November 2022

Ein böser Fall

von Silvia Reusser
Jahresthema: 1 Ort – 1 Gegenstand – 1 Genre
Monatsthema: Im Rhein – Taschenlampe – Reportage

Noch unter dem Eindruck der Ereignisse vom 8. Oktober 2022 stehend, ist die Redaktion übereingekommen, die unvollendete – vielleicht letzte – Reportage unserer geschätzten Kollegin Jo Britschgi (job) an gewohnter Stelle, in der Reihe «jo sucht» zu publizieren.

@Jo: Wo bist du?

 

Ein böser Fall von Jo Britschgi

In der Nacht vom 30. September auf den 1. Oktober 2022, um 01.32h MEZ, stand der Rheinfall zu Neuhausen über seine gesamte Breite von 150 Metern still. Zu diesem Zeitpunkt waren 10% der Mondoberfläche sichtbar, die Nacht war klar, die Temperatur betrug 12°. Sabotage? Klimawandel? Die Selbstverweigerung der Natur? Eine Region zwischen Ungläubigkeit und Sorge. Der Fall schlägt Wellen.

 

Tag 1

Was bisher bekannt ist (Das Greifbare im Unfassbaren, eine subjektive Auswahl):

Die erste Streife der Kantonspolizei traf 8 Minuten nach dem ersten Notruf von Flurlingen her kommend, wo sie gerade eine Gruppe Töfflibuben weggewiesen hatte, beim Schloss Laufen ein.

Der Rheinfall blieb nicht einfach nur stehen, sondern wirkt wie durchtrennt. Die obere Schnittkante oberhalb der beiden Felszähne, die untere kurz vor dem Schlösschen Wörth, wo sich das Fliessen wie aus dem Nichts fortsetzt. Der Hauptteil jedoch fehlt. «Verpufft zu Abermillionen Molekülen», ein erster Erklärungsversuch.

Es war die erste Nacht, in der die Rheinfallbeleuchtung wegen der drohenden Strommangellage abgeschaltet blieb. Skurril die erste Reaktion aus Teilen der Bevölkerung: Das Elektrizitätswerk Schaffhausen habe statt der Beleuchtung gleich den ganzen Rheinfall mit abgestellt.

Ansonsten: Tiefe Betroffenheit.

Das Gelände ist weiträumig abgesperrt. Der ganze Hang, die frei gelegten Felsen und auch das Becken mit seiner Tiefe von 13 Metern, dürfen aus Sicherheitsgründen nicht betreten werden. Es besteht die Befürchtung «dass er (der Rheinfall) jederzeit wieder losgehen könnte», wie ein Bundesrat salopp formulierte. Seinem Ansinnen, sich von einem Helikopter aus auf den mittleren Felsen abseilen zu lassen, um von dort aus «Durchhalteparolen an das Volk» zu richten, wurde nicht stattgegeben.

 

Tag 2

Man werde sorgfältig beobachten und analysieren und täglich um 14h einen point de presse abhalten. Im Übrigen sei die Situation unter Kontrolle. Soweit die Politik.

Die Presse, wie auch die angereiste Wissenschaft (u.a. Hydrologie, Geophysik, Seismologie, Klimatologie, und ja, Astrologie) muss bereits in Hotels im grenznahen Ausland untergebracht werden.

Drohnen schmelzen, sobald sie einen Abstand von 80 Metern zu den frei gelegten Felsen oder dem Flussbett unterschreiten. Das Schmelzen setzt an den Rotoren ein. Das gewonnene Bildmaterial ist so gut wie unbrauchbar.

 

Tag 3

Ein Wohnturm, wie sie in den letzten Jahren zahlreich am Südufer des Beckens entstanden sind. Ich habe eine Erklärung unterschrieben, wonach ich die volle Verantwortung für das Betreten des Gebäudes und meinen Aufenthalt darin übernehme. Ich habe 30 Minuten. Mein Interviewpartner, Livio P., hat in jener Nacht als Erster die Polizei gerufen.

Der Fahrstuhl ist ausser Betrieb. Stockwerk um Stockwerk eröffnet sich der Hochsteigenden die Aussicht (das Haus wurde dafür gerühmt). Im 10. Stock das ganze Elend. Die Hangterrassen mit ihrem felsigen Untergrund, der seit drei Tagen in die Luft hinein abtrocknet. Die Felszähne aus Malmkalk, am Erodieren gehindert von einer dicken Schicht aus Moos und Algen, die in guten Zeiten den Anprall des Wassers abmildert. Kurzes Gestrüpp in Klüften und auf Kuppen. Der kleinere der Felsen: Ein unfrisierter Kopffüssler auf zwei Beinen.

Gottes Beitrag oben und des Menschen Werk an den Sockeln: Stege, Armierungseisen, Reste von Betoneinspritzungen in Löchern, gross wie Fenster; man sieht, was man lange schon befürchtet hat: die Felsen sind dringend sanierungsbedürftig. Im Bericht über die letzte Sanierung eine Momentaufnahme unerwarteter Magie: «Eiszauber an der Baustelle – 1985». Ob es diesen Winter auch nur eine Schneeflocke geben wird?

Die Bootsanlegestelle am mittleren Felsen ragt in die Luft, die bröckelnde Grundlage lässt nicht nur die Fachwelt erschauern: Lieber am Kleinen Erzittern, als das ganze Ausmass in den Blick zu nehmen. Der Eisenstieg mit dem Geländer führt nicht länger hinauf ins Stürzen Tosen Rauschen Brüllen, kurz: Hinein ins Abenteuer!, er hält Nichts und Niemanden mehr in Gleichgewicht und Lebenslust. Die Schweizer Fahne auf dem Gipfel des Felsens, jahraus jahrein mitgerissen vom Jubel des Wassers, hängt reglos und ist ab sofort auf den Wind angewiesen.

Wie Livio P. vor jener Nacht ausgesehen hat, weiss ich nicht, heute, drei Tage nach dem Ereignis (84 Stunden, präzisiert er) gleicht er dem Prototypen des berühmten Schattens seiner selbst. Unrasiert, Hemd falsch zugeknöpft, tigert er im Viereck. Einen Traum hat er sich mit dieser Wohnlage erfüllt. Und nun dies. Kaum eine Woche hat er hier gewohnt – er deutet auf Umzugskartons, verstummt. Was denn nun in dieser Nacht passiert sei? Er habe wach gelegen, wie immer, und dem Klang des Falls gelauscht, glücklich, geradezu selig… Dann plötzlich –Stille. «Hallo», habe er in die Wohnung hinein gesagt, «Hallo», dann «Test, Test, Test». Und als er gewusst habe, dass mit seinen Ohren alles in Ordnung war, sei er auf den Balkon gestürzt. Habe die Polizei angerufen. Zum Beweis habe er das Handy über die Brüstung in die Stille gehalten. Irrational. Unter Schock. Er werde bleiben, hier, in dieser Wohnung, er lebt vom Notvorrat, da er fürchtet, nicht zurück zu können, wenn er mal nach draussen geht. «Haben Sie zufällig etwas Essbares dabei?» Ich finde einen Schokoriegel in meiner Manteltasche.

Die Reporterin verspricht weitere Besuche. Näher kann sie dem sichtbaren Verlust nicht kommen.

 

Tag 4

Ein feines Netz aus Seismographen wurde über Hang, Felsen und Becken abgeworfen und aus der Luft an das Gelände angepasst, ein technisches Wunderwerk.

Der Hang wird rund um die Uhr von der Armee observiert. Er hat inzwischen begonnen, fürchterlich zu stinken.

«Der Nation unter die Haut gegangen» sei der Auftritt des Rappers X-terem im nächtlichen Talk von «Plotzer tonite», titelt die NZZ. Sein Vortrag des Mörike-Gedichts Am Rheinfall hatte begeisterte Live-Votings zur Sendung ausgelöst, kannten viele doch die berühmten Eingangszeilen: «Halte dein Herz, oh Wanderer, fest in gewaltigen Händen…» noch aus der Schulzeit. Und als ein sichtlich bewegter Plotzer mit «Mir entstürzte vor Lust, zitternd das meinige fast» eingefallen war, hielt das Studiopublikum den Atem an, dann raste es, trampelte…doch halt, was hat es mit den Pferden auf sich («Rosse der Götter, im Schwung, eins über dem Rücken des andern, Stürmen herunter und streun silberne Mähnen umher…»)?

 

Tag 5

Unter dem Hashtag #Rheinwasserpferd entspann sich über Nacht die Diskussion, ob Peter Jackson sich in HdR I bei Mörike bedient habe, oder ob Mörike seinerseits sich schon bei Hesiod bedient habe. Ach wo, das Pferd sei von jeher dem Wasser assoziiert, Poseidon als Gott der Pferde und so. Von hier war es nicht weit bis zum (virtuellen) Ruf: Ein Pferdeopfer muss her!

Die Politik hat die Lage weiterhin unter Kontrolle.

Livio P. wünscht Salat, Pfifferlinge und mehr von den Schokoriegeln.

 

Tag 6

Sie haben einen alten Gaul namens Eclipse beschafft (einer kannte einen und so weiter, mein Kontakt hält sich bedeckt). Es ist Donnerstag (Tag des Thor!), kurz vor 01.30h. Treffpunkt ist eine Stelle mit freiem Zugang zum Rhein und doch so nah an der Absperrung wie möglich. Fotoverbot und: Keine Namen! Das Pferd in den Menschen, kaum zu sehen. Ab und an die Taschenlampe eines Handys. Ohne grossen Verzug wird Eclipse an ledernem Seil unter Trommelschlägen (die Schlägel umwickelt wie die Hufe) und unter Abbrennen von Räucherstäbchen – anscheinend weiss keiner so recht, wie man sich bei einem Opfer zu verhalten hat – in den Rhein spediert. «Nein!» Böser Blick meines Kontakts. Wasser schäumt, spritzt, gurgelt, Eclipse taucht auf. Das ist ein Rollen mit den Augen, die Mähne panisch nass geschleudert, ein Huf wirbelt Lumpen durch die Luft, ein Rücken krümmt sich wie ein Lindwurm. Vergebens. Das Pferd versinkt im Rhein. Die Leute verstummen, leise zischt das Räucherwerk.

Und dann geschieht es: Der Rhein spuckt Eclipse aus. Der Hengst schüttelt sich, fängt dann an zu grasen. Eine meint, man hätte anstelle des Kleppers vielleicht doch ein echtes Rennpferd nehmen sollen. Widerworte. Es wird laut. Die Reporterin verlässt den Nebenschauplatz, hinein ins erste Schrillen der Sirenen.

 

Tag 7

Das Gelände wird nach wie vor überwacht, es kursieren zahlreiche Patrouillen und am Schloss Laufen sind Suchscheinwerfer installiert, leuchtende Langfinger, die die Nacht im Fünfminutentakt abtasten (gelobt seien die Besuche bei Livio P.).

Morgen werde ich eine Gruppe von Aktivisten begleiten. Sie haben mich kontaktiert, Prepaid natürlich. Sie planen, sich an den Armierungen der Felsen festzukleben. Nicht an den Armierungen, ihr müsst weiter hinauf!

Update: Man sei überein gekommen, nur eine Person zu schicken, wegen des Restrisikos. Ich biete mich an. Job ist Job. Erleichterung auf der anderen Seite. Versehen mit Instruktionen (ich weiss nun, wie das Festkleben läuft) und der Taschenlampe meines Vaters – mehr ein Glücksbringer denn ein nützliches Instrument –, werde ich kurz vor Morgengrauen den Abstieg von Norden her wagen (dies ein kleiner Hinweis auf die mögliche Einstiegstelle). Von dort aus werde ich die Kollegen informieren. Einen oder auch zwei zu überzeugen wird genügen. Hoffentlich.

Ich habe den mittleren Felsen gewählt, mithilfe der alten Restaurierungsstege sollte ich über die Wasserlinie kommen. Angeschmiedet (nun gut, angeklebt) wie eine moderne Andromeda, werde ich das hinterlegte Transparent (Save water – Save Rhine Falls) entrollen. Dass Perseus kommen wird, ist unwahrscheinlich, es sei denn, er wolle endlich die ganze verdammte Menschheit retten. Aber irgendjemand wird kommen, wahrscheinlich aus der Luft, und den Bann des verstummten Falles brechen. Andere werden folgen. Vermutlich mit Handschellen. Ich werde berichten. (job)