Hände im Nacken. Sie blinzelt sich den Putz von der Decke aus den Augen, zieht Grimassen. Tränen ziehen Spuren durch den kalkigen Staub auf ihren Wangen. Der Filialleiter kommt aus seinem Kabuff. Er reisst die Augen auf und streckt die Arme so hoch in die Luft wie er nur kann.

Seine eigene Filiale zu besuchen hätte Robi mehr Befriedigung verschafft. Zu gern hätte er diesen selbstgerechten Bankmenschen, der ihn finanziell zum Mann erhoben hat, vor sich gehabt, die Hände in der Höhe und schweigend. Vor allem schweigend. Über Endfälligkeit nachdenkend. Doch die eigene Filiale zu knacken wäre zu dämlich gewesen. Man bekommt nicht immer, was man will. Was er braucht, das holt Robi sich jetzt.

«…kommen wir nicht umhin, extreme Massnahmen zu setzen», sagt Robi bestimmt aber höflich und legt die Einkaufstasche auf den Banktresen. Den Finger hat er immer am Abzug.